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Matthias Drobinski über die Schwäche des katholischen Milieus

Die Angst vor dem Gegenargument

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Schachfigur
Bonn - Matthias Drobinski über die Schwäche des katholischen Milieus

Eine gute Woche ist's her, der Schreck ist geblieben. Bundespräsident Joachim Gauck, Innenminister Thomas de Maizière und Arbeitsministerin Andrea Nahles kamen zum Katholikentag nach Leipzig - und redeten vor leeren Stühlen. Man kann das aufs doofe Publikum schieben, das sich nicht mehr für Politik interessiert. Aber das trifft die Sache nicht. In Leipzig war zu besichtigen, wie weit sich der Laienkatholizismus in Deutschland selber entpolitisiert hat, wie schwächlich und ängstlich der katholische Bürgergeist geworden ist.

In Leipzig fehlten, auch diesseits der AfD, die Kritiker der Kirchenposition in der Flüchtlingsdebatte. Es fehlte in der Heidenstadt ein strammer Atheist. Es fehlten die konservativen Muslime und die Islamkritiker. Es war zur Diskussion geladen, wer ins Meinungs- und Deutungsspektrum des gemäßigten, liberalen Katholizismus passte, kein Befürworter des assistierten Suizids und kein strenger Abtreibungsgegner.

Wir wollen keinen Krawall, argumentierte das Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Das ist ehrenhaft. Doch hinter dem Argument steckt die Angst vor der Veunsicherung und dem Gegenargument. Der politische Katholizismus, einst entstanden als trotzige Selbstbehauptung gegenüber dem preußischen Staat und der autoritären Papstkirche, bestärkt und bekräftigt sich heute lieber selber. Er meidet die Verunsicherung. Und wenn sich diese Haltung zu einem gouvernantenhaften  Katholikentagsprogramm verdichtet, darf man sich nicht wundern, dass die Leute liebe ins Konzert gehen, statt das Erwartbare noch einmal zu hören.

Doch es wird nicht genügen, selbstgenügsam das eigene Milieu zu pflegen. Das, was die katholische Kirche heute vertritt, wird zunehmend bestritten werden. Ihre Option für die Armen und Schwachen, ihr Ja zur Aufnahme des Fremden, wird sich mit dem identitären Gruppenegoismus auseinandersetzen müssen, den Europas neue Rechte vertritt. Ihr Ja zur Unverfügbarkeit des Lebens mit einem wachsenden Utilitarismus, der nach dem Zweck dieses Lebens fragt - und ihn, sind die Kosten zu hoch, verneint. Die Christen werden streiten lernen müssen, ihre Argumente schärfen, sie dem Zweifel aussetzen. Die Kuschelzeit ist vorbei.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

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