Wenn ein Kardinal und eine Autorin über Gott und die Welt reden
Treffen sich eine Schriftstellerin, ein Kardinal und ein Journalist – das mag wie der Anfang eines Witzes klingen; doch dieser Coup gelang am Mittwochabend in München der Katholischen Akademie in Bayern. Nora Bossongs neues Buch "Welt mit anderen Mitteln. Für mehr Glauben in erschöpften Zeiten" war der Auslöser, die Autorin und den Münchner Kardinal Reinhard Marx zu einem Gespräch einzuladen. Moderiert wurde es von Tobias Haberl. Der Journalist sorgte 2023 selbst für Diskussionsstoff, als er unter dem Titel "Unter Heiden" im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" ein mutiges Bekenntnis zu seinem Katholischsein ablegte.
Für Bossong war der Tod des Vaters vor sechs Jahren der Auslöser, sich noch einmal neu mit ihrem katholischen Glauben zu beschäftigen. Er hatte ihn ihr als Kind in einem eher protestantischen Umfeld nahegebracht. Zugleich erbte die Tochter dessen gut bestückte theologische Bibliothek. Ihr Glaube sei nie ganz weg gewesen. "Ich hatte aber auch Phasen großen Zweifels", räumte die Autorin ein. Dann sei da plötzlich diese Anfrage vom Kösel-Verlag gekommen, ob sie sich nicht vorstellen könne, ein Buch über den Glauben zu schreiben: "Das war wirklich so ein Moment, wo ich gesagt habe, genau das möchte ich gerade tun."
Mensch dürstet nach Sinn
Die Schriftstellerin nimmt in der Gesellschaft eine spürbare Erschöpfung wahr. Alles, was früher gut zu laufen schien, sei ins Stottern geraten. Die Frage, wie die Menschen zur Schöpfung stünden, aber auch zum Schöpferischen an sich, treibt Bossong um. Denn kreative, schöpferische Berufe hätten weniger Relevanz als jene, die einem direkten Zweck dienten. "Wir müssen aber wieder zum Sinn zurückkommen." Denn danach dürste der Mensch.
Der Kardinal lobte das Buch, weil darin Glaube nicht mit theologischen Begriffen erklärt wird, sondern mit Worten aus dem Leben wie "Trauer" oder "Hoffnung". Die Moderne lebe von den Ressourcen des Christentums, auch wenn es immer wieder Rückschläge gegeben habe. Der Grundsatz der Demokratie sei letztlich das von Jesus aufgetragene Gebot: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst."
Die Zukunft der Kirche liege nicht allein in ihren sozialen Einrichtungen, sondern zuerst in der Eucharistie, so der Kardinal. Aus der Gemeinschaftsfeier heraus müsse sich der Blick öffnen für die Kranken und Schwachen. Glaube und Rationalität seien keine Gegensätze, ist Bossong überzeugt. Freunde hätten ihr gesagt, sie würden gerne glauben, und wollten wissen, ob sie das lernen könnten. "Es ist ein Geschenk." Spirituelle Praxis könne aber durchaus dazu beitragen, den vorhandenen Funken zu entfachen.
"Ich mache weiter"
Diese Erfahrung macht auch Marx, wenn er zu Firmungen in Pfarreien kommt. Da säßen zu gut 80 Prozent Leute, die schon länger nicht mehr in der Kirche gewesen seien, aber mit Offenheit und Intensität. Natürlich könne man sich fragen, warum sie nicht nächsten Sonntag wiederkämen. Aber nicht jammern, sondern erstmal freuen, lautet sein Rat. Jüngst habe ihm nach der Feier ein Mann bekannt: "Herr Kardinal, das war schön. Jetzt weiß ich wieder, warum ich Christ bin." Da habe er sich gedacht, so der Kardinal: "Ich mache weiter."
Alles bestens? Mitnichten. Bossong ist vom Glauben überzeugt, aber eine kritische Katholikin. Nach wie vor können Frauen weder Diakoninnen noch Priesterinnen werden. Ihr Theologiestudium habe gezeigt, dass die dafür vorgebrachten exegetischen und dogmatischen Gründe nicht mehr griffen: "Es ist keine Entscheidung des Könnens, sondern des Wollens." Der Applaus des Publikums war ihr damit sicher.
Schwache Argumente
Marx gab ihr recht. Vor 20 Jahren habe er in einer Oberstufenklasse eines Münchner Mädchengymnasiums gesagt, Jesus sei ein Mann gewesen und man müsse halt darüber noch nachdenken. Noch im Sprechen sei ihm klar geworden: "Deine Argumente sind sehr schwach." Diese wichtige Frage, über die er auch mit Papst Franziskus diskutiert habe, werde bleiben. Eine mögliche Änderung, da war sich die 44-jährige Bossong sicher, würden sie alle drei wohl nicht mehr erleben.
Grundsätzlich aber gilt nach den Worten des Kardinals: "Die Hoffnung ist die Kraft des Christentums, die diese Welt braucht, um über den Tag hinaus zu denken. Wir sind nicht allein, wir sind geborgen. Was wir tun, ist nicht kleinmütig. Wir können etwas beitragen." Oder wie es Bossong zusammenfasste: "Wir dürfen hoffen, dass da noch etwas ist." Diese Hoffnung beneble aber nicht, sondern bringe ins Handeln.