Weihnachten auf der Autobahn
Heiligabend geht es heim zu den Eltern. Der Besuch beim Schwiegervater steht am ersten Weihnachtsfeiertag an. Und am 26. Dezember muss man abends wieder zu Hause sein, weil "zwischen den Jahren" die Arbeit ruft. Jahr für Jahr verbringen zahlreiche Menschen ausgerechnet die Zeit, die ruhig und besinnlich sein soll, zu weiten Teilen auf der Autobahn oder im Zug.
Auf Reisen zu den lieben Verwandten
Dazwischen ist es zwar oft nett mit den lieben Verwandten. Am Ende sind aber diejenigen, die sich auf die Reise begeben, einfach nur fertig. Auch wegen der Frage des Schwiegervaters, warum man "nur" am ersten Feiertag und nicht schon Heiligabend bei ihm war. Viele Geplagte wissen das alles, lassen es aber nicht - zumindest nicht, bis sie eigene Kinder haben. Denn das ist bei vielen Paaren der Punkt, an dem sie sagen: "Liebe Eltern, kommt zu uns, wir richten die Familienweihnachtsfeier aus." Bis dahin haben sie als Paar vielleicht noch nie Heiligabend gemeinsam verbracht - aus Rücksicht auf die eigenen Eltern.
An Weihnachten kommt es in vielen Familien zu Ärger und Stress. Der Psychologe und Lebensberater Werner Hübner gibt Tipps, wie man Probleme und Enttäuschungen vor und an den Feiertagen vermeiden kann.
Der Religionssoziologe Michael Ebertz aus Freiburg spricht vom "Geburtstagsfest der Familie". Dazu versammele sich einmal im Jahr die soziale Einheit der Familie, zur Geburt Jesu Christi - nach christlichem Verständnis bedeutet sie die Menschwerdung Gottes. Zu diesem Fest besuchten meist die Kinder ihre Eltern, nicht umgekehrt. Sie kehren Ebertz zufolge an den Ort ihres Ursprungs zurück, an dem sie selber in die Welt gekommen seien.
Das schließt nicht aus, auch einmal selber Gastgeber zu sein. Das empfiehlt der Psychologe Fritz Propach, um zumindest dem Reisestress zu entgehen. "Warum nicht den Spieß mal umdrehen und zu sich nach Hause einladen", so der Experte auf der Internetseite des Vereins Pro Psychotherapie. Die Zahl der Termine und Ortswechsel müsse "erträglich und umsetzbar" bleiben. "Natürlich sind die Wünsche der Verwandten verständlich, Kinder und Enkel oder die eigenen Eltern sehen zu wollen", so Propach. Aber: "Gerade bei Familien, deren Elternteile weit von einander entfernt wohnen, führt Weihnachten jedes Jahr wieder zu einer Zerreißprobe."
Die Lösung könnte nicht nur der umgedrehte Spieß sein. Sondern auch der Kompromiss, die ausgleichende Gerechtigkeit und die Liebe, sagt der Psychologe Peter Groß aus Köln. Denn zu wollen, dass es dem anderen gut geht, sollte nicht nur an den Feiertagen die Richtschnur sein. Groß rät, ehrlich zu sein und den Mut zu haben, Belastungen offen anzusprechen. Wenn jemand meint, immer das machen zu müssen, was andere erwarten, könnten im schlimmsten Fall Depressionen und psychosomatische Störungen die Folge sein, so der Experte.
"Für junge Familien ist es im Sinne von Selbstständigkeit generell wichtig, dass sie eigene Weihnachtsrituale entwickeln." Gut beraten seien junge Paare, wenn sie den Eltern signalisierten, sie seien willkommen - aber auch Verständnis dafür hätten, wenn Eltern Weihnachten lieber unter sich feiern wollten. Etwa mit Bekannten. Schließlich seien Familienbesuche auch zwischen Weihnachten und Neujahr sinnvoll, sagt Groß. Denn es kann seinen Worten zufolge noch stressiger für alle Seiten werden, wenn Eltern nicht akzeptieren, dass die Kinder eigene Pläne haben. Sollte deswegen Streit zwischen den Partnern drohen, könne man am Ende auch alleine zu den eigenen Eltern gehen. "Das ist ein Kompromiss." Sollte dieser nicht möglich sein, liege wohl ohnehin etwas in der Beziehung im Argen.
"Das kann Gott nicht wollen"
Abgesehen davon, dass die Weihnachtszeit oft Stress bedeutet: Viel Aufregung bereitet man sich Groß zufolge selbst. Die Feiertage seien aufgeladen, voller Traditionen und würden von vielen Menschen auch überhöht. Angesichts von Deko in den Städten und anderen Reizen fühlten sich zahlreiche Menschen in ihre Kindheit versetzt oder verspürten unerfüllte Wünsche und Sehnsüchte. Bei aller Liebe zum Gegenüber: Die Selbstliebe darf Groß zufolge nicht zu kurz kommen. Denn Fürsorge müsse jeder auch sich selbst angedeihen lassen. Das richtige Verhältnis zwischen Selbstfürsorge und Altruismus sei ein Balanceakt wie vieles im Leben. Sich nur noch aufzureiben - "das kann Gott nicht wollen".