Kolumne: Römische Notizen

Was man über kranke Päpste wissen darf

Aktualisiert am 08.07.2021  –  Lesedauer: 

Rom ‐ Informationen zur Gesundheit des Kirchenoberhaupts unterliegen im Vatikan einer rigorosen Kontrolle. Warum das so ist und trotzdem kein Anlass zu übertriebener Sorge um Papst Franziskus nach seiner Darm-OP besteht, erklärt unsere Kolumnistin Gudrun Sailer.

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Es war ein sorgfältig geplanter Eingriff, medizinisch, logistisch wie kommunikativ. Am Sonntag betete Franziskus wie gewohnt das traditionelle Mittagsgebet der Kirche, den Angelus, mit den Gläubigen auf dem Petersplatz. Vorher legte er das Sonntagsevangelium aus, nachher kündigte er eine Slowakeireise an und lancierte einen Appell für Frieden im südlichen Afrika. Kein Wort über sich selbst, kein Aufruf zum Gebet in eigener Sache (den hatte er allerdings bereits vor Peter und Paul am 29. Juni abgesetzt). Drei Stunden nach dem Angelus kam der 84-jährige Papst im Auto in der Gemelli-Klinik im Norden Roms an, wurde für den Eingriff am Dickdarm vorbereitet und schließlich unter Vollnarkose operiert. Sein Leibarzt Roberto Bernabei war im OP-Saal dabei, wie der Vatikan hinterher mitteilte. Der Gerontologe arbeitet erst seit Februar für den Papst, das Darmproblem seines Dienstherrn erkannte er bald und organisierte den Eingriff in gebotener Diskretion.

Teil der Logistik war eben diese Geheimhaltung vorab, in diesem Fall freilich abgefedert durch eine wohlüberlegte und rechtzeitige Vatikan-Kommunikation. Die erste Mitteilung über den chirurgischen Eingriff traf Sonntagnachmittag ein, da war Franziskus noch nicht operiert, sondern gerade erst in der Klinik eingetroffen und unterwegs zum "Papst-Zimmer" im 10. Stock. Die zweite, am späten Abend, meldete Verzug, listete das Ärzteteam auf und ließ wissen, der Patient habe auf den Eingriff gut angesprochen. Die dritte kam am Montagvormittag, sprach von einer dreistündigen OP mit Entfernung eines Stückes Dickdarm links und sieben Tagen Krankenhausaufenthalt, Franziskus sei wach und ansprechbar, es gehe ihm gut. Reporter vor der Klinik eroberten keine weiteren Informationen von Belang, das "Gemelli" weiß, was sich gehört. Und während von weit her Genesungswünsche eintrudeln, halten wir würdigend fest: So sieht eine klinisch saubere, einwandfreie und moderne Kommunikation aus.

"Gesundheitszustand des Papstes": Eine stehende Wendung

Das war nicht immer so. Vonseiten des Vatikans herrschte im Umgang mit kranken Päpsten lange Zeit eine ausgesprochene kommunikative Frugalität. Erst im Nachhinein oder wenn sich wirklich nichts mehr verbergen ließ, kam ein Kommuniqué. So geschehen bei der Parkinson-Erkrankung von Johannes Paul II., die sein kongenialer Pressesprecher Joaquín Navarro Valls erst 1998 bestätigte, als das beständige Zittern des zeitlebens sportlichen und charismatischen Papstes schon jedem aufgefallen war, der ihn im Fernsehen sah. Gesagt werden muss, dass der ausgebildete Arzt Navarro Valls – der Papst berief ihn 1984 in den Vatikan - erhebliche Widerstände vonseiten der päpstlichen Entourage zu überwinden hatte. Die hätte die Parkinson-Diagnose nämlich gerne weiter verschwiegen. Dass das im Medienzeitalter eine minder kluge Lösung gewesen wäre, weil es an der Glaubwürdigkeit des Heiligen Stuhles gekratzt hätte, leuchtete dann aber doch ein.

Mit Ehrfurcht wird man sich sodann an die medizinischen Bulletins im späten Pontifikat von Johannes Paul II. erinnern. Die Wortfolge "Gesundheitszustand des Papstes" wurde etwa ab 2003 zu einer stehenden Wendung, die nichts Gutes verhieß und alle öffentliche Aufmerksamkeit für die Kirche wie ein schwarzes Loch einsog. Medienleute, die in den letzten Monaten des Pontifikats – Johannes Paul starb ab 2. April 2005 - etwa versuchten, andere Catholica als den "Gesundheitszustand des Papstes" zu verhandeln, wussten ihre Leserschaft spärlich. Die medizinischen Bulletins lösten eine immense Welle des Gebets von Glaubenden in aller Welt aus. Solcherart getragen, nahm der polnische Papst sein Leiden als Martyrium an, einen Amtsverzicht hätte er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren können. Sein Siechtum wurde zum imposanten Ende dieses langen Pontifikates. Johannes Paul II. hatte immer einen guten Draht zu Medien gehabt, er war "attraktiv", brachte Quote. Bemerkenswerterweise brachte er sie gerade auch als Kranker, obwohl Leid ja sonst als Wegzapp-Thema gilt.

Der päpstliche Leibarzt Roberto Bernabei.
Bild: ©picture alliance/CatholicPressPhoto|CatholicPressPhoto/IPA

Der italienische Gerontologe Roberto Bernabei ist seit Februar 2021 neuer Leibarzt von Papst Franziskus.

Der deutsche, von den Nazis vertriebene Historiker Ernst Kantoworicz war es, der Mitte des 20. Jahrhunderts mit Blick auf europäische Herrscher des Mittelalters die These von den "zwei Körpern des Königs" entwickelte. Ein Souverän hat demzufolge einen natürlichen und einen politischen Körper. Einen Leib, der krank wird, altert und stirbt, und einen anderen, der quasi übermateriell, wie das Herrscherprofil auf der Silbermünze, Amt, Macht und Größe repräsentiert und nebenbei offen ist für allerlei Zuschreibungen. Für den politischen Körper ist es unerheblich, welcher Innozenz, Friedrich oder Franz gerade in ihm steckt, sein Job ist Kontinuität über Innozenz, Friedrich und Franz hinaus.

Wenn wir dieses in der Geschichtsforschung übrigens sehr wirkmächtige Modell weiterdenken, wird klar, warum ein Hofstaat wie der Vatikan so lange Bauchweh hatte bei der Vorstellung, die Krankheit eines Papstes mitteilen zu müssen. Für den Fall seines Todes ist – Stichwort Konklave - ein Ritual festgeschrieben, das mit großer Geste den fugenlosen Übergang von einem Amtsinhaber zum nächsten garantiert. Ein natürlicher Körper folgt auf den anderen, der politische Körper bleibt. Krankheit aber ist sumpfiges Terrain. Wenn nach außen hin nicht klar ist, wer eigentlich regiert, weil der natürliche Körper des Souveräns zwar vorhanden, doch außer Gefecht gesetzt ist, dann droht sein politischer Körper Schaden zu nehmen. Genau das muss sein Apparat verhindern. Früher geschah dies durch Schweigen, das diskret sein wollte, aber zunehmend unehrlich wirkte. Heute ist es eine sparsame, gewissenhafte Kommunikation bei vorübergehender Abschirmung des Patienten, die den politischen Körper des Papstes, seinen Dienst an der Kirche, schützt.

Auch Päpste haben ein Anrecht auf Privatsphäre

Dass Kirchenoberhäupter zuvorderst auch Menschen sind, "natürliche Körper" und Individuen, gehört seit spätestens Johannes Paul II. zum festen Ideenbestand öffentlicher Papstbetrachtung und liegt vielleicht bei Franziskus so klar zutage wie bei keinem seiner Vorgänger; im Zeitalter sozialer Medien geht es gar nicht anders. Wie jeder Mensch hat auch der Papst ein Anrecht auf Privatsphäre, zugleich hat die katholische Öffentlichkeit ein Anrecht auf ehrliche Information: Wie steht es um Franziskus? Wo die Grenze zwischen diesen beiden Polen verläuft, muss von Fall zu Fall neu ausverhandelt werden. Was heute gilt, mag morgen überzogen sein.

Franziskus selbst geht mit seinen gesundheitlichen Beeinträchtigungen jedenfalls überraschend offen um. Einem argentinischen Bekannten, dem Arzt und Journalisten Nelson Castro, gab er 2019 ein langes Interview für ein Buch über "die Gesundheit der Päpste". Unter anderem sprach Franziskus über seine schwere Lungen-OP als 21-jähriger Seminarist und über seine Neurose, die er nach eigenen Angaben "hätschelt" und mit Musik von Bach besänftigt (er zog sie sich in der Militärdiktatur zu und ließ sie von einer Psychiaterin behandeln, die er in höchsten Tönen lobte). 2021 wäre noch ein neues Kapitel hinzuzufügen: eine Darmgeschichte, nicht so interessant – beträfe sie nicht den Papst und damit einen doppelten Körper.

Von Gudrun Sailer

Kolumne "Römische Notizen"

In der Kolumne "Römische Notizen" berichtet die "Vatikan News"-Redakteurin Gudrun Sailer aus ihrem Alltag in Rom und dem Vatikan.