Theologe wirft Caritas-Chefin Begriffsverwirrung vor
Der Theologe Ludger Schwienhorst-Schönberger warnt Caritas-Präsidentin Eva Welskop-Deffaa (Foto oben) davor, die katholische Soziallehre zu verwässern. Es sei wichtig, die "semantische Konsistenz eingeführter Begriffe" beizubehalten, schrieb der emeritierte Professor für alttestamentliche Bibelwissenschaft (Wien) in einem Gastbeitrag für die Zeitschrift "Christ in der Gegenwart" von Sonntag.
Welskop-Deffaa hatte sich jüngst in einem "Christ in der Gegenwart"-Interview geäußert und damit eine Diskussion über die Prinzipien der katholischen Soziallehre angestoßen. Kern der Debatte: die Bedeutung des Prinzips der Subsidiarität. Danach sollen Aufgaben und Entscheidungen von der jeweils unterstmöglichen Organisationseinheit oder auch von Einzelpersonen übernommen werden.
"Methode der Begriffsverwirrung"
Schwienhorst-Schönberger schreibt, wenn die Caritas-Präsidentin meine, die Enzyklika "Magnifica humanitas" könne "als eine Enzyklika zur Entwirrung des Subsidiaritätsprinzips" gelesen werden, bedeute das im Klartext: "Sie möchte die katholische Soziallehre allein auf das Prinzip der Solidarität aufgebaut sehen."
Da sie das Subsidiaritätsprinzip aber aus Gründen der Tradition nicht einfach fallen lassen könne, arbeite sie "mit der sophistischen Methode der Begriffsverwirrung" und interpretiere das Subsidiaritätsprinzip ausschließlich von der Solidarität her. "Am Ende kommt heraus: 'Mitverantwortung ist die Idee der Subsidiarität, nicht Eigenverantwortung'", so der Theologe. Dabei sei das Gegenteil der Fall: "Mitverantwortung ist Solidarität, Eigenverantwortung ist Subsidiarität." Beide Prinzipien seien Grundprinzipien der katholischen Soziallehre. "Das eine Prinzip darf nicht gegen das andere ausgespielt, das eine nicht von dem anderen aufgesaugt werden", ergänzte Schwienhorst-Schönberger.
Zum Verständnis von Subsidiarität
Welskop-Deffaa verstehe Papst Leo falsch, wenn sie schreibt, er würde das Prinzip der Subsidiarität als "Mitverantwortung" so interpretieren, dass seine Bedeutung als "Eigenverantwortung" relativiert werde. Mitverantwortung zu fördern bedeute, die Verantwortung der jeweils untergeordneten Einheiten zu fördern. "Und es bedeutet eben nicht, dass der Staat als übergeordnete Instanz im Rahmen 'paternalistischer und wohlfahrtsstaatlicher Verwaltung' deren Verantwortung an sich zieht, wie es das Leitprinzip des Sozialismus ist", so der Theologe.
Er kritisierte, Welskop-Deffaa sei das klassische Verständnis des Subsidiaritätsprinzips "ein Dorn im Auge", weil ihrer Ansicht nach damit das Prinzip der Solidarität eingeschränkt werde: "Aber genau darum geht es. Solidarität ohne Subsidiarität endet im Kollektivismus und widerspricht dem christlichen Verständnis von Personalität", unterstrich Schwienhorst-Schönberger.