Franziskus von Assisi starb am 3. Oktober 1226. Für die Kirche in der damaligen Zeit war seine Art, das Evangelium zu leben, unbequem. Doch genau dadurch gab er ihr Impulse, die bis heute prägend sind. 800 Jahre nach seinem Tod ist seine Botschaft eine bleibende Anfrage, sagt Bruder Markus Fuhrmann OFM. Er leitet als Provinzialminister den Franziskanerorden in Deutschland. Im katholisch.de-Interview spricht er über die Bedeutung franziskanischen Lebens heute, den franziskanischen Geist in der Kirche – und darüber, was die Ordenstradition zu Zukunftsfragen in der Kirche beitragen kann.
Frage: Bruder Markus, 800 Jahre nach seinem Tod würde man eigentlich meinen, dass die Geschichte des heiligen Franziskus auserzählt ist. Offenbar ist dem aber nicht so. Wie erklären Sie sich die bleibende Faszination für ihn?
Br. Markus: Franziskus hat in einer ganz interessanten Spannung gelebt: radikal zurück zur Quelle – und gleichzeitig radikal neu. Nachdem er erkannt hatte, dass das Leben in gehobener Gesellschaft nicht sein Weg war, fand er durch eine Lebenskrise zu seiner Berufung. Dabei waren Begegnungen, gerade mit Aussätzigen, entscheidend. Franziskus entdeckte darin ein neues Gottesbild: den Gott auf Augenhöhe, den herabgekommenen Gott. Von dieser Erfahrung her wendete er sich ganz dem Evangelium zu. Aber eben nicht nur fromm, sondern radikal neu. Er wollte keinen klassischen Orden gründen, er wollte Armut leben, sich nicht fest an einen Ort binden. Diese Verbindung aus festem Fundament und universaler Weite ist zeitlos und zugleich provokativ.
Frage: Was bedeutet das für die Gegenwart?
Br. Markus: Wir stehen als Kirche vor der Herausforderung, uns auf unsere Quellen und unsere Mitte – Christus und das Evangelium – zu besinnen und zugleich neue Formen zu wagen. Wir beschäftigen uns sehr stark mit Organisation, Personalfragen und Zuständigkeiten. Das hat seine Berechtigung. Aber Franziskus würde vermutlich fragen: Geht es eigentlich noch um den Glauben? Lebt ihr wirklich aus der Verbundenheit mit Christus? Steht Gott noch im Zentrum – und damit der Mensch? Franziskus hat die Kirche seiner Zeit nicht mit Worten kritisiert, aber eine Alternative gelebt. Darin liegt auch heute seine Anfrage, gerade an die franziskanische Bewegung.
Frage: Die Gesellschaft, manchmal auch die Kirche, neigt dazu, Franziskus weichzuzeichnen und sein Leben und Wirken zu romantisieren, gerade im Blick auf das Thema Natur und Schöpfung. Stört sie das?
Br. Markus: Die Figur des "grünen Franz" ist natürlich ein Anknüpfungspunkt. Aber selbstverständlich liegt darin auch die Gefahr einer Instrumentalisierung. Franziskanische Spiritualität ist zunächst Christus-zentriert. Es gibt natürlich eine ausgeprägte Schöpfungsspiritualität, weil wir glauben, dass Gott alles geschaffen hat und alle Geschöpfe geschwisterlich miteinander in Beziehung stehen. Daraus folgt eine bestimmte Haltung: Schöpfung ist Mitwelt, nicht bloß Umwelt. Man darf Franziskus allerdings nicht in dem Sinne weichspülen, dass Gott einfach pantheistisch in allem aufgeht. Für ihn bleibt Gott der ganz Andere.
Bruder Markus Fuhrmann OFM leitet als Provinzialminister den Franziskanerorden in Deutschland.
Frage: Was würde Franziskus heute an unserer Gesellschaft – trotz aller Krisen – hoffnungsvoll stimmen?
Br. Markus: Faszinieren würde ihn wahrscheinlich die weltweite Perspektive der Menschen. Wir haben zumindest theoretisch ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass wir eine Weltfamilie sind. Angesichts von Kriegen und ökologischen Krisen haben wir Menschen zwar noch lange nicht die notwendigen Konsequenzen daraus gezogen. Aber diese universale Weite entspricht sehr stark dem Franziskanischen.
Frage: Was hat Sie persönlich an Franziskus fasziniert und schließlich zu Ihrem Eintritt in den Orden geführt?
Br. Markus: Bei mir war es zunächst gar nicht direkt Franziskus. Ich begann nach dem Zivildienst Theologie zu studieren und beschäftigte mich mit der Frage, ob das Ordensleben etwas für mich sein könnte. Zunächst habe ich bei den Jesuiten angedockt, weil mir die ignatianische Spiritualität – Gott suchen und finden in allen Dingen – immer schon sehr nahe war. Ich habe aber bald gemerkt, dass die Jesuiten nicht mein Orden sind. Später nahm mich ein Studienfreund zu den Franziskanern mit. Dort erlebte ich eine ganz andere Atmosphäre. Die Botschaft kam gewissermaßen über die Botschafter – und so bin ich langsam in das Franziskanische hineingewachsen. Ich habe aber nach wie vor ein gutes Verhältnis zu den Jesuiten. (lacht)
Frage: Hat sich Ihr Bild von Franziskus im Laufe Ihres Ordenslebens verändert?
Br Markus: Ja. Er ist für mich immer menschlicher geworden. Ich glaube, er hat seine Berufung und das, was daraus geworden ist, durchlitten. Wenn man eine Idee hat und mit anderen Menschen unterwegs sein will, muss man irgendwann feststellen: Es geht nicht alles so, wie man es sich als Ideal vorgestellt hat. Dann braucht es Kompromisse. Franziskus ist am Ende auch von der Ordensleitung zurückgetreten. Er hat erfahren, dass Institutionalisierung etwas verändert. Gleichzeitig blieb er seinem ursprünglichen Ruf treu. Dieses Dranbleiben hat er auf seine Art gelebt. Gerade in einer Zeit, in der Gesellschaft und Kirche so polarisiert sind, brauchen wir diese Fähigkeit: dem Guten treu zu bleiben, ohne fundamentalistisch zu werden. Und offen füreinander zu sein.
Frage: Was bedeutet es heute, franziskanisch zu leben?
Br. Markus: Für mich heißt das vor allem: geschwisterlich unterwegs zu sein. Das habe ich sehr eindrücklich in meiner Ausbildungszeit erlebt. Wir lebten zeitweise in sogenannten Kleinen Gemeinschaften mit Brüdern, die beispielsweise als Arbeiter tätig waren und in Siedlungen für wohnungslose Familien lebten. Einer dieser Brüder arbeitete bei Opel. Eine Nachbarin von ihm sagte über ihn: "Der ist für mich wie ein Bruder. Da kann ich hingehen, der weiß meistens eine Lösung." Das hat mich fasziniert und geprägt. Bruder beziehungsweise Schwester zu sein bedeutet, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Dazu gehört auch, mit leichtem Gepäck unterwegs zu sein. Strukturen in der Kirche sind wichtig. Aber wir sollten uns immer wieder fragen, ob wir nicht auch beweglicher unterwegs sein können.
Das ist für mich sehr franziskanisch: nicht am Kloster kleben, Kirche vielleicht anders leben, als es in diözesanen Strukturen möglich ist.
— Br. Markus Fuhrmann OFM über franziskanisches Leben
Frage: Wo erleben Sie den franziskanischen Geist in Ihrem Orden in Deutschland heute besonders?
Bruder Markus: Es gibt sicher viel Asche, aber auch noch Glut. Ich denke an Brüder, die noch einmal neu über ihre Berufung nachdenken und daraus neue Projekte entwickeln. Einer ist beispielsweise mit einem Wohnwagen in Mecklenburg-Vorpommern unterwegs und kommt auf Campingplätzen, bei Festivals oder in sozialen Brennpunkten mit Menschen ins Gespräch. Das ist für mich sehr franziskanisch: nicht am Kloster kleben, Kirche vielleicht anders leben, als es in diözesanen Strukturen möglich ist. Auch dass wir internationaler werden müssen, weil wir weniger werden, kann eine Chance sein, wieder stärker in die Weite zu gehen.
Frage: Und wo bleibt der Orden hinter dem Anspruch zurück?
Br. Markus: Es gibt ja den Spruch, dass Franziskaner zu sein bedeutet, "Franz is kaner", also Franz ist keiner. Wir können Franziskus nicht kopieren, jeder muss seinen eigenen Weg finden. Aber natürlich erlebe ich, dass wir häufig hinter dem zurückbleiben, was wir uns als Ideale auf die Fahne geschrieben haben, manchmal auch im persönlichen Umgang mit anderen. Bei ökologischen Themen ist bei uns ebenfalls noch Luft nach oben.
Frage: Wie franziskanisch erleben Sie die Kirche heute?
Br. Markus: Ich erlebe sie wesentlich geschwisterlicher als früher. Es kommt aber darauf an, wo man hinschaut. In Deutschland werden Fragen nach Macht, Amt und Geschlechtergerechtigkeit intensiv diskutiert. Der Synodale Weg hat aus meiner Sicht Fragen aufgegriffen, die tatsächlich neuralgisch sind. Es ist völlig klar, dass das alles in einer Weltkirche nicht überall denkbar und umsetzbar ist. Ich würde mir aber wünschen, dass sich ein entspannteres Verhältnis zur Vielfalt entwickelt: dass man etwa stärker unterschiedliche Wege und Geschwindigkeiten in den Ortskirchen zulässt.
Menschen betrachten die Gebeine des heiligen Franziskus von Assisi, die anlässlich des Jubiläumsjahrs ausgestellt waren. "Franziskus war für die Kirche seiner Zeit unbequem und hat eine geistige Auflockerung bewirkt. Solche geistigen Lockerungsübungen brauchen wir vielleicht auch heute", sagt Bruder Markus Fuhrmann.
Frage: Sie haben sich als deutsche Franziskanerprovinz vor ein paar Jahren klar hinter den Synodalen Weg gestellt. Sehen Sie dafür eine Grundlage in Ihrer Ordenstradition?
Br. Markus: Natürlich kann man Franziskus für heutige Positionen nicht vereinnahmen. Er war ein Mann des Mittelalters und hatte ein völlig anderes Welt- und Kirchenbild. Wir können nicht einfach behaupten, er würde heutige Forderungen nach Geschlechtergerechtigkeit genauso vertreten. Aber es gibt in der franziskanischen Tradition und Theologie einen wichtigen Gedanken: dass sich Dinge entwickeln dürfen, dass Wachstum möglich ist und dass wir im Glauben, Hoffen und Lieben auf dem Weg bleiben. Die entscheidende Frage ist für mich: Was sagt der Geist heute? Franziskus war für die Kirche seiner Zeit unbequem und hat eine geistige Auflockerung bewirkt. Solche geistigen Lockerungsübungen brauchen wir vielleicht auch heute.
Frage: Franziskus lebte – wie wir heute – in einer Zeit großer gesellschaftlicher und kirchlicher Umbrüche. Was kann sein Blick zu diesem Transformationsprozess beitragen?
Br. Markus: Ich denke an den Begriff "Transitus", den Übergang. Wir feiern in der franziskanischen Ordensfamilie nicht einfach den Tod des Franziskus, sondern seinen Hinübergang. Das ist eine neue Perspektive: Leben ist Übergang, Veränderung und Wachstum. Leben ist eine Baustelle. Auch die Kirche ist eine Baustelle. Franziskus bekam ja den Auftrag: "Baue meine Kirche wieder auf." Es bricht vieles ab, auch bei uns im Orden. Strukturen verändern sich, manches endet. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass alles den Bach runtergeht. Es können neue Impulse entstehen. Wir sehen das auch in der franziskanischen Familie. Deshalb würde ich auf Wandel und Veränderung nicht nur mit Sorge schauen, sondern auch mit Hoffnung.
Frage: Franziskanisch zu sein heißt also auch, immer gelassener zu werden?
Br. Markus: Ja. Da wachse ich auch noch hinein. (lacht) Aber das gehört dazu.