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Umgang mit existenziellen Fragen

Die Geschichte vom "Brandner Kaspar" und ihre theologische Dimension

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Bonn - Der "Brandner Kaspar" überlistet den Tod. Die Erzählung vermittelt mehr als heitere Volkstümlichkeit: eine Botschaft über Lebensfreude und Hoffnung.

Den schönen Dingen des Lebens zugetan, traditionsbewusst und doch immer ein wenig anarchisch, bauernschlau und listig – selbst, wenn es um eigentlich Unvermeidliches geht: Der "Brandner Kaspar" hat sich zu einem bayerischen Kernmythos entwickelt. Die Geschichte des Schlitzohrs, das den buchstäblich anklopfenden Tod austrickst und dadurch noch einige Lebensjahre rausholt, ist längst Kult – dank zahlreicher Bühnenfassungen und Verfilmungen teilweise auch über Bayern hinaus. Doch hinter der Geschichte steckt mehr als heitere Volkstümlichkeit: Sie ist auch ein Lehrstück über den Umgang mit existenziellen Fragen und birgt eine überraschende theologische Tiefe.

1871 wurde die Mundart-Erzählung veröffentlicht, ersonnen hat sie der Münchner Schriftsteller Franz von Kobell (1803–1882). Die bekannteste Adaption ist wohl das Bühnenstück "Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben", das 1975 am Münchner Residenztheater uraufgeführt und für das Fernsehen aufgezeichnet wurde. Mit den bayerischen Volksschauspielern Fritz Strassner als Brandner, Toni Berger als "Boandlkramer" (beide im Titelbild) und Gustl Bayrhammer als Petrus gilt die Inszenierung als Klassiker. Wie nahezu jedes Jahr an Allerheiligen ist die Verfilmung auch an diesem Sonntag wieder im Bayerischen Fernsehen zu sehen.

Blick ins Paradies

Die Originalgeschichte spielt Anfang des 19. Jahrhunderts am Tegernsee. Der lebensfrohe und rüstige 72-jährige Witwer Kaspar Brandner bekommt eines Abends Besuch vom Boandlkramer, dem Tod, der ihn ins Jenseits bringen will. Doch statt mit ihm zu gehen, macht er ihn betrunken und luchst ihm beim Kartenspiel das Versprechen ab, ihn erst mit 90 Jahren zu holen. Als der Betrug im Himmel auffliegt, muss der Boandlkramer erneut ausrücken. Der Brandner hat inzwischen auch seine Söhne verloren, weigert sich aber weiterhin zu sterben. Erst ein kurzer Blick ins Paradies ändert alles: Dort begegnet er seinen Angehörigen wieder und beschließt, gleich dortzubleiben.

Kobell hat für seine Geschichte tief in die bayerische Volksseele seiner Zeit geschaut und sie in der Figur des Brandner Kaspar eingefangen – und gleichzeitig die gängigen Jenseitsideen auf die Spitze gebracht. Gerade die Menschen im bayerischen Oberland und deren Umgang mit dem Sterben haben Kobell zu der Geschichte inspiriert, schreibt die Historikerin Barbara Kink. Schließlich sagt man den Bayern bis heute ein ganz besonderes Verhältnis zum Tod nach: ein eher gelassenes und fatalistisches, von der einst überwiegend bäuerlichen Lebensweise geprägt und ausgedrückt in einer überbordenden Fülle von Vorstellungen, Bräuchen und Ritualen.

Die "Sieben Pforten des Paradieses" und die "Sieben Pforten der Hölle"

Über die Jahrhunderte entstehen in Judentum, Christentum und Islam auffallend ähnliche Vorstellungen von Paradies und Hölle – mit ihren je unterschiedlichen Abteilungen für unterschiedliche Grade der Belohnung und Bestrafung. Doch wie kommt es zu dieser Ähnlichkeit?

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Zunächst ist die Geschichte vom Brandner Kasper eine Parabel auf die damalige Zeit. "Die beginnende Industrialisierung wurde spürbar und mit ihr die Krise des Handwerks und der Landwirtschaft, der Kulturkampf war in vollem Gange und damit die Rolle der katholischen Kirche in Frage gestellt, das preußische Kaiserreich drohte Bayern zu verschlucken und versetzte die Menschen mit Krieg, neuer Währung und neuen Bürokratieformen in Angst und Schrecken", schreibt Kink. Es war eine Zeit, in der die Bayern lernen mussten, sich zu behaupten – nicht zuletzt gegen die preußische Übermacht im Staat. Im "Brandner Kaspar", der mit Trickserei sogar die unumstößlichste Tatsache jeden menschlichen Lebens überlisten konnte, erkannte man sich gerne wieder.

Zugleich war der Tod damals ein besonders schneller Begleiter. Cholera, Tuberkulose, Kindbettfieber: Mitte des 19. Jahrhunderts grassierten in Bayern mehrere Epidemien. Dazu kamen noch die Kriege, die aufgrund des technischen Fortschritts immer industrieller und grausamer wurden. Dem Deutsch-Französischen Krieg im Jahr 1870/71 fielen Hunderttausende Menschen zum Opfer. "Jederzeit konnte er anklopfen, der Schnitter Tod – und er mähte ohne Unterschied alles nieder", schreibt die Historikerin Kink.

Hoffnung über den Tod hinaus?

Beide Aspekte bringt Kobell im "Brandner Kaspar" zusammen: eine Figur, die listig mit dem Tod verhandelt, am Ende aber doch einsieht, dass dieser ein integraler Bestandteil jeder Existenz ist – verbunden mit einer Hoffnungsperspektive. Die Geschichte behandelt universelle menschliche Themen. Das macht sie nicht nur theologisch anschlussfähig, sondern zeitlos, sagt der evangelische Theologe Karl-Heinz Röhlin. "Aus ihr lassen sich die entscheidenden Fragen ableiten: Wie gehe ich mit Themen wie Tod und Trauer um? Welche Hoffnung habe ich über den Tod hinaus?"

Der frühere Regionalbischof des Kirchenkreises Nürnberg in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern hat sich etwas getraut, was man südlich der Donau vermutlich als "Sakrileg" auffasst: Er hat den "Brandner Kaspar" ins Fränkische übersetzt. Doch es funktioniert. Das Buch kam in diesem Jahr raus, aktuell reist Röhlin von Lesung zu Lesung. Dabei merkt er immer wieder, was die Geschichte den Menschen bedeutet. "Ich habe erst kürzlich einen Journalisten getroffen, der selbst einen Trauerfall in der Familie hat. Mit ihm habe ich sehr intensiv über den Text gesprochen."

"Mit dem Tod kann man also leben."

Karl-Heinz Röhlin, evangelischer Theologe, über die Darstellung des "Boandlkramer"

Da ist zum einen die Art und Weise, wie der Tod dargestellt wird. Der Boandlkramer, was übersetzt in etwa "Knochenhändler" heißt, ist eine dürre, blasse, unansehnliche Gestalt – fast mitleiderregend. "Tod, wo sind nun deine Schrecken?", lässt sich in Anlehnung an ein bekanntes Osterlied nahezu ausrufen bei seinem Anblick. Er wirkt amtsmüde tut seinen himmlischen Vorgesetzten unterwürfig untergeben seine Pflicht und hadert mit seiner Aufgabe. Er zeigt menschliche Regungen, hat Schwächen, lässt sich gar zum Trinken verführen. Er ist nicht Feind, sondern Begleiter der Menschen, sagt Röhlin. "Mit dem Tod kann man also leben."

Richtig deutlich wird die theologische Dimension des Textes in der Paradies-Sequenz. Dort vollzieht der Brandner eine Wandlung. Als er einen Blick hineinwerfen darf, erfährt er eine radikale Horizonterweiterung – er sieht dort seine geliebte Frau und seine im Krieg gefallenen Söhne in einer Herrlichkeit wieder, die alle menschlichen Vorstellungen übersteigt. Auf die Einsicht folgen Umkehr und Gnade: Der Kaspar hat geschummelt, kommt trotzdem ins Paradies. Er öffnet sein Herz und erkennt, dass nicht mehr Lebensjahre zählen, sondern Beziehungen und die Liebe zur Familie. "Das Schlitzohr freundet sich so schließlich mit dem Sterben an", sagt Röhlin.

Ein sehr bayerisches Paradies

Der Himmel ist bei Kobell keine abstrakte Idee, sondern ein Ort der Gerechtigkeit, des Friedens und der Freude. Ein Ort der Gemeinschaft – eine Heimat, an dem man wieder mit den Seinen vereint ist. Auch deshalb ist sein Paradies ein sehr weiß-blaues, ein fast schon klischeehafter Ort bajuwarischer Glückseligkeit. Mit allem, was das bayerische Herz kennt und begehrt: Kartenspiel, Geselligkeit, Bier, Tanz. Es gibt zwar eine Ordnung, aber keine Strenge. Gott ist kein strafender Richter, sondern ein gerechter und guter Vater.

Darüber hinaus ist für Röhlin noch ein weiterer Aspekt wichtig: Resilienz. Der "Brandner Kaspar" wird als Mensch gezeichnet, der trotz des Todes seiner Frau und seiner Söhne seine Lebensfreude bewahrt und dem Leben wie dem Tod mit Witz, List und Gelassenheit begegnet. "Von ihm kann man Heiterkeit als Lebenshilfe lernen", betont der Theologe. Auch seine Fähigkeit zur Selbsttranszendenz sei bemerkenswert: "Nach dem Tod seiner Frau hat er eine Perspektive. Er sinniert und grübelt nicht, sondern sucht sich eine Aufgabe."

Es steckt also viel Lebensweisheit in dieser Figur. Auch darin liegt für Röhlin die große Kraft der Geschichte: "Sie lädt dazu ein, eigene Quellen von Lebensmut zu entdecken und Humor als Ressource im Umgang mit der Endlichkeit zu begreifen." Der "Brandner Kaspar" erzählt eben nicht nur vom Sterben, sondern vor allem vom Leben: von der Fähigkeit, es trotz aller Verluste zu lieben, sich nicht unterkriegen zu lassen und auf etwas zu vertrauen, das über die irdische Existenz hinausgeht.

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