Der Wegweiser
Hussein Hamdan ist ein vorsichtiger Mann. Der 1979 in Beirut geborene Islam- und Religionswissenschaftler überlegt im Gespräch sehr genau, welche Aussagen er macht und welche Konsequenzen sie haben könnten. Als an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart angestellter "Islamberater" will er keiner Seite des mittlerweile sehr breiten muslimischen Spektrums zugeschlagen werden. Einseitige Parteinahme könnte seine Arbeit erschweren oder sogar unmöglich machen.
Schwer genug ist sie ohnehin, denn die Nachfrage nach seiner Hilfe ist weit größer als erwartet. In der ersten Phase des Projekts, die gerade zu Ende gegangen ist, war er 61 mal zu Beratungen in Baden-Württemberg unterwegs, mit nur fünfzehn bis zwanzig Beratungen hatten die Projektpartner, zu denen auch die Robert-Bosch-Stiftung gehört, ursprünglich gerechnet.
Einziger institutionalisierter Islamberater in Deutschland
Hussein Hamdan, der über christlich-islamischen Dialog promoviert hat, ist in dieser Form der einzige institutionalisierte Islamberater in Deutschland. Er wird gerufen, wenn eine Kommune nicht einschätzen kann, ob die Muslime, die in ihrer Stadt oder ihrem Dorf einen Antrag für den Bau einer Moschee gestellt haben, nur fromm oder auch fanatisch sind. Er kann einem Stadtjugendring helfen, der nicht weiß, ob zwischen der Kleintierzüchterjugend und dem CVJM ebenso Platz für einen türkischen Jugendclub unter seinem Dach sein sollte. Und er kann sagen, was nötig ist, um auf einem Friedhof ein muslimisches Gräberfeld anzulegen. Gerade die letzte Frage gewinnt derzeit an Bedeutung, denn während verstorbene "Gastarbeiter" der ersten Generation meist am Ort ihrer Herkunft begraben werden wollten, steht diese Möglichkeit bei verstorbenen Flüchtlingen in aller Regel nicht zur Verfügung: Auch als Tote bleiben sie Heimatvertriebene.
In einem Interview mit der "Robert Bosch Stiftung" hat Hussein Hamdan im November 2016 über seine Arbeit als "Islamberater" gesprochen. Auf der Internetseite der Stiftung können Sie das Interview nachhören.
10,6 Millionen Menschen leben in Baden-Württemberg, rund 600.000 von ihnen sind Muslime. Hamdans Beratung soll helfen, zwischen den Religionen keine Frontstellungen entstehen zu lassen, indem durch intensive Information vor Ort Konflikte schon im Vorfeld entschärft werden. Pessimistisch, dass diese gewaltige Aufgabe misslingen könnte, ist er nicht. Selbst als Kriegsflüchtling ins Land gekommen und mittlerweile bei Politik und Medien ein gefragter Experte, beurteilt er die bisweilen unübersichtliche Gemengelage durchaus positiv: "Es gibt viel Misstrauen, aber auch viel 'Goodwill'. Auf beiden Seiten."
Warum ausgerechnet eine katholische Akademie sich darum kümmert, diesen "Goodwill" mit eigenem Geld und Personal zu vergrößern, ist für ihn leicht zu beantworten. "Einen Dialog zwischen den Religionen zu führen", beginnt er seine Begründung mit einem Ausflug in die Geschichte, "dafür hat schon das Zweite Vatikanische Konzil wichtige Grundlagen gelegt. Denken wir etwa an 'Nostra aetate' von 1965, wo mit Hochachtung von den Muslimen gesprochen wird, weil auch sie, wie es dort heißt, 'den alleinigen Gott anbeten, der zu den Menschen gesprochen hat'. In dieser Tradition stehen auch wir, wenn wir uns um mehr Verständnis zwischen den Religionen bemühen."
In der Tat, das Konzil ermahnte damals trotz der geschichtlichen Differenzen und sogar Feindschaften zwischen Christen und Muslimen alle Gläubigen, "das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen."
Außer diesem Rückgriff in die jüngere Kirchengeschichte gibt es im Bistum Rottenburg-Stuttgart allerdings noch andere Gründe, die dafür sprechen, Kirchengelder ausgerechnet für einen Berater in Islamfragen auszugeben. Da ist zum einen das Engagement des Bistums in der Flüchtlingsarbeit, durch das etwa in den leeren Mönchszellen des Klosters Weingarten Christen wie Muslime gleichermaßen Asyl fanden, zum anderen ist da aber auch die Tradition der Akademie selbst, die sich seit Jahren bemüht, einen festen Gesprächsfaden zwischen den Religionen zu knüpfen. "Wir besitzen inzwischen ein großes Netz von Kontakten und uns wird von allen Seiten Vertrauen entgegengebracht," zieht Hamdan Bilanz, "das erleichtert meine Gespräche natürlich ungemein."
Qualifikationsangebot "Islam im Plural"
In Zukunft wird es auf diese vertrauensvolle Atmosphäre noch mehr ankommen als in der ersten Phase seines Beratungsprojekts. Unter dem Titel "Islam im Plural" hat die Akademie des Bistums im Februar nämlich ein neues Qualifikationsangebot gestartet, das sich an Mitarbeiter der Kirche ebenso richtet wie an Beschäftigte der öffentlichen Verwaltung und Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit. In jeweils dreitägigen Kompaktseminaren wollen Hussein Hamdan und sein Team differenzierte Kenntnisse über den Islam vermitteln und die Seminarteilnehmer fit machen für den Alltag mit einer Religion, die nach einem mittlerweile klassischen Satz ja längst zu Deutschland gehört. Tabus soll es dabei keine geben. Um Kopftuch, Burkini und Burka wird es in den Referaten und Diskussionen denn auch ebenso gehen wie um Islamismus in Deutschland.
Für das laufende Jahr sind die angebotenen Seminare bereits weitgehend ausgebucht, selbst für 2018 liegen schon Vormerkungen vor. Eigentlich hätte Hussein Hamdan wegen dieses sichtbaren Erfolgs seiner Arbeit also allen Grund zum Feiern, aber - wie gesagt - der Stuttgarter Islamberater ist ein vorsichtiger Mann.