An ihren Kleidern werdet ihr sie erkennen

Nichts anzuziehen: Machen Kleider Leute?

Aktualisiert am 09.05.2022  –  Lesedauer: 
Spiritea

Jerusalem ‐ Der Kleiderschrank platzt aus allen Nähten und trotzdem nichts zu finden. Schwester Gabriela Zinkl findet in einem minimalistischen Konzept und ihrer eigenen Lebensweise als Ordensfrau eine konstante Antwort auf die Frage "Was ziehe ich heute an?".

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"Was soll ich heute bloß anziehen?" Es gibt wohl kaum jemanden, der noch nie mit dieser Frage konfrontiert gewesen ist. Wenn unser Kleiderschrank sprechen könnte, würde er sicher jede Menge an Vorschlägen für uns bereit halten, passend zum Wetter, zur Saison oder zu einem bestimmten Anlass, für den wir uns kleiden möchten.

Bei vielen von uns quellen die Kleiderschränke über, genauso gut gefüllt sind Second-Hand-Läden, wohltätige Kleiderkammern und Altkleidercontainer. Und in den Läden und Online-Shops wartet schon der nächste Nachschub darauf, von uns gekauft und nach Hause getragen zu werden. Zur gleichen Zeit gibt es vor der eigenen Haustür wie auf der anderen Hälfte des Globus genug Menschen, die von einem Kleiderschrank nur träumen können, genauso wie von einem vollen Kühlschrank. Aber das ist ja weit weg und lenkt nur von unserem eigentlichen Problem ab: Der eigene Schrank ist voller Klamotten und trotzdem scheint im Moment nicht das Richtige dabei zu sein. Allein in Deutschland kauft jeder und jede pro Jahr durchschnittlich 60 Kleidungsstücke, 40 Prozent der Kleidung werden laut Bundesumweltministerium aber nie oder nur selten getragen. Kein Wunder also, wenn unser Kleiderschrank deswegen sprachlos bleibt, würden wir doch viele seiner Vorschläge ignorieren.

Bild: ©KNA/Gerlinde Pfirsching (Symbolbild)

Durch ihre Ordenskleidung wird Schwester Gabriela Zinkl eine Entscheidung am Tag abgenommen.

Das hört sich ganz nach einem Fall an für "Capsule Wardrobe". Das ist leider kein personifizierter Einkaufsberater, sondern das Konzept einer aufs Notwendigste reduzierten Garderobe, mit dem momentan Mode-Magazine, Geschäfte und Influencerinnen um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Die Idee dahinter stammt aus den 1970er Jahren von einer Londoner Boutiquebesitzerin und meint eine minimalistische Grundausstattung an Kleidung. Jede und jeder sollte im Idealfall nicht mehr als 37 Basic-Kleidungsstücke im Schrank haben, je nach Interpretation pro Jahreszeit und inklusive Schuhen und Taschen, die alle miteinander kombiniert werden können. Auf dem Weg zur kleineren Garderobe heißt es also erst einmal auszumisten und sich von Unnötigem, Ungeliebtem und Ungetragenem zu trennen, was sicher keine schlechte Idee ist. Wenn man das Konzept ernst nimmt und es ergänzt mit nachhaltig und fair produzierter, selbst reparierter und kreativ variierter Kleidung, würde unsere Welt sicher ein ganzes Stück besser aussehen.

Eine Entscheidung weniger

Auch Ordensleute haben heute einen Kleiderschrank. Er ist das Paradebeispiel einer "Capsule Wardrobe", werden daran doch das Gelübde der Armut und ein bescheidener Lebensstil konkret sichtbar. In meinem Fall hängen darin genau sechs Kleider, zwei schwarze, zwei weiße und zwei graue, passend zum Wetter, zur Saison oder zu einem bestimmten Anlass: das "kleine Schwarze" für Sonntage, für den Gottesdienst und für besondere Gelegenheiten, das weiße, pflegeleichte Kleid tagsüber zum Arbeiten, das graue Kleid ersetzt im heißen Sommerhalbjahr das schwarze. Hinzu kommen noch einige Jacken, T-Shirts, Schuhe. Die Frage, was ich heute anziehen soll, ist damit ziemlich schnell und eindeutig entschieden. Wie praktisch, dass einem damit schon am Morgen wie auch tagsüber eine wichtige Entscheidung abgenommen wird. Noch besser daran ist die Tatsache, dass man als Ordensschwester oder Ordensbruder nie das Gefühl haben muss, unpassend gekleidet zu sein, weder underdressed noch overdressed.

Das Ordenskleid, der "Habit", der je nach Tradition und Aufgabenbereich der Ordensgemeinschaft ganz unterschiedlich aussehen kann, macht sichtbar, dass die Trägerin und der Träger zu einer religiösen Gemeinschaft gehört. Es ist ein unübersehbares Statement: um Christi Willen in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter in Armut zu leben, Seinem Weg zu folgen und sich voll und ganz dem Gebet und dem Einsatz für Bedürftige jeglicher Art zu widmen. High Heels, Lackschuhe, Paillettenpullis und Kaschmirmäntel würden diesem Anliegen im Weg stehen, ja noch mehr, sie würden den eigentlichen Auftrag konterkarieren und lächerlich machen. Es ist das Spezifikum vieler Ordensgemeinschaften, von Benediktinerinnen über Franziskaner, Dominikaner bis zu Karmelitinnen und vielen anderen mehr, dass man ihnen durch ihre Kleidung sofort ansieht, worum es geht: in einer besonderen, radikalen Lebensform zu leben, für Gott. Es ist uns Ordensleuten gemeinsam, dass wir aus diesem Grund einen bescheidenen, sehr überschaubaren Kleiderschrank haben, ausgestattet mit dem Notwendigen und Zweckmäßigen, minimalistisch, reduziert auf "Basics".

Vor einigen Jahren hat eine Journalistin am eigenen Leib ausprobiert, was es bedeutet, über einen längeren Zeitraum dasselbe Kleidungsstück zu tragen. Sie trug ein Jahr lang,  365 Tage, ein blaues Kleid, das sie in drei identischen Versionen hatte, jeden Tag kombiniert mit anderen Accessoires. Danach sagte sie in einem Interview, es sei für sie eine "Exerzitie in Kontinuität" gewesen. Schon damals hat mich ihr Experiment fasziniert, obwohl ich da noch gar nicht wusste, dass ich später einmal Ordensfrau werde und jeden Tag dasselbe Kleid (in identischen Versionen) tragen würde. Mein Ordenskleid ist schwarz, ich trage es sehr gerne und mit Würde, ein Leben lang, noch auf dem letzten Weg zum Friedhof. Eine weise Mitschwester hat mir dazu den Rat mit auf den Weg gegeben: "An manchen Tagen TRÄGST du das Kleid, und manchen Tagen wirst du von deinem Kleid GETRAGEN." Wie wahr und wie nachhaltig ist das! So ein Kleidungsstück, das uns dann trägt, wenn es darauf ankommt, würde sicher jeder und jedem von uns gut stehen.

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB ist Borromäerin im Deutschen Hospiz St. Charles in Jerusalem und arbeitet als Dozentin für Kirchenrecht und als Pädagogin. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über  Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.