Diagnose: Hetzkrankheit
Adventszeit - das ist die Wartezeit auf die Ankunft des Herren. Besinnlich soll sie sein, Gelegenheit zur inneren Einkehr geben, Sehnsucht wecken. Doch dazu bleibt in den vier hektischsten Wochen des Jahres oftmals keine Zeit. Es gibt so wahnsinnig viel zu tun. Außerdem will geduldiges Abwarten so gar nicht zum Lebenskonzept des 21. Jahrhunderts passen. Meistens jedenfalls.
An einem Bahnübergang im niedersächsischen Holtgast ist das anders. Plattes Land, 148 Einwohner pro Quadratkilometer, entsprechend viele Schafe und eine Bahnstrecke zwischen Oldenburg und Leer, die hier einen Wirtschaftsweg im Nirgendwo kreuzt. Vor einigen Monaten haben Feldmäuse ein paar Kabel durchgenagt und jetzt funktioniert das Warnlicht nicht mehr. Dafür steht nun ein Bahnübergangsposten Wache. Sobald sich ein Zug nähert, spannt er zwei rotweiße Girlanden, als Schrankenersatz.
Warten am Bahnübergang vor der Sackgasse
Der Bahnübergangsposten hat einen leichten Job - könnte man meinen. Aber die Sicherheitsleute der Bahn müssen Fähigkeiten mitbringen, die fast schon ausgestorben sind: Die Fähigkeit zu warten und die Fähigkeit acht Stunden lang nichts zu tun. Handys, Bücher, Gespräche - alles was ablenken und die Zeit vertreiben könnte, ist verboten. Und auch die Umgebung bietet keine große Unterhaltung. Maisfelder, ein paar Fahrräder und ab und zu ein Traktor, der den Bahnsteig überquert. Es ist wohl immer derselbe, denn der Weg ist eine Sackgasse.
Der Advent ist die vierwöchige Vorbereitungszeit auf Weihnachten. Das Wort kommt vom lateinischen "adventus" und lässt sich mit "Ankunft" übersetzen. Was Sie sonst noch über den Advent wissen müssen, erfahren Sie hier.
Der Bahnübergangsposten ist nicht der einzige Beruf mit Wartezeit. In den USA gibt es schon seit Jahren professionelle "Linestander". Ob für die besten Plätze im Konzert, den VIP-Bereich im Restaurant oder einen der raren Sitze bei Kongress-Anhörungen: Menschen bezahlen hier andere Menschen dafür, ihren Platz in der Reihe einzunehmen, während sie ihren wichtigen Tätigkeiten nachgehen. Auch in Italien gibt es den Beruf des menschlichen Platzhalters. Hier warten sie gegen Entgelt auf Ämtern, bei der Kfz-Zulassungsstelle oder bei der Post.
Nicht immer kommt man aber für ein paar Euro um das Warten herum. Gerade dann nicht, wenn es besonders schmerzhaft ist und besonders lange dauert. Zeit ist ein dehnbarer Begriff. Jeder hat schon einmal erlebt, wie Minuten zu Stunden werden können, wenn man auf Erlösung wartet. Die Ankunft des Sohnes, der bei nächtlichem Glatteis mit dem Motorrad unterwegs ist. Die lang ersehnte Jobzusage oder die Nachricht, dass die schwere Operation eines geliebten Menschen gut verlaufen ist. Pfarrer Johannes Kleene kennt solche Situationen gut.
Spannung zwischen Dunkel und Licht
"Ich habe in meinem Leben diese Spannung zwischen Dunkel und Licht, Ausweglosigkeit und 'doch noch einen Weg finden' kennengelernt", erzählt der leitende Pfarrer der Darmstädter Liebfrauengemeinde. "Am Ende des Studiums war ich sehr verunsichert, wollte nicht mehr in den kirchlichen Dienst." Da sei es heilsam gewesen, nicht vorschnell zu handeln, sondern zu warten. "Manchmal musste ich loslassen, akzeptieren und annehmen, um weitergehen zu können." Warten zu müssen gleiche manchmal einem Läuterungsprozess und stelle den Glauben auf die Probe. "Wenn Gebete nicht erhört werden, wenn die Welt Jahr um Jahr nicht besser wird, dann geben nicht wenige auf."
Mehr als 75 Bibelstellen beschreiben das "Warten" und "Erwarten". "Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs lässt sich Zeit. 40 Jahre irrt das Volk Israel durch die Wüste", erzählt Kleene. Der Mensch werde ermutigt, die Geduld nicht zu verlieren, sondern wie ein Gärtner das Sprießen der Saat abzuwarten oder in dunkler Nacht nicht zu vergessen, dass die Sonne aufgehen wird. "Von Teresa von Avila ist ein Wort überliefert: 'Was kann ich tun, um die Welt zu retten? Nichts. So wenig, wie ich dafür tun kann, dass die Sonne aufgeht. Wozu dann alle Werke und Gebete? Um wach zu sein, wenn die Sonne aufgeht.'"
Während sich die Zeit einerseits ins unendliche Dehnen kann, schrumpft sie im Alltag oft zusammen. An Sonntagnachmittagen, wenn der Berufspendler gleich zum Bahnhof muss, um die Woche weit weg von seiner Familie zu verbringen. Wenn ein Termin den nächsten jagt, die Post gleich schließt und das Kind vom Ballett abgeholt werden muss. Wer zu lange auf der Hektikwelle schwimmt, glaubt panisch, er müsse untergehen, sobald er das Tempo drosseln soll. Schon bei kleinen Geduldsproben steigt der Blutdruck, es wird gemeckert oder eben das Smartphone gezückt, um die Lücke zu nutzen. Mal eben 148 E-Mails checken gegen die innere Unruhe und damit man nicht spürt, wie die Zeit verrinnt.
Es hat schon etwas Pathologisches, diese ständige Zeitnot, und in der Tat kennen Psychologen in den USA den Begriff der "Hetzkrankheit". Es ist das Gefühl mehrere Dinge gleichzeitig erledigen zu müssen, der Zeit hinterherzurennen und irgendwie doch nie alles zu schaffen. Das als Managerkrankheit bekannt gewordene Syndrom kennen heute auch viele Frauen, die als Familienmanagerin drei oder vier Lebensbereiche unter einen Hut bringen müssen. Die Folgen reichen von Magenproblemen über Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis zu Depression und Burnout.
Uhren als "Mühlen des Teufels"
In den Neunzigerjahren reiste der amerikanische Psychologe Robert V. Levine um die Welt und erstellte eine Landkarte der Zeit. Seine Erkenntnisse über das unterschiedliche Lebenstempo verschiedener Kulturen sind zwanzig Jahre später aktueller denn je. So wundert es nicht, dass europäische Länder oder Japan in der Rangliste weit oben rangieren, während es in Indonesien und Mexiko wesentlich gemächlicher zugeht. In einigen Kulturen ist es sogar verpönt, sich zu hetzen. Bei den algerischen Kabyle gilt Eile als mangelnder Anstand und Uhren als "Mühlen des Teufels". Die Kabyle sind mit dieser Meinung nicht unbedingt alleine.
Schon 1884 kritisierte der amerikanische Journalist Charles Warner: "Das Zerhacken der Zeit in starre Perioden ist ein Angriff auf die persönliche Freiheit und lässt keine Unterschiede in Temperament und Wahrnehmung zu." Das gemächliche Heraussuchen von Centstücken an der Kasse eines Supermarktes dauert vielleicht eine Minute, ist demnach aber eine kleine Rebellion und Zeichen persönlicher Freiheit in einer fremdbestimmten Zeit. So könnten es zumindest jene interpretieren, die dahinter in der Schlange mit den Hufen scharren. Entschleunigung tut der Seele gut. Ebenso wie die Vorfreude auf etwas, das man nicht sofort bekommt, weiß Pfarrer Kleene aus eigener Erfahrung.
An Weihnachten kommt es in vielen Familien zu Ärger und Stress. Der Psychologe und Lebensberater Werner Hübner gibt Tipps, wie man Probleme und Enttäuschungen vor und an den Feiertagen vermeiden kann.
"Ich bin dankbar für karge Zeiten, in denen meine Wünsche nicht unmittelbar erfüllt wurden", erinnert er sich an seine Kindheit. "Es macht die Seele nicht unbedingt satt, sofort alles zu bekommen." Bis 1917 wurde die Adventszeit als Fastenzeit begangen. Das machte das Weihnachtsfest umso schöner. "Wer vorher fastet, schmeckt viel intensiver. Wer sehnsüchtig wartet, freut sich umso mehr", so Kleene. Es gehe um ein bewussteres Leben und darum, zum Nachdenken zu kommen. "Viele merken beim Fasten, dass sie ihre Prioritäten zuvor falsch gesetzt haben."
Alles auf Anfang und los
Die Adventszeit ist heute wie sie ist. Kaum jemand kann sich dem Trubel entziehen. Viele helfen sich, in dem sie einfach früher anfangen. Sie kaufen die Geschenke schon im November, holen gleich nach Sankt Martin die Weihnachtsdeko vom Dachboden, prüfen Lichterketten auf Funktionstüchtigkeit. "Große Feste und Ereignisse benötigen einen gewissen Vorlauf, damit alles gut organisiert ist und das Fest wirklich als Fest erlebt wird", sagt Pfarrer Kleene. "Auch ich bereite die Weihnachtsgottesdienste frühzeitig vor, um an Weihnachten in meiner Seele Ruhe zu haben und aufgeräumt zu sein. Dann kann ich befreit mit meiner Gemeinde feiern."
So geht es auch vielen anderen. Und dann, wenn die Messen gelesen, das Essen genossen und die Geschenke ausgepackt sind, kommen auch die Eifrigsten zur Ruhe. Die Tage zwischen den Jahren gehören für viele Menschen zu den wenigen im Jahr, an denen Zeit plötzlich keine Rolle mehr spielt. Da sind sie, die Momente der Ruhe und Besinnung. Bis es wieder heißt: Alles auf Anfang und los. Vielleicht mal ein bisschen gemächlicher im neuen Jahr.