100-jährige Ordensfrau: Habe noch keine Lust zu sterben
Anfang März in diesem Jahr feierte Schwester Cäcilia Meyer ihren 100. Geburtstag. Die Benediktinerin der Abtei Herstelle in Ostwestfalen ist selbst davon überrascht, dass sie schon so alt ist. "Sie ist die erste 100-jährige Mitschwester in unserer Gemeinschaft", erklärt Schwester Lucia Solcher, die Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinschaft, nicht ohne Stolz. Weil Schwester Cäcilia nicht mehr so gut hören kann, hilft sie der "Seniorin des Klosters" beim Interview.
Schwester Cäcilia wurde 1923 als Maria Meyer in Dortmund geboren. Sie wuchs mit sieben Geschwistern auf, darunter vier Mädchen. Der Glaube war für sie schon immer Halt und Hilfe, erzählt die 100-jährige Ordensfrau. "In meiner Familie wurde viel gebetet", erinnert sich sich. Beim Morgengebet mussten sich die acht Geschwister dem Alter nach in einer Reihe in der Küche aufstellen, berichtet sie weiter. "Die Mutter hat uns vorgebetet und wir haben dann nachgebetet". Schon als Jugendliche engagiert sie sich in der pfarrlichen Jugendarbeit und leitet später selbst Jugendgruppen. "Es lockte mich, den Jugendlichen Antworten auf ihre Fragen zu geben", erklärt sie ihr damaliges Engagement. "Und immer wurde viel gesungen", erinnert sie sich.
"Es war eine schlimme Zeit"
Doch auch die Kriegszeit hat sie nicht vergessen. Insgesamt fünfmal wird die Familie ausgebombt und musste mehrfach umziehen. "Es war eine schlimme Zeit", so die Benediktinerin. Ihre drei Brüder wurden als Soldaten in den Krieg eingezogen und kamen schwer verwundet zurück. Als hilfreich empfand sie damals die gegenseitige Hilfe und Unterstützung von Verwandten und Nachbarn.
Nach dem Besuch der Mittelschule macht Maria Meyer eine Ausbildung zur technischen Zeichnerin bei den nahe gelegenen Hoesch-Werken und arbeitet später auch dort. Mit dem verdienten Geld unterstützt sie die Familie. Sie wird auf die Benediktinerinnen in Herstelle aufmerksam und besuchte immer wieder das Kloster.
Das Leben in einer Gemeinschaft zog sie an. "Ich wollte auch so leben", sagt Schwester Cäcilia im Rückblick. Doch erst macht sie eine Gesangsausbildung am Konservatorium in Dortmund und tritt danach in den Orden ein. Damals war sie 26 Jahre alt. Den neuen Ordensnamen Cäcilia nimmt sie gerne an. "Weil die heilige Cäcilia die Patronin für die Kirchenmusik ist, passte das wunderbar zu mir", erklärt die betagte Benediktinerin. Schließlich sei sie auch musikalisch. Schon als Kind habe sie sehr gerne gesungen. "Das Singen war für mich immer der Motor", so die Seniorin. Bis heute hat sie eine gute Stimme und singt gerne im Schwesternchor mit, fügt Schwester Lucia hinzu. Im Schwesternchor der Gemeinschaft war Schwester Cäcilia lange Zeit sogar Vorsängerin. "Das Choralsingen ist für mich ein Gebet", so Schwester Cäcilia. Das Stundengebet wird in der Gemeinschaft bis heute einstimmig auf Deutsch oder Lateinisch gesungen.
"Ich war gar nicht so fromm"
1954 legt Schwester Cäcilia in der Benediktinerinnenabtei vom Heiligen Kreuz, die zur Beuroner Kongregation gehört, die Ewigen Gelübde ab. Bis heute hat sie diesen Schritt nicht bereut. Auch wenn der Anfang nicht so leicht war, gibt Schwester Cäcilia zu. "Ich war gar nicht so fromm", meint sie, aber der liebe Gott habe sie immer wieder festgehalten. 24 Schwestern gehören der Abtei an, die im Erzbistum Paderborn liegt. Der Wechsel von Gebet, Arbeit und geistlicher Lesung prägt das Leben der Benediktinerinnen.
Lange Zeit hat Schwester Cäcilia in der Küche des Klosters und im Stick- und Strickzimmer für die Gemeinschaft gearbeitet. Noch länger war sie jedoch Pförtnerin des Klosters und auch in der Buch- und Kunsthandlung des Klosters tätig. Diese Zeit hat sie noch lebhaft in Erinnerung, denn an der Pforte konnte sie die Kontakte zu den Menschen im Ort pflegen, erklärt Schwester Lucia. "Der Kontakt mit den Menschen war mir immer schon wichtig, das kannte ich schon aus meiner Großfamilie", schiebt Schwester Cäcilia hinterher. Bis 2000 arbeitete sie im Klosterladen. Danach übernimmt sie kleinere Aufgaben in der Gemeinschaft. Bis heute hilft die Ordensfrau in der Klosterwerkstatt mit. Dort verpackt sie Seifen aus eigener Herstellung, faltet die Etiketten und knotet sie an einem Band fest. Die händische Feinarbeit liege ihr einfach, erklärt sie. "Da kommt die technische Zeichnerin wieder durch", lacht Schwester Lucia anerkennend.
Heute seien ihre Augen zwar nicht mehr so gut, aber Puzzle spielen gehe nach wie vor, so die Ordensfrau. Und sie liest auch noch gerne die Kirchenzeitung des Erzbistums Paderborn, denn schließlich interessiere sie es, wie sich die Dinge in der Kirche weiterentwickeln, so Schwester Cäcilia. Am Rollator gestützt läuft die Benediktinerin täglich in die Kapelle. Gottesdienste und Gebete geben ihr nach wie vor Kraft, betont die 100-Jährige. "Weil wir dort Christus ansprechen können und von ihm erwarten, dass er uns Antwort gibt". Bis heute ist das Kloster der Benediktinerinnen in Herstelle ihre Heimat. Sie ist dankbar für ihr Leben, so die Ordensfrau, und "froh darüber, wie es gekommen ist". Sie hofft, dass sie noch viel Freude an ihren Mitmenschen haben wird und dass Gott sie "dann zu sich holt". Doch noch hat die 100-jährige Ordensfrau, wie sie selbst sagt, "keine Lust zu sterben".