Julia Niedermayer über Hintergründe von neuer Gottesbezeichnung in Jugendverband

KjG-Bundesleiterin: "Gott+" ist mehr als der alte weiße Mann mit Bart

Aktualisiert am 06.04.2022  –  Lesedauer: 
Bild: © katholisch.de

Düsseldorf ‐ "Gott*" oder "Gott+": Mit dieser Frage hat sich der katholische Jugendverband KjG lange beschäftigt. Am vergangenen Wochenende fiel die Entscheidung für die neue Gottesbezeichnung mit dem Pluszeichen. Im katholisch.de-Interview erläutert KjG-Bundesleiterin Julia Niedermayer die Hintergründe.

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Innerhalb des kirchlichen Jugendverbands Katholische junge Gemeinde (KjG) wird als Gottesbezeichnung künftig "Gott+" verwendet. KjG-Bundesleiterin Julia Niedermayer hat ihren Verband bei der Auseinandersetzung mit der Frage nach dem sprachlichen Ausdruck eines angemessenen Gottesbildes mehrere Monate lang begleitet. Im Interview erläutert sie die Hintergründe der Bezeichnung "Gott+" und verrät, welche Reaktionen die KjG bislang darauf erreicht haben.

Frage: Warum braucht es die Erweiterung des Wortes Gott zu "Gott+"?

Niedermayer: In der Bundeskonferenz der KjG waren wir einer Meinung, dass wir uns in unserem Sprechen und Schreiben so ausdrücken müssen, dass Raum für vielfältige Gottesbilder bleibt. Wir sind uns sicher, dass es diese Erweiterung mit Blick auf das Wort Gott braucht. 

Frage: Warum nun "Gott+" und nicht "Gott*", wie es etwa die KSJ seit 2020 macht?

Niedermayer: Das ist in der Bundeskonferenz eine sehr knappe Entscheidung gewesen. Wir haben lange darüber diskutiert, was welches Symbol aus unserer Sicht ausdrückt. Letztendlich sind wir zum Schluss gekommen, dass "Gott+" die Erweiterung ist, die am meisten abbildet. Sie macht deutlich, dass es uns nicht ausschließlich um Geschlechterebenen geht, sondern um viele weitere Dimensionen. Wir halten das Bild von Gott als altem weißen Mann – wie es noch in vielen Köpfen vorherrscht – als für zu kurz gedacht. Die Bundeskonferenz hat sich dafür ausgesprochen, dass das Plus eine Vielfalt an Gottesbildern besser ausdrückt. Außerdem ging es uns darum, queere Menschen durch den Gebrauch des Gendersterns nicht zu vereinnahmen. Es geht uns bei "Gott+" eben nicht darum, eine Form des Genderns zu finden, sondern eine vielfältige Ausdrucksweise von Gott zu finden. Darüber haben wir viel diskutiert. 

Frage: Standen auch andere Vorschläge für eine alternative Benennung Gottes im Raum, etwa "Gott³"?

Niedermayer: Es gab die Idee, mit einem Unendlichkeitssymbol zu arbeiten. Die Bundeskonferenz hat sich aber dagegen entschieden. Es geht uns darum, greifbarer zu machen, dass wir in unserer Sprache auch klare (politische) Haltungen vermitteln, wie wir Menschen begegnen möchten. Wie wir von "Gott+" sprechen, prägt auch, wie wir von Menschen denken.

KjG-Bundesleiterin Julia Niedermayer
Bild: ©KjG

Julia Niedermayer ist Bundesleiterin der Katholischen jungen Gemeinde (KjG).

Frage: Werden Sie dann in der gesprochenen Sprache das Plus auch mitsprechen?

Niedermayer: So explizit haben wir den Beschluss nicht getroffen. Das alles werden wir jetzt noch ausdifferenzieren und einüben müssen. Eine Möglichkeit ist, dass wir künftig immer von "Gott+" sprechen. Aber Sie haben sicherlich gemerkt, dass ich das nicht immer getan habe. Eine weitere Ausspracheweise könnte etwa sein, eine kurze Pause nach dem Wort anzufügen, um den Platz zu signalisieren, an dem das zusätzliche Symbol steht. Die KjG wird nun herausfinden, was am besten zur gesprochenen Sprache passt.

Frage: Bereits im vergangenen Jahr gab es innerhalb der KjG Diskussionen, ob die Ausdrucksweise "Gott*" verwendet werden soll. War die Meinung bei diesem Thema in der Bundeskonferenz also wirklich so einheitlich, wie Sie gesagt haben?

Niedermayer: Es war allen in der Konferenz von Anfang an sofort klar, dass wir hier etwas ändern müssen. Deshalb haben wir uns nun so intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Auch im Oktober waren wir uns schon einig, dass es nicht darum geht, infrage zu stellen, dass wir die Vielfältigkeit von Gottesbildern ausdrücken möchten, sondern es war eher noch eine Unsicherheit da, welches der richtige Weg dazu ist. Deshalb haben wir uns für dieses Thema mehr Zeit genommen und eine Methodenmappe erstellt, damit sich alle in der KjG mit dem Thema auseinandersetzen konnten. Außerdem gab es im Rahmen der Bundeskonferenz einen theologischen Studienteil zu unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten von Gottesbildern. Das alles hat nun zum Beschluss von "Gott+" geführt.

Frage: Sind Sie in diesem Prozess in einem Austausch mit der KSJ gewesen, die seit knapp zwei Jahren "Gott*" verwendet?

Niedermayer: Jein. Wir haben mit unserem Fachausschuss Spiritualität und Glaube mit der KSJ ein Treffen gehabt, bevor wir die Thematik in die KjG getragen haben. Da war uns schon klar, dass wir nicht eins zu eins die Kampagne der KSJ übernehmen, die in Verbindung mit "Gott*" steht. Wir wollten zudem unterschiedliche Positionen mit einer Benennung ausdrücken. Uns als KjG war sehr wichtig, alle Geschlechter im Sein Gottes anzuerkennen und ausdrücken zu können. Deshalb haben wir uns auf einen eigenen Weg begeben.

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Frage: Ist ein Zusatz zum Wort Gott überhaupt nötig? Denn es dürfte erwachsenen Menschen eigentlich klar sein, dass Gott nicht wie ein alter Mann mit Bart aussieht. Das ist doch eine eher kindliche Vorstellung.

Niedermayer: "Gott+" bricht diese Vorstellungen auf. Ich würde auch nicht sagen, dass das Bild von Gott als altem weißen Mann mit langem Bart, besonders kindlich oder nur bei Kindern anzutreffen ist. Menschen haben aus vielen Gründen ihre verschiedenen Gottesbilder. Die Diskussionen, aber auch das Presseecho im vergangenen Jahr haben uns gezeigt, dass viele Menschen immer noch infrage stellen, wie vielfältig der Gottesbegriff verwendet werden kann. Oder genauer: Es wird infrage gestellt, mit welcher Vielfältigkeit wir ihn benutzen dürfen. Es geht auch darum, sich vor Augen zu führen, wie viel mehr in diesem Begriff und im christlichen Gott steckt, was wir aber nicht im Blick haben oder nicht imstande sind, zu sehen. Auch mit "Gott+" kommen wir nie dahin, die Fülle von Gottes Sein auszudrücken. Wir wollen aber eben deutlich machen, dass es um vielfältige Gottesvorstellungen geht, die alle einen Raum haben dürfen. Unser Sprechen von Gott, prägt unser Menschenbild. Deshalb wollen wir an dieser Stelle eine große Vielfalt durch die Sprache ausdrücken. 

Frage: Können Sie verstehen, wenn eher traditionell eingestellte Menschen mit "Gott+" nichts anfangen können und es für Quatsch halten – oder es sogar als Gotteslästerung empfinden?

Niedermayer: Ich kann nachvollziehen, dass es Zeit braucht, um verstehen zu können, warum wir diese Idee hatten. Unser Anliegen ist zudem eben nicht, dass jetzt nur noch von vielfältigen Gottesbildern gesprochen werden darf. Jeder darf sich weiterhin Gott mit einem langen Rauschebart vorstellen, wenn er oder sie das will. Uns geht es vielmehr darum, darauf hinzuweisen, dass Gott so viel mehr ist. Unser Weg das zu tun, ist etwa, die Schreib- und Sprechweise des Wortes Gott anzupassen. Aber es geht natürlich darüber hinaus: Wir wollen vielfältige Gottesansprachen in Gebeten nutzen, in Texten verwenden, in unseren Gottesdiensten artikulieren. Im Grunde geht es uns darum, allen und besonders jungen Menschen einen vielfältigen Zugang zu Gott zu ermöglichen. Deshalb wollen wir mit "Gott+" allen Menschen die Möglichkeit geben, mit ihren Gottesbildern vorkommen zu können. 

Frage: Welche Rückmeldungen haben Sie zu "Gott+" erhalten?

Niedermayer: Wir können nachvollziehen, dass es erstmal auch verhaltene Reaktionen gibt. Aber größtenteils fühlen wir uns durch die Rückmeldungen ermutigt. Es gibt Reaktionen, auch in den Medien, die uns zeigen, dass unser Anliegen doch gut verstanden wird. Wir hoffen, dass wir im Verband nun einen guten Ankerpunkt gelegt haben, um nachhaltig von vielfältigen Gottesvorstellungen zu sprechen, auch wenn Gott keinen Zusatz in der geschriebenen oder gesprochenen Sprache erfährt. Unsere Diözesanverbände tragen das Anliegen von "Gott+" großartig in ihre Strukturen und führen so die Auseinandersetzung mit dem Gottesbild fort. Uns ist wichtig, in unserem Verband mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen über und mit Gott ins Gespräch zu kommen. Wir brauchen Räume, in denen so von Gott gesprochen wird, dass sich alle Menschen darin wiederfinden. Wir glauben, dass wir bei einer so großen Offenheit, auch Zugänge für Menschen schaffen können, die für sich noch nicht so genau wissen, was sie mit Gott verbinden. Damit erfüllen wir als KjG eines unserer ureigensten Ziele: Wir wollen junge Menschen auch in der Entwicklung ihrer spirituellen Identität begleiten.

Von Roland Müller