Wider die religiöse Analphabetisierung
Unter der Überschrift "Warum Kinder Religionsunterricht bekommen müssen" argumentiert Juno Vai, offenbar eine betroffene Mutter, ausgerechnet bei Spiegel Online überzeugend und leidenschaftlich für einen Besuch des Religionsunterrichtes und fragt geradezu entsetzt "Wieso können Kinder einfach dem Religionsunterricht fernbleiben? Und was bitte hat der eigene Glaube damit zu tun? (…) Es geht doch im Religionsunterricht nicht um Mission, sondern um Information, um Weltwissen" Genervt entgegnet sie einer russisch-orthodoxen Mutter, die ihr Kind diesen Segnungen schnellstmöglich entziehen will: "Die Kinder lernen etwas über das Christentum, aber doch auch über andere Religionen, damit sie sich kritisch damit auseinandersetzen können".
Würden wir überzeugte KatholikInnen, würden unsere Bischöfe, die gegenüber den lokalen Kultusbehörden die Erteilung des Religionsunterrichts und seine Bedingungen täglich neu erstreiten müssen, auch den Mut haben, so fröhlich und überzeugt die allgemeingesellschaftliche Funktion des Religionsunterrichts angesichts allgegenwärtiger Fundamentalisten, Extremisten und Scharlatane zu verteidigen? Oder haben wir der laizistischen Außenwahrnehmung, Kirche betreibe in der Schule lediglich nur selbst die Rekrutierung künftiger Schäfchen und das auch noch mit den unlauteren Mitteln, längst insgeheim zugestimmt? Werden die Gründe für einen Antrag auf Befreiung vom Religionsunterricht tatsächlich sehr genau geprüft und wirklich passende alternative Angebote wie Philosophie oder Ethik gemacht, wie es in dem Beitrag weiter heißt, und macht sich irgendjemand außerhalb der Kirchen noch klar, was die Erteilung konfessionell christlichen und neuerdings islamischen Unterrichts zur Zivilisierung unserer Gesellschaft beiträgt? Wer Religion nicht an Schulen und an staatlichen theologischen Fakultäten dem innerschulischen bzw. interdisziplinären wissenschaftlichen Diskurs aussetzt, stimmt insgeheim der religiösen Analphabetisierung einer immer religiöser werdenden Einwanderungsgesellschaft zu. Und das birgt angesichts hoch motivierter katholikaler, evangelikaler und islamistischer "Missionare" die Gefahr einer sich ausbreitenden demokratie- und frauenfeindlichen Parareligion, deren Folgen wir bereits anfanghaft besichtigen können.
Juno Vai, der für ihre Intervention an prominenter Stelle gar nicht genug gedankt werden kann, hat Recht, wenn sie fortfährt: "Für mich unterscheidet sich ein religiös motiviertes Kneifen vorm Religionsunterricht letztlich in nichts von dem Verhalten muslimischer Eltern, die ihrer Tochter verbieten, am Sport- oder Schwimmunterricht teilzunehmen. Schule bedeutet auch, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die einem unangenehm oder lästig sind. Es ist nicht nur ein falsches pädagogisches Signal, religionskritischen oder andersgläubigen Schülern das Fernbleiben vom Religionsunterricht zu erlauben. Es macht auch den Diskurs zwischen den Schülern um einiges ärmer. Diskutieren, debattieren, sich aneinander reiben, um dadurch zu einer eigenen Meinung zu gelangen - das sind urdemokratische Prozesse." Dem ist auch aus kirchlicher Sicht nichts hinzuzufügen.
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