"Buchstabe und Geist gehören zusammen"
Er kritisierte Interpretationen, die sich auf ausgewählte Textsplitter beschränken oder im Vaticanum II einen totalen Neubeginn mit fortwährend sich überstürzender Dynamik sehen. Diese seien "nicht selten der Gefahr erlegen, sich auf den 'Geist' des Konzils mit, ohne oder auch gegen den Buchstaben zu berufen." Lehmann hingegen betont: "Der 'Buchstabe' und der 'Geist' des Zweiten Vatikanischen Konzils gehören zusammen und lassen sich nicht voneinander trennen."
Die innere Vielschichtigkeit zahlreicher Aussagen müsse den Vorrang behalten vor einer wenig reflektierten Auswahl oder einer selektiven Wahrnehmung, so der Kardinal. Die neuere Forschung habe gezeigt, dass die kirchliche Krise, die Kritiker dem Konzil vielfach anlasteten, in Wahrheit schon vor dem Konzil begonnen habe.
Denjenigen, die einen Bruch zwischen der "vorkonziliaren" und der "nachkonziliaren" Kirche erblicken, empfahl Lehmann zur Lektüre zwei wegweisende Texte: die Ansprache von Benedikt XVI. an das Kardinalskollegium und die Römische Kurie beim Weihnachtsempfang 2005 und die 1986 erschienene "Botschaft an die Christen in der Welt" der Außerordentlichen Bischofssynode 20 Jahre nach dem Konzil. Die Texte seien hilfreiche Wegweisungen und noch heute beachtlich.
Vieles, was heute in der Kirche als selbstverständlich gilt, ist eine Folge von fast revolutionären Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). Katholisch.de blickt auf die wegweisende Bischofsversammlung und ihre wichtigsten Beschlüsse zurück.
Rund 500 Gäste nahmen an der Fest-Akademie der Bischofskonferenz teil, die direkt im Anschluss an die Herbst-Vollversammlung stattfand. Wichtig war den Oberhirten dabei nicht nur der Blick zurück: Das Konzil bleibe eine "visionäre Botschaft", sagte der Vorsitzende Kardinal Reinhard Marx. Es sei heute so aktuell wie damals und ein zentraler Impuls für das Wirken der Kirche im 21. Jahrhundert. Lehmann betonte, das Feuer des Konzils sei nicht erloschen. Das "Gedächtnis des Konzils" sei ein "herausforderndes Abenteuer", das die "Sensibilität unseres Glaubens" auf die Probe stelle. Gerade deshalb tue lebendige Erinnerung Not.
Mit Blick auf den künftigen Umgang mit den Beschlüssen und Texten des Konzils erinnerte der Mainzer Bischof an das damals geprägte Wort der "Zeichen der Zeit". Das verlange eine "fortführende Interpretation". Zu den nun "neuen Zeichen der Zeit" gehört für den Kardinal eine schleichende Säkularisierung. Vor diesem Hintergrund komme alles darauf an, "wieder von neuem das Antlitz des lebendigen Gottes zu suchen". Ausdrücklich rief der Kardinal dazu auf, die Kirche durch ihre "radikal dienende Hinordnung auf Gott und die Menschen" glaubwürdiger zu machen. Lehmann machte zudem deutlich, dass es in Zukunft noch viel mehr auf das lebendige, persönliche Zeugnis der Christen ankomme, und mahnte eine neue missionarische Initiative an.
Die Kirche müsse "von einer Verteidigungsstellung mit dem Rücken zur Wand loszukommen und inmitten des vielfältigen Pluralismus in unserer Gesellschaft den eigenen Standort offensiver zu markieren". Rückblickend bemängelte Lehmann, in Zeiten, in der sich tiefgreifende Umbrüche vollzogen hätten, sei die aktive Verantwortung der Christen für die Gestaltung gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse "oft wie in einem Dornröschenschlaf" gewesen.
Ein Video mit Stimmen von Passanten, die das kirchliche Großereignis nicht einordnen konnten, wurde zu Beginn der Veranstaltung gezeigt. Das griff Kardinal Marx auf und forderte, die Anliegen des Konzils "wieder konkret erlebbar zu machen". Ein Mann, der nachgefragt habe, ob das Vaticanum etwas mit Papst Franziskus zu tun habe, habe gar nicht so falsch gelegen, sagte Marx: Der Papst aus Argentinien habe gezeigt, dass er ganz auf der Linie des Konzils stehe, als er 2013 eine einfühlsam-solidarische Kirche zum Leitbild erklärt habe.
Die von 1962 bis 1965 dauernde Bischofsversammlung hatte wichtige Impulse für Reformen der Kirche gegeben. Unter anderem ging es um die Zusammenarbeit mit anderen Kirchen und Religionen. Auch die Einführung des landessprachlichen Gottesdienstes war eine Folge des Konzils. (mit Material von KNA)