Wenn Himmel und Erde sich verbinden
"Glockenpapst" Kurt Kramer über die ungewöhnlichen Musikinstrumente

Wenn Himmel und Erde sich verbinden

Den Spitznamen "Glockenpapst" mag Kurt Kramer eigentlich nicht. Dennoch sind sie die Leidenschaft des Buchautors und früheren Glockensachverständigen des Erzbistums Freiburg. Katholisch.de hat mit dem 72-Jährigen gesprochen.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 11.12.2015

Frage: Herr Kramer, was fasziniert Sie so sehr an Glocken?

Kramer: Glocken haben alle Kulturen dieser Erde geprägt – immer mit dem gleichen Gedanken: In ihrem Klang sollen sich Himmel und Erde verbinden. Sie soll Gebete und Botschaften zum Himmel tragen und dann durch ihr Erklingen auch die Antwort auf Erden verkünden. Glocken prägen die Musik bis in unsere Zeit. Viele der bedeutendsten Maler und Bildhauer wie Albrecht Dürer, Balthasar Neumann und aktuell Emil Wachter haben selbst Glocken geschaffen.

Frage: Seit wann gibt es Glocken?

Kramer: In China gibt es die Glocke seit etwa 5.000 Jahren. Man kann die politische Geschichte Chinas bis zum Mittelalter an der Glocke erzählen. Sie hat dort das ganze Kultur- und Sozialleben geprägt. Es gab überall einheitlich gegossene Glocken, die natürlich auch die gleiche Länge hatten. So war im frühen China die Glocke das Maß der Länge, ihr Hohlraum das Maß für Reis oder Getreide und ihr Gewicht die Maßeinheit für Gewichte im ganzen Kaiserreich.

Kurt Kramer im Porträt.
Bild: © KNA

Kurt Kramer stammt aus Karlsruhe und hat Musik und Architektur studiert. Seit 1972 er war bis zu seiner Pensionierung vor sieben Jahren im Erzbistum Freiburg als Glockensachverständiger tätig. Er ist weiterhin Mitglied im ökumenischen Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen. Aufgrund seiner weit über die Bistumsgrenzen hinaus bekannten Expertise wird er in Presseberichten augenzwinkernd auch als "Glockenpapst" oder "Monsieur Bimbam" bezeichnet. Er hat zahlreiche Bücher über das Musikinstrument geschrieben.

Frage: Und wie fand die Glocke ihren Weg in die christliche Religion?

Kramer: Im Judentum hingen am Rocksaum des Hohenpriesters traditionell 12 Glöckchen. Auch diese Zahl stand für die Verbindung zwischen Himmel und Erde: Die Vier als Zahl für die Welt, multipliziert mit drei, der Zahl des Göttlichen, ergibt 12. Und das ist im Wortsinn die Zahl dessen, das man nicht an zehn Fingern abzählen kann. Die frühen christlichen Schriftsteller wie Justinus und Origenes haben die Glocke so gedeutet, dass sie mit ihrem Klang das "Unbegreifliche" verkünden wolle: die Botschaft von Leben, Sterben und Auferstehung Jesu.

Frage: Wann hat eine Glocke den richtigen Klang?

Kramer: Diese Frage lässt sich nicht technisch-wissenschaftlich, sondern nur philosophisch beantworten: Die Glocke hat dann den richtigen Klang, wenn die Menschen davon berührt werden. Es gibt heute eine ausgefeilte Harmonielehre, aber die hilft ausgerechnet bei der Glocke nicht so richtig weiter. Denn die Glocken, die nach der Theorie am besten gestimmt sind, klingen langweilig und haben den Menschen eigentlich nichts zu sagen. Manche Glockensachverständige würden solche Glocken wie die Gloriosa in Erfurt, die Hosanna in Freiburg oder die Glocke Emmanuel in der Pariser Notre Dame heute ablehnen. Bei denen stimmt harmonisch nichts. Trotzdem sind alle Menschen - Laien wie Sachverständige - überzeugt, dass das die Glocken mit dem schönsten Klang in Europa sind.

Frage: Aber ist das nicht ein Widerspruch?

Kramer:  Also, ich finde den Widerspruch gar nicht so groß. Ich finde das zutiefst menschlich. Das Perfekte ist nicht immer das Schöne und Gute.

Die Glocken, die nach der Theorie am besten gestimmt sind, klingen langweilig und haben den Menschen eigentlich nichts zu sagen.

Zitat: Kurt Kramer

Frage: Wie sind Sie zum "Glockenpapst" geworden? Als man Sie in den 1970er Jahren gefragt hat, ob Sie Glockensachverständiger werden wollen, haben Sie ja erstmal entschieden abgelehnt…

Kramer: "Nie im Leben" habe ich gesagt - und so einfach wurde ich dann Glockensachverständiger (lacht). Im Ernst: Ich bin damals erstmal hier in Karlsruhe in die Landesbibliothek und habe mir alles vorlegen lassen, was es zu Glocken gab. Schon am gleichen Tag war ich fasziniert - und habe doch zugesagt. Ich habe mich dann sehr intensiv mit der Kulturgeschichte der Glocken auseinandergesetzt. Welche Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Philosophen haben sich mit dem Thema beschäftigt? Das hat mich fasziniert. Und irgendwann hat dann mal jemand in einem Artikel den Titel "Glockenpapst" verwendet – aber das war ganz allein seine Meinung. Ich kann mit dem Titel nicht viel anfangen.

Frage: Was macht man eigentlich als Glockensachverständiger?

Kramer: Bevor eine Glocke gegossen wird, muss man abklären, wie sie klingen muss, wie sie sich in das Geläut einpasst, ob der Turm statisch überhaupt in der Lage ist, die Glocken aufzunehmen. Glockensachverständige müssen Wissen aus ganz verschiedenen Gebieten mitbringen: Sie müssen von Architektur etwas verstehen, vom Bau des Glockenstuhles, von der Schwingungslehre. Glocke und Klöppel bilden ein sogenanntes Doppelpendel, sie sind nur ganz schwer aufeinander abzustimmen. Wie das Zusammenspiel funktioniert, das ist Teil der Chaosforschung. Wenn eine Glocke etwas schrill läutet, hängt das meist nicht an der Glocke, sondern am Klöppel.

Frage: Nicht jeder begeistert sich so für Glocken wie Sie. Manche empfinden Ihren Schlag vor allem nachts als Lärmbelästigung. Das geht hin bis zu Auseinandersetzungen vor Gericht. Welche Möglichkeiten gibt es, solche Konflikte zu vermeiden?

Kramer: Meine Erfahrung ist: Wenn beide Seiten einen guten Willen haben, dann lässt sich eine gute Lösung finden. Oft wird in den Kirchen tatsächlich zu laut geläutet. Das ist ein technisches Problem, das lösbar ist. So gut wie jedes Geläut – außer die der ganz großen Dome – ist auf den Wert zu bringen, der erträglich und juristisch erlaubt ist. Wer ein juristisch verbrieftes Recht hat, läuten zu dürfen, der hat darüber hinaus aber auch die Verpflichtung, Rücksicht zu nehmen. Auf diesem Weg des Dialogs sind wir eigentlich immer weitergekommen.                      

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Video: © Nicole Stroth

Von Freiburg über Karlsruhe nach Tansania: Vorbereitungen für die große Reise einer Glocke (Archivvideo vom Juli 2015).

Frage: Sie sind nun seit sieben Jahren pensioniert. Fehlt Ihnen Ihr Beruf?

Kramer: Meine Leidenschaft für Glocken hat sich etwas verändert. Als ich in Pension gegangen bin, habe ich mit der Praxis aufgehört. Denn bis dahin hatten wir in neuen Weiterbildungskursen etwa 50 bis 60 Glockensachverständige ausgebildet. Denen wollte ich ganz sicher nicht die Arbeit wegnehmen. Aber seitdem konnte ich die Kulturgeschichte der Glocke noch viel intensiver erforschen als zuvor.  

Frage: Ihr neuestes Buch "Klänge der Unendlichkeit" ist gerade erschienen. Was waren Ihre Beweggründe für diese Publikation?

Kramer: Ich wollte erforschen und aufzeigen, wie die Glocke in das Christentum kam – nämlich über das Judentum. Das Buch ist eine Reise durch die Kulturgeschichte der Glocken – von den Anfängen bis zur Gegenwart. Ich widme mich der Frage, wie die Geschichte der Glocke mit der Geschichte der Menschheit zusammenhängt. Welche Bedeutung hatte die Glocke beispielsweise in der Französischen Revolution? Und wie kommt Napoleon dazu, dass er ein Glockenliebhaber ist und trotzdem 100.000 Glocken zu Kanonen umgießen lässt, um sie dann auf den Schlachtfeldern Europas klingen zu lassen...

Hinweis: "Klänge der Unendlichkeit"

Das Buch "Klänge der Unendlichkeit. Eine Reise durch die Kulturgeschichte der Glocke" von Kurt Kramer ist im Verlag Butzon & Bercker erschienen. Es hat 359 Seiten mit zahlreichen Abbildungen und einer begleitenden Audio-CD und kostet 39,95 Euro.

Von Gabriele Höfling