Bloß kein "typischer Seminarist" werden
Bevor es mit dem Theologiestudium in Sankt Georgen losging, trafen wir "Neuen" uns für drei Wochen in einem Exerzitienhaus in Dresden. Das Tagesprogramm war geprägt von "ora et labora": Neben Gebet, gemeinsamer Eucharistiefeier und geistlichen Gesprächen stand auch Mitarbeit im Garten auf dem Programm – und das gegenseitige Kennenlernen. Es waren für mich unglaublich schöne Wochen. Jahrelang hatte ich darauf gewartet, in das Priesterseminar einzutreten, jetzt sollte die Ausbildung endlich beginnen.
Der Exot mit dem merkwürdigen Wunsch, Priester zu werden
Etwas in Sorge war ich aber schon, als ich mich mit zwei anderen Limburger Kandidaten auf den Weg nach Dresden machte. Wie würden die anderen Seminaristen sein? Bin ich fromm genug? Was, wenn ich die anderen komisch finde? Im Endeffekt waren es mit die glücklichsten Wochen meines Lebens. Ich hatte das Gefühl, angekommen zu sein. Es waren im geistlichen Leben sehr intensive Wochen, aber es war auch eine wirklich gute Gemeinschaft – trotz durchaus sehr unterschiedlicher Charaktere, die da versammelt waren. Gleichgesinnte, aber nicht Gleichdenkende. Und zwar nicht nur in Dresden, sondern dann auch in Sankt Georgen.
Dort war ich plötzlich nicht mehr der Exot mit dem merkwürdigen Wunsch, Priester zu werden. In der Schule war ich das schon irgendwie. Seit ich in der achten Klasse einmal gesagt habe, dass katholischer Priester mein Berufswunsch ist. Damals hatte ich gerade Alt-Griechisch als dritte Fremdsprache gewählt. Schon als Vorbereitung auf das Theologiestudium. Seit diesem Zeitpunkt war ich "gefragt". Als Diskussionspartner über alle "heißen Eisen" in der katholischen Kirche und zu allen Fragen des Glaubens, die meinen Mitschülern einfiel. Aber ich glaube, manche hat dieser Berufswunsch auch irritiert.
In Sankt Georgen angekommen, fand ich eine auch für mich fremde Welt vor. Das Studium selbst kannte ich ein bisschen, denn als Schüler durfte ich in einem Schülerstudium schon einzelne Theologie-Vorlesungen besuchen. Aber das Leben in der Seminargemeinschaft brauchte Eingewöhnung. Und gerade am Anfang habe ich mein Zuhause in Frankfurt-Heddernheim schon vermisst. Gleich in der ersten Woche, die ich in Sankt Georgen war, bin ich an einem Abend in meine Heimatgemeinde gefahren. Dort war man gespannt, wie es denn so ist als Seminarist.
Damals habe ich vor allem erzählt, dass der Kalender plötzlich voller Pflichttermine ist. Dass ich nicht mehr jeden Sonntag da sein würde. Dass ich mich auch in der Pfarrei nicht mehr so engagieren könnte. Alles aufgeben wollte ich aber nicht, sondern mich mehr auf die Pfadfinder konzentrieren. Ich wollte so viel wie möglich raus aus dem Seminar. Ich wollte bloß kein "typischer Seminarist" werden, wie ich ihn mir vorstellte: Uniform gekleidet mit dunkler Hose und weißem Hemd (wenn man ihn lassen würde auch in Soutane), ein bisschen traditionalistisch, lieber mit anderen Mitbrüdern unterwegs als mit den alten Freunden. Und ein bisschen weltfremd, da er Sankt Georgen nie verlässt.
Nichts auf dem Campus bleibt unbeobachtet
Vielleicht liegt es ja aber gar nicht an den Seminaristen selbst, dass sie irgendwie nicht raus kommen aus ihrem Mikrokosmos. Stattdessen ist es das Priesterseminar, das oft genug verhindert, mit anderen in Kontakt zu kommen. Wenn über die "verlängerten Wochenenden", an denen jeder Jugendverband ins Zeltlager fährt, immer Seminartermine anstehen, dann kann man sich auch einfach nicht mehr im gewollten Umfang engagieren. Mich ärgerte das von Anfang an. "Mit Eintritt alle Rechte abgegeben", sagen wir Seminaristen manchmal. Und das betrifft nicht nur die Freizeit. Prinzipiell sind wir vom Urteil des Regens abhängig. Das kann durchaus dazu führen, dass man sich mit Äußerungen lieber zurückhält und möglichst nicht (negativ) auffällt. Sankt Georgen ist klein – keine vierhundert Studenten – und manchmal hat man das Gefühl, dass nichts auf dem Campus unbeobachtet bleibt.
Später, lange nach diesem ersten Abend in meiner Heimat, merkte ich, dass man aber eigentlich erst außerhalb des Priesterseminars mitbekommt, was es bedeutet, Seminarist zu sein. Von Anerkennung über kritische Nachfragen bis hin zu – zumindest unterschwelliger – Ablehnung kommt dort als Reaktion alles vor. Manche begegnen einem als Seminaristen fast schon ehrfürchtig. Dabei sind wir keine Heiligen oder perfekten Menschen. Dem Ideal, das manche uns aufbürden, können wir gar nicht entsprechen. Ein Stückweit ist das vielleicht auch eine Art "Klerikalismus", der von außen an uns herangetragen wird.
Mehr als bei anderen Studenten haben die Leute Erwartungen an einen und interessieren sich für den Stand der Dinge. "Wie lange dauert es denn noch bis zu deiner Primiz?", werde ich immer wieder gefragt, insbesondere von älteren Menschen. Auch die Gemeinde bekommt den eigenen Werdegang mit. Das Interesse ist schon groß. Erst kürzlich wurde ich gefragt, ob ich nicht mal bei einer Veranstaltung in unserer Pfarrei etwas übers Priesterseminar erzählen könnte. Und nicht zuletzt diese Texte hier sind Folge solchen Interesses. Es ist schön, wenn man merkt, dass andere den eigenen Weg begleiten. So finde ich es wirklich bestärkend, dass in meiner Heimatkirche jeden Montag nach der Messe um geistliche Berufungen gebetet wird. Ich weiß von vielen, die für mich beten.
Es ist aber auch ermutigend, wenn man als Seelsorger gefragt ist oder jemand sagt, dass er es mir den Priesterberuf zutraut. Das kommt immer wieder vor – und zwar erstaunlich oft auch von Nicht-Katholiken. Aber ich spüre zugleich auch die Ablehnung von Zölibat und kirchlicher Hierarchie, zum Teil auch sehr geschmacklos ausgedrückt. Auch wenn mich noch niemand direkt, persönlich angegangen hat. Aber wie über die Kirche, das Priesteramt oder den Zölibat gesprochen wird, kann schon wehtun. Einfach ist es also nicht immer als Seminarist.
Wer konservativ eingestellt ist, eckt an
Gerade, wenn man eher konservativ eingestellt ist, eckt man auch gern mal an. Und weil man als Seminarist häufig schon als quasi offizieller Kirchenvertreter wahrgenommen wird, erfährt das nochmal eine andere Bedeutung. Eine private Meinung wird schnell zum Standpunkt "der Kirche", ohne das mir das immer bewusst ist. Vermutlich muss ich mich auch daran gewöhnen. Man solle auf seine "Außenwirkung" achten, sagte der Regens deshalb häufig. Auch wenn ich es schwierig finde, die wirklich zu beeinflussen – und gleichzeitig "authentisch" zu sein. Das wird schließlich ebenfalls erwartet.
In meinem Freundeskreis und meiner Familie weiß man, wie ich bin. Da spielt das "Seminarist-Sein" eigentlich keine große Rolle. Und es ist auch gut, wenn es eine gewisse Normalität hat. Das verhindert, sich irgendwie für etwas Besseres zu halten. Oder wie man es heute nennt: Klerikalismus.
Wie ist das Leben in einem Priesterseminar? Geht es da zu "geistlich" zu, ist man zu weit weg von der "normalen Welt"? Das hat sich Johannes Köhler gefragt, bevor er Seminarist in Sankt Georgen wurde. In der neuen katholisch.de-Serie berichtet er aus erster Hand.