Eröffnung Amazonas-Synode
Start des weltweiten synodalen Prozesses

Weltsynode: Was Papst Franziskus in den nächsten zwei Jahren plant

Das "Trainingslager" der Kirche zur Synodalität beginnt: An diesem Samstag eröffnet Papst Franziskus den weltweiten synodalen Prozess. Die Kirche soll fit gemacht werden für das dritte Jahrtausend – unter Einbeziehung möglichst vieler Glieder des Volkes Gottes. Katholisch.de erklärt den Fahrplan.

Von Benedikt Heider |  Bonn - 09.10.2021

Der Papst macht ernst. Seit Jahren beschwört Franziskus in Reden die "Synodalität". 2015 sprach er vor Bischöfen aus aller Welt zum 50-jährigen Jubiläum der Bischofssynode, 2018 krempelte er deren Statuten um und ließ einen ausführlichen Bericht zur Synodalität in der Kirche verfassen. Seine neuen Regeln werden jetzt erstmals angewandt: Der Papst probiert aus, was er unter Synodalität versteht. Die Kirche habe vergessen, dass sie nur synodal existieren könne, klagt der Pontifex. Der katholischen Vergesslichkeit sagt er nun den Kampf an. Im Oktober beginnt ein zwei- bis dreijähriges Trainingslager – Ziel: die Kirche fit machen für das dritte Jahrtausend. Den Auftrag hat der Pontifex von höchster Stelle: "Genau dieser Weg der Synodalität ist das, was Gott sich von der Kirche des dritten Jahrtausends erwartet". Umsetzen soll die göttlich-päpstlichen Pläne Mario Grech. Der 64-jährige Kardinal ist seit einem Jahr Generalsekretär der Bischofssynode und nennt die Pläne des Papstes ein "Abenteuer". Es sei Franziskus' Wunsch, gemeinsam mit allen diesen Weg zu gehen, sagt er. Die Kirche solle an der konkreten Erfahrung von Synodalität arbeiten und wachsen. Das Trainingsprogramm ist stramm.  

Unter dem Motto "Für eine Synodale Kirche: Gemeinschaft, Partizipation und Mission" startet im Oktober der Prozess hin zur 16. Generalversammlung der Bischofssynode. Die Vorbereitungen erinnern an die des Zweiten Vaticanums. Bevor 2023 die Bischöfe in Rom zusammenkommen, verschicken Grech und sein Team erst einmal Arbeitsaufträge in die ganze Welt. Aus den Ergebnissen, die Diözesen, Orden und Hochschulen nach Rom zurückmelden, wird im nächsten Jahr ein Arbeitspapier erstellt. Es soll anschließend von Bischöfen diskutiert und eingeordnet werden. In einem letzten Vorbereitungsschritt werden die Ergebnisse nochmals in der römischen Zentrale gebündelt und zum "Instrumentum laboris" (Arbeitspapier) zusammengefasst. Durch diese Vorbereitungsschleifen soll – so hoffen es die Synodenplaner – die Synode zu einem gesamtkirchlichen Prozess werden und etwas von ihrem einmaligen, exklusiven und allein bischöflichen Ereignischarakter verlieren. Bei der "Reise aller Gläubigen" sollen alle mitmachen. In Rom möchte man so dem Wunsch vieler Bischöfe entsprechen und die Bistümer stärker in die Weltkirche einbinden. Grechs Team will das Experiment aber auch als Wertschätzung von Jugendlichen und Frauen in der Kirche verstanden wissen – ihre Wünsche möchte man mit gelebter Synodalität "bestätigen".

Synoden-Verantwortliche in allen Diözesen

Um die erste Phase der Synode vorzubereiten, telefoniert, zoomt und korrespondiert das vatikanische Synodensekretariat seit Wochen mit Bischöfen in aller Welt. Vieles hat Grech zur Chefsache erklärt. Bei Fragen könne sich jeder Bischof direkt an ihn wenden, ermuntert er seine Bischofskollegen. Bevor es richtig los geht, sollten Synoden-Verantwortliche in allen Diözesen ernannt werden. Gibt es ein Team von mehreren Verantwortlichen bittet Rom um geschlechtergerechte Besetzung: "Wenigstens einer von ihnen sollte ein Laie sein." Diesen Kontaktleuten kommt eine Schlüsselrolle zu. Sie sollen möglichst verschiedene Menschen einbinden und Kontakt zu allen Beteiligten halten.

Anfang September saßen Grech und sein Team im vatikanischen Pressesaal. Sie stellten zwei grundlegende Dokumente für die nächsten Jahre vor. Ein Vademecum und ein Handbuch mit Ratschlägen und Ideen zur Durchführung der Synode. Darin werden die kommenden Schritte erstmals näher beschrieben. Sie sollen Antworten auf die Frage "Wie und Wo findet "gemeinsames Gehen" in der Kirche statt?" liefern.

Kardinal Mario Grech

Kardinal Mario Grech ist Generalsekretär der Bischofssynode und damit auch für den weltweiten synodalen Prozess zuständig.

Sowohl Gegenstand (Synodalität) als auch Methode (synodal) seien gleich, umschreibt Grech die Idee. Ziel der kommenden Monate ist es, in den Diözesen "den Reichtum der dort gelebten Erfahrung von Synodalität in ihren verschiedenen Ausdrucksformen und Facetten zusammenzutragen". Durch die Aufteilung in verschiedene Phasen erhoffen sich die Synodenplaner ein "wahrhaftiges Hinhören auf das Gottesvolk". Man wolle die Synergien zwischen Laien, Bischöfen und dem Papst nutzen, um jeden nach seiner Funktion einzubinden. Rom hat dazu klare Vorstellungen: "Die Hirten, von Gott als authentische Hüter, Ausleger und Zeugen des Glaubens der ganzen Kirche bestellt, fürchten daher nicht, der ihnen anvertrauten Herde zuzuhören: die Konsultation des Gottesvolkes bringt keineswegs die Übernahme der Prinzipien der Demokratie, die auf dem Mehrheitsprinzip beruhen, im Inneren der Kirche mit sich." Grundlage für die Teilnahme an synodalen Prozessen sei die gemeinsame Leidenschaft zur Evangelisierung, weiß man in Rom. Dabei gehe es nicht um die Vertretung von unterschiedlichen Interessen, die womöglich untereinander in Konflikt stünden, vielmehr sei die Synode ein Prozess, der sich "menschlicher Logik entziehe", klärt Grech auf. Es sei ein kirchlicher Prozess, "der nicht verwirklicht werden kann, außer im Leib einer hierarchisch strukturierten Gemeinschaft."

Den Startschuss gibt der Papst an diesem Samstag in Rom. Eine Woche später beginnt dann die diözesane Phase. Sie dauert ein halbes Jahr. In dieser Zeit sind Gemeinden und Gruppen vor Ort gefragt. Dabei soll deutlich werden, so der Papst, dass Bischöfe Getaufte unter Getauften sind – mit dem entscheidenden Unterschied – auch das betont er immer wieder –, dass sie zum Leitungsamt berufen sind. Im Handbuch zur Bischofssynode skizziert Rom Ideen zur Durchführung der ersten Phase. Die Treffen in den Diözesen sollen ähnlich der großen Bischofssynoden in Rom gestaltet werden. Los geht es mit einem Gottesdienst, es folgt ein Austausch in Groß- und Kleingruppen. Gerahmt wird dieses Programm von Gebets- und Schweigezeiten. Das spirituelle und kulturelle Rahmenprogramm dürfe beim Diskutieren nie zu kurz kommen. Für Diskussionen in Pfarrsälen, Gruppenräumen und Hörsälen hat Grechs Team viele Vorschläge. Da es nur ein Handbuch für die ganze Welt gibt, werden darin auch Probleme, die Beteiligung in dieser Phase erschweren könnten thematisiert: fehlende Verkehrsanbindung (Wer kann zu Treffen kommen?), schlechte Internet- und Telefonverbindungen (Coronaschutzmaßnahmen), fehlende Informationsmöglichkeiten (Wer erfährt vom Synoden-Projekt?) oder finanzielle und soziale Probleme, die Gläubigen die Teilnahme erschweren könnten.

Erste Phase ist Grundlage

Die erste Phase dient den Bischöfen zum Hören, was das Kirchenvolk so meint und denkt. Sie ist für die Synodenplaner Grundlage des gesamten Prozesses. Die Beteiligung müsse über das Ausfüllen von Fragebögen hinaus gehen: "Oberflächliche oder vorgefertigte Beiträge, die die Erfahrung der Menschen nicht genau und reichhaltig wiedergeben die Erfahrungen der Menschen repräsentieren, werden nicht hilfreich sein, ebenso wenig wie Beiträge, die nicht die ganze Bandbreite und Vielfalt der Erfahrungen zum Ausdruck bringen." Ebenso hoffen die Synodenplaner, dass diese Zeit eine Möglichkeit ist, auch Kirchenferne zu erreichen und zu hören. Daher seien möglichst effektive Wege zu nutzen, um größtmögliche Beteiligung zu erreichen: "Wir müssen persönlich auf die Randgruppen zugehen, diejenigen, die die Kirche verlassen haben, diejenigen, die ihren Glauben selten oder nie praktizieren, diejenigen, die die von Armut oder Ausgrenzung betroffen sind, die Flüchtlinge, die Ausgegrenzten, die Stimmlosen, und so weiter", betonen die Synodenplaner.

Die diözesane Phase soll in jedem Bistum mit einem Abschlusstreffen enden. Dort werden die vergangenen Monate reflektiert. Anschließend soll in jeder Diözese eine (maximal) zehnseitige Zusammenfassung erstellt und veröffentlicht werden: "Gegensätzliche Standpunkte müssen nicht weggelassen werden, sondern können anerkannt und als solche gekennzeichnet werden. Ansichten sollten nicht ausgeschlossen werden, nur weil sie von einer kleinen Minderheit von Teilnehmern geäußert wurden. In der Tat kann manchmal die Perspektive dessen, was 'Minderheitenbericht' genannt werden könnte, ein prophetisches Zeugnis für das sein, was Gott der Kirche sagen will."

Der synodale Prozess habe nicht nur seinen Ausgangs-, sondern auch seinen Zielpunkt im Volk Gottes, so Papst Franziskus.

Anschließend wandern diese Zusammenfassungen in die nationalen Bischofskonferenzen. An ihren Beratungstischen setzt sich die Synodalität fort. Dort erwägen und filtern die Bischöfe Wortmeldungen und Eindrücke aus den Diözesen. Der Papst nennt das einen Prozess der Unterscheidung. Den Bischöfen komme die Aufgabe zu, aus den Wortmeldungen des Kirchenvolkes allgemeine Meinungen von Äußerungen des Heiligen Geistes zu unterscheiden. Letztere finden dann ihren Weg nach Rom. Dort erstellen die Synodenplaner ein Arbeitspapier für die zweite Phase. Dieses Prozedere beschreibe ganz gut die kirchliche Funktionsweise, findet Nathalie Becquart. Sie ist Untersekretärin der Bischofssynode und Teil von Grechs Team. Synodalität ist für sie kein Organisationswerkzeug, sondern die Art und Weise wie Kirche funktioniere: Erst komme das Hören und anschließend das hierarchische Entscheiden, fasst sie den Synodenkern zusammen.

Zu Beginn der zweiten Phase erscheint im September 2022 das erste "Instrumentum Laboris". Auf dieser Grundlage treffen sich die Bischöfe der einzelnen Kontinente zu Beratungen. Diese "kontinentale Phase" dauert von September bis März 2023 und soll den Dialog der Bischöfe fördern. Insgesamt sind Treffen der sieben kontinentalen Bischofskonferenzen vorgesehen. In dieser Zeit sollen die Hirten den Text des ersten Arbeitspapieres in ihrem Kulturkreis kontextualisieren und dazu Stellung nehmen. Ihr Ergebnis schicken sie nach Rom. Daraus entsteht das endgültige Arbeitspapier.

"Alle" – "Einige" – "Einer"

Das synodale Experiment erreicht im Herbst 2023 seinen Höhepunkt. Das große Bischofstreffen solle die vorhergehenden Phasen nicht überschatten, betont das Synodenteam. Vielmehr gehe es darum mit weltkirchlichem Überblick die göttlichen Eingebungen zu reflektieren und für die Gesamtkirche zu ordnen. Der Papst wünscht sich, dass dabei deutlich werde, dass auch er ein Bischof unter Bischöfen ist – der als Nachfolger des Heiligen Petrus "in Liebe über alle Kirchen herrscht". Nach Abschluss der Bischofssynode wird er aus den Ratschlägen des Abschlussdokuments ein Nachsynodales Schreiben verfassen. Das Synodenexperiment folgt damit – so beschreibt es die Erfurter Professorin Julia Knop – dem katholischen Synoden-Dreisatz: "Alle" – "Einige" – "Einer".

Dem schließt sich die letzte Etappe des synodalen Prozesses an: die Umsetzung. Dazu dreht der Papst den Spieß um. Ging das Wort bisher – wie bei dem beliebten Kinderspiel "Stille Post" – vom Kirchenvolk durch das Ohr der Bischöfe zum Papst, ist es dann Aufgabe der Bischöfe und des Kirchenvolkes den päpstlichen Entschluss umzusetzen. Auf diese Weise werde sichtbar, so der Papst, dass der synodale Prozess nicht nur seinen Ausgangs-, sondern auch seinen Zielpunkt im Volk Gottes habe, "auf das sich die mittels der Versammlung der Hirten gewährten Gnadengaben des Heiligen Geistes ergießen sollen."

Von Benedikt Heider

Themenseite: Weltweiter synodaler Prozess

Der Vatikan hat zur Vorbereitung der für 2023 geplanten Bischofssynode einen weltweiten synodalen Prozess geplant: In mehreren Stufen von den Diözesen über die Kontinente bis zur Bischofssynode selbst sollen die Gläubigen und ihre Bischöfe beraten, was für die Kirche wichtig ist