Alles andere als Kirchturmpolitik
Vom flachen Rücken des Kreuzbergs aus, da, wo ein großes Kruzifix und zwei alte Holzbänke zum Rasten einladen, da zeigt sich Äpfingen bei Biberach von seiner schönsten Seite. Meint zumindest Ferdinand Kleber, und der müsste es mit seinen 88 Jahren eigentlich wissen. Das Dorf mit seinen gut 1.000 Einwohnern schmiegt sich sanft zwischen die Hügel Oberschwabens und sein höchstes Gebäude ist noch ganz wie früher der Turm von St. Blasius, der schlichten Pfarrkirche aus dem 18. Jahrhundert.
Dieser Turm mit seinen charakteristischen fünf Zinnen auf jeder Giebelseite hat es Kleber besonders angetan. Für den Rentner, dessen Frau Kreszentia der Gemeinde als Mesnerin fest verbunden ist, hat er eine höchst praktische Bedeutung. "In unserer ganzen Wohnung brauchen wir keine Uhren, weil wir die Glocken hören und von unserem Küchenfenster aus die Turmuhr sehen können" grinst er fidel unter seinem grauen Schnäuzer hervor.
Bedeutung für das öffentliche Wohl
In der Tat: Wichtiger Kollateralnutzen von Kirchtürmen war es über viele Epochen hinweg, weithin sicht- und hörbar das Vergehen der Zeit zu markieren und lange vor Erfindung der Smartphones als eine Art "Notfall-App" einer Gemeinde zu dienen. Die Glockenschläge der Türme gaben ebenso die Zeit für Gebet, Arbeit und Ruhe an wie sie vor Unwettern und Feuersbrünsten warnten.
Weil die Mächtigen der weltlichen Politik diese Bedeutung kirchlicher Glocken und Uhren für das öffentliche Wohl anerkannten, beteiligten sie sich vielerorts an ihrem Unterhalt. Im deutschen Südwesten war es beispielsweise der württembergischen König Karl, der 1887 "nach Anhörung Unseres Staatsministeriums und unter Zustimmung Unserer getreuen Stände" seinen Gemeinden dekretiert hatte, sich an der Unterhaltung "der Kirchthürme, Kirchenuhren und Kirchenglocken" seines Reiches in jenem Maße zu beteiligen, wie sie diese Einrichtungen für ihre kommunalen Zwecke mitnutzten.
In Äpfingen hatte diese inzwischen mehr als ein Jahrhundert alte königliche Order noch in jüngerer Zeit Folgen. Eine im Jahr 1892 per "Kirchenvermögensausscheidungsurkunde"' fixierte Regelung gibt dort nämlich vor, dass sich die katholische Kirche und die Gemeinde Maselheim, zu der Äpfingen inzwischen als Teilort gehört, die Renovierung des Kirchturms zu teilen haben. Als daher im Herbst 2011 ein Neuanstrich des Turms samt Erneuerung der Zifferblätter der Kirchturmuhr anstand, zahlten kirchliche wie weltliche Seite von den anfallenden 47.000 Euro Reparaturkosten je die Hälfte. Auch wenn die kommunale Kasse dadurch ein nennenswertes Stück leerer wurde, geschah dies einvernehmlich, wie Maselheims Bürgermeister Elmar Braun betont. Für den auf einem Bauernhof aufgewachsenen Braun, der 1991 zum ersten "grünen" Bürgermeister Deutschlands gewählt wurde, gehören Kirche wie Rathaus zu jedem Dorf, und trotz der in der Verfassung festgeschriebenen Trennung von Kirche und Staat, so meint er gelassen, könnten sich beide sehr wohl ergänzen. Was etwa die Ideen von Nächstenliebe, Bewahrung der Schöpfung und sozialer Gerechtigkeit angehe, habe die Religion der Politik durchaus einiges zu bieten, Mitfinanzierung von Kirchturmuhren hin oder her.
In Stuttgart will man die kommunalen Kosten senken
Ganz klar ums Geld geht es dagegen in Stuttgart. Dort führt die Stadtverwaltung mit den Kirchengemeinden gegenwärtig Gespräche, um zu einer Neuaufteilung der Renovierungskosten für die vielerorts maroden Kirchtürme der Landeshauptstadt zu kommen. Wie aus der Stadtkämmerei zu hören war, ist dabei Ziel, den kommunalen Kostenanteil auf "deutlich unter 50 Prozent" zu drücken. Wieviel das in Geld ausmachen könnte, lässt sich trotz dieses präzisen Kürzungswunschs allerdings nicht exakt beziffern, denn die Ausgaben für Uhrwerke und Glocken sowie die sie tragenden Türme sind je nach Reparaturaufwand von Jahr zu Jahr unterschiedlich. Volker Schaible, Chef der Stuttgarter Stadtkämmerei, kann deshalb höchstens über seinen amtlichen Daumen peilen: "Wir sind bei Weitem nicht in den Millionen."
Unstrittig ist der Kirchturm- und Kirchenunterhalt überraschenderweise ausgerechnet da, wo vielleicht am ehesten Konflikte zu erwarten gewesen wären: bei einer Kirche, die nicht nur einer einzigen Konfession gehört. In Biberach an der Riß wird die dortige Stadtpfarrkirche St. Martinus und Maria – wie dreiundsechzig weitere Kirchen in Deutschland – von Katholiken wie Protestanten gemeinsam als ihr Gotteshaus genutzt.
Eigentümerin des ursprünglich gotischen Sakralbaus ist die Stiftung Gemeinschaftliche Kirchenpflege, die bereits im späten 12. Jahrhundert gegründet wurde und deren Stiftungsrat heute je drei Vertreterinnen oder Vertreter der katholischen und der evangelischen Kirche sowie des Biberacher Gemeinderats angehören. Stolz sieht man in der Stadt diese nicht ganz einfache Konstruktion als "sichtbares Zeichen der jahrhundertealten Tradition der süddeutschen Reichsstädte, durch bürgerschaftliches Engagement und Spendenbereitschaft die Bau- und Kunstwerke der Stadt tatkräftig zu fördern."
In Bezug auf den Kirchturm bedeutet dieses selbstbewusste Erbe, dass man sich Aufgaben und Zuständigkeiten teilt: Für den Erhalt des Turms selbst und seiner Glocken ist die Stiftung zuständig, die Stadt allein hat dagegen dafür zu sorgen, dass das Werk der Kirchturmuhr funktioniert und ihre Zifferblätter ansehnlich bleiben.
Alles in allem scheint überall ausgemacht zu sein, dass ein gerüttelt Maß an Pragmatismus die wichtigste Zutat ist, wenn es darum geht, Kirchen in ihrer Substanz zu erhalten und so nicht zuletzt das angestammte Bild westeuropäischer Kulturlandschaften zu sichern. Diese gemeinsame Verantwortung hat nichts mit einem Unterlaufen der berechtigten Trennung von Staat und Kirche zu tun, sehr wohl aber viel damit, dass es eine zentrale Verpflichtung jeder Gesellschaft darstellen sollte, mit den oft jahrtausendealten Zeugnissen ihrer Kultur pfleglich umzugehen und sie nicht dem Verfall preiszugeben.
Man mag es verstehen wie man will: Kirchen und Kirchtürme gehören nicht den Christen allein. Jenseits ihrer Bedeutung als Orte des Gebetes prägt ihr Bild für viele Menschen auch das Bild von Heimat. Sie vermitteln Geschichte und erzählen Geschichten, nicht alle mit Happy End. Sie zu erhalten, kann nicht nur Sache der schrumpfenden Kirchengemeinden sein. Ferdinand Kleber in Äpfingen soll sich schließlich auch in Zukunft am Blick aus seinem Küchenfenster freuen können.
Mitunter schlagen Glocken nachts - weshalb sich mancher Anwohner um den Schlaf gebracht sieht und vor Gericht zieht. Das Geläut im christlichen Abendland scheint nicht mehr selbstverständlich zu sein.