Nora Bossong: Möchte nicht durch diese Kirche krank werden
Nora Bossong ist nicht nur eine wichtige Stimme der deutschen Gegenwartsliteratur, sondern auch studierte Theologin und praktizierende Katholikin. Kürzlich ist ihr neues Buch "Welt mit anderen Mitteln" erschienen, in dem sie für eine Wiederentdeckung spiritueller Ressourcen plädiert. Im Interview mit katholisch.de spricht die Schriftstellerin über ihre persönlichen Glaubenserfahrungen, die katholische Kirche und notwendige Reformen sowie über Papst Leo XIV. und ihre Hoffnungen an sein Pontifikat.
Frage: Frau Bossong, Sie schreiben gegen einen "spirituellen Ausverkauf". Wird unsere Gesellschaft weniger religiös oder sucht sie Spiritualität außerhalb der Kirchen?
Bossong: Ich würde sagen beides – und noch ein Drittes. Als Erstes ist der Vertrauensverlust der Kirchen tatsächlich nicht unbegründet. Massiver Machtmissbrauch und Amtsmissbrauch haben in der Vergangenheit viele Menschen dazu bewegt, die Kirche zu verlassen, was ich nachvollziehbar finde. Hinzu kommt ein abnehmendes gesellschaftliches Gewicht der Kirche. Die Kirche spielt immer noch eine Rolle, man weiß, was die Kirche ist. Aber bei gesellschaftlichen Fragen würde man nicht zuerst auf die Kirchen schauen. Dieses Vertrauen, das verspielt worden ist, muss sich erst langsam wieder aufbauen. Ich nehme auch an, dass man viele Menschen, die stark unter Missbrauch gelitten haben, kirchlicherseits nicht wiedergewinnt, weil zu viel zerstört worden ist.
Frage: Was kommt noch hinzu?
Bossong: Hinzu kommt eine zunehmende Säkularisierung oder zumindest das Abnehmen von Glauben und Religion als zentrale Gegebenheit im Leben. Immer mehr Menschen, die vielleicht selbst noch in der Kirche sind, sagen: "Eine katholische Erziehung ist mir nicht so wichtig." Oder: "Was soll katholische Erziehung eigentlich genau sein? Ich möchte meine Kinder auch nicht ohne ihr Einverständnis taufen lassen." Ich bin von meinen Eltern auch nicht als Säugling getauft worden, wurde aber von meinem Vater katholisch erzogen und habe mich im Grundschulalter zur Taufe entschieden. Zudem sind die Kirchen für Glaubensfragen nicht mehr die alleinigen Bezugsorte. Immer mehr Menschen suchen sich sicherlich auch an anderen Orten etwas wie Spiritualität – in unterschiedlichen Dosen, würde ich sagen. Es gibt Menschen, die sich vielleicht in einer fernöstlichen Religiosität sehr aufgehoben fühlen und dort das finden, wonach sie suchen.
Frage: Und der dritte Punkt?
Bossong: Wir leben trotz aller Krisen immer noch in einer Wohlstandsgesellschaft, in der sich viele bestimmte Fragen nicht mehr stellen, nicht mehr stellen müssen oder diese Fragen erst später kommen. Da meine ich existenzielle Fragen… Ein Beispiel aus meinem Leben: Ich glaube, dass ich mit den Fragen nach Tod und Endlichkeit wirklich hart konfrontiert wurde, als mein Vater gestorben ist. Solche Erschütterungen im Leben können noch schlimmer sein. Denken wir beispielsweise daran, wenn ein Kind stirbt: Das ist sicherlich ein als noch viel schlimmerer Einschnitt. Glücklicherweise tauchen solche Erschütterungen bei vielen nicht früh im Leben auf. Dann bleibt man lange in einem "Na ja, es läuft ja alles gut". Vielleicht ist man mit manchem unzufrieden, möglicherweise sogar wütend – auf die Politik, auf den eigenen Chef oder die Chefin, auf die Bahnverspätung. Das stellt aber noch nicht die existentiellen Fragen nach Endlichkeit und Grundverankerung in der Welt. Bei vielen zeichnet sich ein spiritueller Mangel entweder noch gar nicht ab oder wird nicht als solcher formuliert. Man fühlt eine Leere, weiß aber gar nicht so genau, was eigentlich der Grund dafür ist. Dann rennt man vielleicht den nächsten Statussymbolen hinterher und stürzt sich in eine große Unruhe.
Frage: Ihr Buch wirbt für "mehr Glauben in erschöpften Zeiten". Was kann Glaube erschöpften Menschen geben, was Politik oder Psychologie nicht können?
Bossong: Glauben richtet unser Leben komplett anders aus. In der Politik haben wir die Möglichkeit, uns zu engagieren oder uns nicht zu engagieren. Wir können die eine Partei wählen oder die andere, wählen oder protestieren gehen. Das sind alles wichtige, aber eben rein innerweltliche Entscheidungen. In der Psychologie können wir beispielsweise eine Therapie machen. Das würde ich bei zu großer Erschöpfung auch gläubigen Menschen empfehlen. Aber Glauben ist eine ganz andere Dimension. Ich glaube, dass die grundsätzliche Ausrichtung auf Gott einen fundamentalen Unterschied macht: Nehme ich an, dass diese Welt von Gott geschaffen ist, dass es einen Gott gibt? Oder gibt es das eben nicht, sind wir hier durch Zufall, durch was auch immer, und der Mensch werkelt für sich selbst vor sich hin?
Frage: Braucht denn der Glaube für Sie überhaupt noch die Institution Kirche? Oder anders gefragt: Was kann die Kirche, was ein individueller Glaube nicht kann?
Bossong: Zum einen ist für mich die Messe zentral, die Liturgie. Das kann ich nicht alleine zu Hause feiern, das wäre ja allenfalls ein kindliches Nachspielen. Die Messe und die Wandlung sind für mich die zentralen Momente meines Glaubenslebens. Tatsächlich studiere ich auch noch Theologie, und theologische Texte sind mir wichtig. Das Durchdringen ist mir wichtig. Aber das Zentrale bleibt die Messe.
Frage: Wie entscheidend sind dabei die Reformthemen: Frauenweihe, Sexualmoral und Beteiligung für die Zukunft der Kirche? Oder gerät darüber die Glaubensfrage aus dem Blick?
Bossong: Beides. Ich kann Ihnen als Frau sagen, dass mir der Ausschluss von Frauen auch ein Hindernis für meinen Glauben in den Weg legt. Ich kann sehr schwer damit leben, als Frau immer noch ein Mensch zweiter Klasse zu sein, ich möchte damit auch eigentlich nicht leben, und ich weiß, dass ich damit nicht allein bin. Man mag sagen: Das Priesteramt betrifft nur wenige. Aber wenn gesetzlich geregelt wäre, dass niemals eine Frau Bundespräsidentin werden könnte, betrifft das noch weniger – und alle Frauen. Ich halte das auch in der Kiche nicht für eine sekundäre Frage. Es geht zentral darum, wie die Nachfolge Christi aussieht. Es geht weiterhin darum – Taufe hin oder her –, dass Priester in einer herausgehobenen Form der Christusnachfolge stehen. Es geht darum, wer die Sakramente verwaltet. Ich sehe theologisch keine überzeugenden Argumente, warum Frauen nach wie vor ausgeschlossen sind. Dadurch wird mir das Ganze noch schwerer gemacht.
Frage: Was macht das mit Ihnen?
Bossong: Ich bin katholisch und ich kann nicht einfach sagen: "Gut, dann gehe ich zu den Anglikanern, zu den Protestanten oder zu den Altkatholiken." Dass ich als Frau weiter als Mensch zweiter Klasse behandelt werde, lässt mich entweder am Glauben zweifeln oder an mir. Und ich glaube: Wenn man anfängt, sich selbst zu verachten, nur weil man als Frau auf die Welt gekommen ist, ist da etwas sehr, sehr, sehr Ungesundes drin. Deswegen würde ich das nicht als etwas betrachten, das nur Reformfragen oder formale Fragen betrifft. Es hat stark mit dem Glauben und der Würde jedes einzelnen zu tun. Genauso wie der Missbrauch Menschen vom Glauben weggebracht hat, bringt auch diese Frage Menschen vom Glauben weg. Deswegen kann es aus meiner Sicht nur eine neue Spiritualität geben, wenn wir wirklich auf alle Menschen gleichermaßen schauen.
Frage: 2022 waren Sie bei der Frauenweihe noch zurückhaltender. Was hat Ihre Sicht verändert?
Bossong: Der Unterschied zu 2022 ist, dass ich mir die dogmatischen Argumente angeschaut habe. Wenn es dogmatisch überzeugende Argumente gäbe, würde ich sagen: "Gut, dann wird es noch Zeit brauchen. Das ist die Kirche." Aber ich finde keine überzeugenden dogmatischen Argumente mehr, die Frauen vom Priesteramt ausschließen. Beziehungsweise lassen sie sich mit ziemlich guten Gegenfragen doch sehr ins Wanken bringen. Ich bin guten Willens, wenn etwas in der Kirche nicht möglich ist, zu sagen: "Na, dann ist es so." Aber das steht einfach nicht mehr auf sicherem Boden, exegetisch ebenso wenig, und dann ist das keine notwendige, sondern eine gewollte Entscheidung. Das ist mir erst mit der Zeit bewusst geworden.
Frage: Was ist mit der Frage nach der Sexuallehre?
Bossong: Ich habe auch Schwierigkeiten mit der Fixierung auf eine Sexualmoral, die nur in der Reproduktion einen Sinn und eine Berechtigung sucht. Da würde ich mir wünschen, dass man sich mehr um die sozialen Fragen kümmert. Da hat die Kirche eigentlich viel im Angebot. Sie sollte schauen, dass die Menschen gut genug versorgt sind, um sich überhaupt weiter Gedanken über alles machen zu können, was dann im Bett passiert – wenn ich es einmal etwas plakativ sagen darf.
Frage: Sie haben Papst Leo XIV. als Brückenbauer infrage gestellt. Was müsste er tun um einer zu sein?
Bossong: Zumindest in einem Punkt kann ich das schon ein bisschen revidieren. Ich hatte eingangs, zu Beginn seines Pontifikats und sicherlich mindestens das erste Jahr, den Eindruck, dass er die Brücken stärker zu den konservativen bis hin zu reaktionären Kräften baut. Dass er der Piusbruderschaft jetzt doch sehr deutlich entgegengetreten ist, zeigt mir ein anderes Bild. In Bezug auf die Piusbrüder geht man dann doch etwas strenger vor, als ich gedacht hätte. Es ist nicht so, dass ich jetzt ein Fan davon bin, alle Leute aus der Kirche hinauszuwerfen… (lacht)
Frage: Aber?
Bossong: Aber ich glaube schon, dass das Lehramt eine Bedeutung hat. Es hat auch eine Bedeutung, zu sagen, dass etwas nicht mehr mit dem katholischen Glauben vereinbar ist.
Ich finde keine überzeugenden dogmatischen Argumente mehr, die Frauen vom Priesteramt ausschließen.
Nora Bossong
Frage: Warum ist das Lehramt wichtig?
Bossong: Ich würde mich persönlich eher zum progressiven und linksorientierten Katholizismus zählen. Gleichzeitig würde ich aber nicht die Bedeutung eines Lehramtes über Bord werfen wollen oder sagen, dass es immer nur bösartig ist und allem im Weg steht. Die Einheit des christlichen Glaubens ist schon zentral, mit all den Spielräumen, die es darin gibt. Wenn man sich von der einen oder anderen Seite wirklich sehr weit vom Kern des katholischen Glaubens entfernt, ist es glaube ich gut, sich wieder verbindlich darauf zu einigen, wo die Grenzen liegen. Wo sich jemand mit seiner Glaubenspraxis so weit davon entfernt, dass man sagen muss: „Das ist nicht mehr im Geist der katholischen Kirche“ und im Extremfall: "Das ist dann eben ein Schisma" …
Frage: Hoffen Sie bei der Frauenweihe auf einen Schritt von Papst Leo?
Bossong: Meine Hoffnung ist nicht allzu groß. Sie war vor der Papstwahl etwas größer, da es auch progressivere Kardinäle gegeben hätte. Leo scheint mir trotz allem – Kompromisskandidat ist jetzt das falsche Wort – ein Kandidat gewesen zu sein, der sowohl konservative als auch gemäßigt progressive Kräfte hinter sich vereinen konnte. Er ist also nicht derjenige, über dessen zu erwartende Ausrichtung ich mich am meisten gefreut habe, weil ich mir bestimmte Veränderungen schon sehr wünsche. Ich kann ihn noch nicht hundertprozentig einschätzen, was seine Wandlungsfähigkeit im Papstamt anbelangt. Er ist sehr zurückhaltend gestartet. Aus meiner Sicht ließ sich nicht besonders viel Hoffnung für eine umfassendere Rolle der Frau in der Kirche ablesen. Da er aber, glaube ich, schon lernfähig ist und, soweit ich zumindest über ihn höre und lese, auch zuhören kann, heißt das nicht unbedingt, dass er da stehen bleiben muss. Vielleicht ändert sich noch etwas. Die Hoffnung, dass es besonders schnell geht oder besonders viel passiert, ist bei mir eher gedämpft. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.
Frage: Was müsste passieren, damit Sie sagen: Jetzt kann ich nicht mehr mitgehen?
Bossong: Für mich als Frau bleibt es sicherlich die Frage: Wie werden wir behandelt? Ich habe auch Schwierigkeiten, meinen homosexuellen Bekannten und Freunden zu erklären, warum ich dieser Kirche noch die Treue halte. Mit Homophobie kann ich nicht besonders viel anfangen. Ich finde nicht wenige Äußerungen der Kirche dazu problematisch, weil sie aus meiner Sicht die Menschen und ihre Liebe zueinander nicht angemessen wertschätzen, sondern als eine Bedrohung umformulieren.
Frage: Und was bedeutet das für Ihre Treue zur Kirche?
Bossong: Wenn sich diese beiden Punkte weiter verschärfen und sich in diesem Zuge vielleicht auch noch eine generelle weitere Stärkung reaktionärer Kräfte innerhalb der Kirche abzeichnet, und wenn ich vor allem wieder merke, dass ich in mir einen Frauenhass internalisiere, ist das ein Moment, in dem ich gehen muss. Ich möchte nicht durch diese Kirche krank werden, sondern gesund werden oder gesund bleiben. Ich glaube, diese Kraft hat die Kirche. Weil sie für viele Menschen eine große Bedeutung hat, hat sie auch die Kraft, Menschen zu schaden. Umso sorgfältiger und umsichtiger sollte sie mit ihrer Macht umgehen.
Nora Bossong: "Welt mit anderen Mitteln. Für mehr Glauben in erschöpften Zeiten", Kösel-Verlag, 128 Seiten, ISBN: 978-3-466-37370-3.