Faggioli: Katholiken haben erkannt, dass Trump eine Katastrophe war
Die US-Zwischenwahlen sind für den in den USA lehrenden Theologen Massimo Faggioli vor allem eine Niederlage des Trumpismus. Im Interview mit katholisch.de erklärt der Theologe, warum sich auch katholische Wähler, die Trump gewählt oder mit ihm sympathisiert haben, von ihm abwenden, welche Rolle Papst Leo XIV. dabei spielt und weshalb die christlichen Kirchen die Macht des Silicon Valley stärker in den Blick nehmen müssen.
Frage: Herr Faggioli, was hat Sie an diesen Wahlen am meisten überrascht?
Faggioli: Das Ausmaß des Erfolgs der Demokraten, gerade in Bundesstaaten wie Texas oder Iowa. Es steht außer Frage, dass wir eine gewaltige blaue Welle erlebt haben. Entscheidend ist jetzt, was daraus folgt: Wie findet Amerika einen Ausweg aus mehr als zehn Jahren, in denen Trump die Politik dominiert hat?
Frage: Was bedeuten diese Zwischenwahlen für die Präsidentschaftswahl 2028? Sehen Sie bereits Anzeichen einer Neuorientierung?
Faggioli: Nein, noch nicht. Ich denke, das ist eher eine gewaltige Niederlage für Trump. Sie gewinnen, weil der Trumpismus völlig versagt hat: in der Wirtschaft, in den internationalen Beziehungen, in allem. Die Demokraten müssen für die nächste Wahl in zwei Jahren erst noch eine nationale Erzählung und einen politischen Plan entwickeln. Natürlich haben sie die Defensive verlassen. Das ist ein großer Erfolg. Sie haben Kandidaten, die vor Ort stark sind. Aber es ist unklar, wie gut diese auf nationaler Ebene wären.
Frage: Können Sie ein Beispiel nennen?
Faggioli: Den Senator aus Michigan, Abdul El-Sayed, kann ich mir beispielsweise nicht als Präsidentschaftskandidaten vorstellen. Für einen muslimischen Kandidaten ist Amerika meiner Einschätzung nach noch nicht bereit.
Frage: Und doch sind die Wahlergebnisse ein Zeichen…
Faggioli: Das Wahlergebnis ist ein starkes Zeichen dafür, dass die amerikanische Demokratie und ihre Institutionen funktionieren. Aber die Demokratische Partei muss noch klären, welche Positionen sie zur Wirtschaft, zur Einwanderung, zu Europa und zu Israel einnehmen will. Die Liste der offenen Fragen ist lang.
Frage: In den sozialen Medien sprachen Sie von einem Comeback des Mainstream-Protestantismus. Kann Papst Leo XIV. helfen, die Bindungen zwischen konservativen Katholiken und dem Trumpismus zu lockern?
Faggioli: Ich denke, das ist teilweise bereits geschehen. Katholiken, die Trump gewählt oder mit ihm sympathisiert haben, haben erkannt, dass er auch für den Katholizismus, das Christentum und die Kirchen eine Katastrophe gewesen ist. Das liegt zum Teil an Papst Leo, zum Teil aber auch daran, dass die Folgen für die Kirche sichtbar geworden sind.
Frage: Ist das eine Chance für die Demokraten?
Faggioli: Das Problem ist: Viele der neuen Gesichter und Stimmen in der Demokratischen Partei haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten erlebt, wie eng die katholischen Bischöfe mit der Republikanischen Partei verbunden waren. Die junge Generation der Demokraten setzt den Katholizismus deshalb stark mit den Republikanern und dem Trumpismus gleich. Zwischen ihr und dem Katholizismus gibt es kaum eine Verbindung. Daran muss gearbeitet werden.
Frage: Kürzlich haben mehrere katholische Bischöfe an der Seite von Donald Trump im Weißen Haus gebetet. Woher kommt diese enge Beziehung zwischen Teilen der katholischen Hierarchie in den USA und der politischen Macht? Warum stehen Bischöfe den Republikanern so nahe?
Faggioli: Die bisherige Erklärung war, dass sie wegen der Abtreibung und anderer bioethischer Fragen auf der Seite der Republikaner standen. Für die Republikanische Partei sind diese Themen aber politisch nicht mehr relevant. Wer ein Leben lang gesagt hat, man müsse die Republikaner unterstützen, weil nur sie sich um diese Fragen kümmerten, hat heute nichts mehr anzubieten. Diese Katholiken sind von Donald Trumps Republikanischer Partei im Stich gelassen worden.
Frage: Wird das so bleiben?
Faggioli: Wir werden sehen, ob die Partei nach Trump zu den Themen zurückkehrt, die den Bischöfen und konservativen Katholiken am Herzen lagen. Das wissen wir noch nicht. Fast 50 Jahre lang haben die bioethischen Fragen dieses Bündnis zusammengehalten. Das Thema Einwanderung hat das verändert. Hinzu kommen die Künstliche Intelligenz, die Technokratie und die tatsächliche Macht der Technokraten im Silicon Valley. Das beunruhigt auch konservative Katholiken sehr. Es gibt also neue Themen, die das Verhältnis der Katholiken zu den beiden Parteien neu ordnen werden.
Frage: Laut einer jüngsten Umfrage sinkt Trumps Unterstützung unter katholischen Wählern. Welche Rolle spielt dabei die Nähe von Teilen der Bischofskonferenz zu Trump und den Republikanern?
Faggioli: Sie ist ein Teil der Erklärung. Aber katholische Wähler zahlen beim Tanken oder beim Kauf von Brot, Eiern und Milch dieselben Preise wie alle anderen. Auch sie teilen das landesweite Gefühl, dass diese Regierung versagt und Versprechen gemacht hat, die nicht eingelöst wurden – oder bei denen sogar das Gegenteil eingetreten ist. Katholiken haben zwar ihre eigenen Anliegen, aber bei dieser Wahl war die Wirtschaft das alles überragende Thema. Sie wandten sich von den Republikanern ab, weil sie es wie alle anderen leid waren. Bestimmte Themen haben auch zu einer Distanzierung zwischen den Bischöfen und der Republikanischen Partei beigetragen. Das ist wichtig, und Papst Leo hat dabei eine wichtige Rolle gespielt. Aber katholische Wähler entscheiden nicht unbedingt aufgrund dessen, was der Papst gesagt hat oder was Trump über ihn gesagt hat. Es ist eine "normale Wählerschaft": Diese Menschen müssen Rechnungen bezahlen und ihre Kinder zur Schule schicken.
Frage: Spielen die Äußerungen des Papstes dennoch eine Rolle?
Faggioli: Ja, aber eher unter den Bischöfen und unter Menschen, die in bestimmten Kreisen einflussreich sind, etwa in der Wissenschaft und unter Intellektuellen. Durchschnittliche Wähler verfolgen nicht so genau, was der Papst und Trump sagen. Jedenfalls weniger, als wir vermutlich denken.
Frage: Sie haben bereits Silicon Valley angesprochen. Es ist von einer neuen "Religion" die Rede, die Erlösung durch Technologie verspricht. Was kann das Christentum dem entgegensetzen?
Faggioli: Es muss auf die Gefahren der Pläne hinweisen, die Elon Musk, Peter Thiel und andere für uns alle haben. Eine Wahl gegen Trump zu gewinnen ist leichter, als gegen Silicon Valley zu gewinnen. Diese Akteure kontrollieren bereits viele Bereiche der amerikanischen Macht: in der Wirtschaft, im Finanzwesen und im Militär. Es braucht deshalb eine kulturelle Anstrengung, um deutlich zu machen, wie gefährlich ihre Pläne sind.
Frage: Welche Rolle kann dabei die Kirche einnehmen?
Faggioli: Der Katholizismus hat dabei eine besondere Rolle: Populismus kommt und geht in Zyklen. Der Katholizismus kann Menschen mobilisieren und auch die Republikaner davor warnen, dass sie der nächste große Bissen sind, den Silicon Valley verschlingen wird. Die Kirchen und die katholische Kirche müssen deshalb in beide Parteien hineinwirken. Sie müssen deutlich machen, dass die Pläne von Musk und Thiel für alle gefährlich sind. Diesen Leuten ist egal, ob jemand Demokrat oder Republikaner ist. Das ist meiner Meinung nach die eigentliche Herausforderung.
Frage: Kann denn dieses Thema beide Seiten zusammenbringen?
Faggioli: Ich denke schon. Ein Faktor bei dieser Wahl war der Widerstand gegen Pläne für den Bau eines neuen Rechenzentrums. Künstliche Intelligenz löst bei vielen Amerikanern große Ängste aus. Das ist ein parteiübergreifendes Thema. Es bleibt abzuwarten, ob die Politik etwas unternehmen kann, um die gewaltige Macht des Silicon Valley und dieser Konzerne aufzubrechen. Das ist noch unklar. Möglich wäre es eher, wenn die beiden Parteien darüber einen gewissen Konsens erzielen.