Bischof Bätzing: Antijüdische Vorurteile zu ächten ist Christenpflicht
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, hat den Juden in Deutschland Segenswünsche für das neue Jahr übermittelt. Die kommenden Feiertage sollten Mut und Hoffnung für das neue Jahr geben und das "Vertrauen auf Gottes Treue auch in der Corona-Pandemie" stärken, schreibt Bätzing in einem am Donnerstag veröffentlichten Grußwort im Namen der deutschen Bischöfe an den Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Am Freitagabend beginnt das jüdische Neujahrsfest Rosch Haschana; zehn Tage später steht der höchste jüdische Feiertag Jom Kippur, der Versöhnungstag, an.
Der Limburger Bischof erinnerte in seinem Grußwort an die Auswirkungen der Corona-Pandemie und die Schutzmaßnahmen. "Auch das Leben der jüdischen und christlichen Gemeinden war und ist davon betroffen. Die hohen jüdischen Feiertage werden nicht wie gewohnt begangen werden können." Gerade an solchen Tagen werde deutlich, "wie sehr wir auf soziale Beziehungen und auf die physische Nähe unserer Mitmenschen angewiesen sind". Viele Menschen hätten ein hohes Maß an Solidarität und Selbstdisziplin gezeigt und täten es noch immer.
Corona habe antisemitische Verschwörungsmythen befeuert
Allerdings seien in der Corona-Pandemie auch Verschwörungsmythen befeuert worden, "die die Existenz oder Ausmaß der Pandemie bestreiten und dunkle Mächte mit bösen Absichten hinter den Schutzmaßnahmen vermuten", so Bätzing. Diese Verschwörungsmythen seien nicht selten "antisemitisch kontaminiert und fördern die gesellschaftliche Verbreitung antijüdischer Vorurteile. Sie bilden den Nährboden für antisemitische Anschläge wie auf die Synagoge in Halle an Jom Kippur", so der Bischof weiter. "Verschwörungsideologen zu widersprechen und antijüdische Vorurteile zu ächten, ist die Pflicht aller Bürgerinnen und Bürger und nicht zuletzt auch der Christinnen und Christen."
In seiner Grußbotschaft erinnerte Bätzing auch an positive Ereignisse. So habe der Zentralrat jüngst sein 70-jähriges Bestehen gefeiert. Was nach der Schoah als Provisorium geplant worden sei, sei heute "eine hoch respektierte Institution, deren Stimme in der Gesellschaft ebenso wie in den Kirchen Gehör findet". Auch erwähnte Bätzing die erste gemeinsame Fachtagung der Deutschen Bischofskonferenz mit der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland im November 2019 und einen gemeinsamen Gesprächsabend mit dem Zentralrat anlässlich der Öffnung der vatikanischen Archive aus der Zeit des Pontifikats von Papst Pius XII. im vergangenen Februar.
In einem Schreiben an die Jüdischen Gemeinden in Berlin und Brandenburg verurteilten auch Berlins Bischöfe das "Erstarken von Antisemitismus und weiterer Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit". Übergriffe gegen Juden, Hetze und Verschwörungsmythen nähmen zu, kritisieren der katholische Erzbischof Heiner Koch und der evangelische Landesbischof Christian Stäblein. "Dem stellen wir uns als Kirchen entschieden entgegen."
In der "Jüdischen Allgemeinen" rief Schuster dazu auf, die helle Seite der Pandemie zu sehen. So schätze man vermeintlich Selbstverständliches mehr: "das Zusammensein mit Familie und Freunden, die Urlaubsreise, unsere Gesundheit, der Besuch eines Restaurants oder eines kleinen Konzerts". Dazu gehörten auch der Besuch von Gottesdiensten. "Diese Annehmlichkeiten bewusst zu genießen, weil sie eben nicht mehr selbstverständlich sind, kann trotz aller Beschränkungen zu einer höheren Lebensqualität führen."
Schuster: Helle Seite trotz Anschlag in Halle
Selbst mit Blick auf den Anschlag in Halle lasse sich eine helle Seite ausmachen, betonte Schuster: "Ich erinnere mich nicht, je so viel solidarische Schreiben erhalten zu haben wie nach dem Anschlag." Auch habe er "eine Art Zusammenrücken" empfunden. Zudem sei ein starkes Selbstbewusstsein zu spüren: "Das Selbstbewusstsein, dass wir uns von einem Attentäter nicht vertreiben lassen. Dass wir uns nicht einschüchtern lassen."
Menschen jüdischen Glaubens begehen am Wochenende das jüdische Neujahrsfest Rosch Haschana. An Rosch Haschana feiern Juden den Anfang der Schöpfung. Das Fest leitet in diesem Jahr das Jahr 5781 nach Erschaffung der Welt ein. Das Neujahrsfest erinnert an den Bund zwischen Gott und dem Volk Israel. An das Fest schließen sich zehn Tage der Einkehr und Buße an, die mit dem Versöhnungsfest Jom Kippur enden. Das Neujahrsfest und der Versöhnungstag sind die wichtigsten Feiertage der jüdischen Religion.
An Jom Kippur 2019 versuchte ein Attentäter in Halle, die Synagoge zu stürmen, und scheiterte. Er tötete zwei Menschen. Dafür muss er sich wegen Mordes und versuchten Mordes derzeit vor Gericht verantworten. (cbr/KNA/epd)