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Ein Teil der Bibel werden

Die Methode des Bibliodrama

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Bonn - Man kann biblischen Texten auf unterschiedliche Weise begegnen. Schon im Mittelalter hat es sich etabliert, biblische Geschichten auf die Bühne zu bringen. Das Bibliodrama eröffnet einen neuen Zugang zur Bibel: Durch das Spielen und die Reflexion wird man selbst zum Teil eines Textes.

Zahlreiche Besucherinnen und Besucher strömten in diesem Jahr wieder nach Oberammergau: Es war wieder eines jener Jahre, in denen die Einwohner der oberbayerischen Gemeinde die Passion Jesu Christi auf die Bühne brachten. Die Oberammergauer schlüpfen in die Rollen der biblischen Figuren, sie inszenieren die Ereignisse rund um Jesu Leiden, Sterben und Auferstehen. Die Geschichten, welche die Figuren, die sie spielen, erlebt haben, machen sie zu ihren eigenen Geschichten. Damit geht eine Veränderung einher, die sich sogar äußerlich bemerkbar macht: Der Haar- und Barterlass an Aschermittwoch erfordert es, dass man fortan auf die Rasur und den Gang zum Friseur verzichtet. Aus dem bloßen Nachspielen einiger Szenen aus dem Leben Jesu wird somit ein Nacherleben der Passion Jesu.

Diese Form, bestimmte Ereignisse aus dem Leben Jesu zu inszenieren, ist eigentlich schon uralt. Sogenannte "Mysterienspiele" hat es schon lange vor dem Christentum gegeben. Im Alten Ägypten beispielsweise wurden zu Ehren des Totengottes Osiris bestimmte Schauspiele aufgeführt. Im Christentum selbst wurde das Mysterienspiel vor allem im Mittelalter en vogue: Es war eine Zeit, in der die Menschen nicht lesen und schreiben konnten. Aber sie wollten und sollten dennoch etwas über den christlichen Glauben und über das Leben Jesu erfahren. Man hat dies mit jenen Mitteln gemacht, die eben zur Verfügung waren: Fahrende Schauspieler und Musikanten sind selbst in die Rollen der heiligen Personen geschlüpft und haben die biblischen Episoden nachgespielt. Dramatisch und theatralisch muss man sich diese Aufführungen wohl vorstellen; deswegen waren sie auch vonseiten der kirchlichen Obrigkeiten nicht gerne gesehen.

Die Wiederentdeckung einer alten Tradition

Besonders die Ereignisse rund um das Leiden und Sterben Jesu wurden gerne und häufig auf die Bühne gebracht. Die Passionsspiele, die häufig auf den Marktplätzen der Gemeinden und Städte stattfanden, zogen viele Menschen an. Sogenannte "Osterspiele" hielten auch in den Gottesdienst Einzug: Der Dialog zwischen den Frauen, die am Ostermorgen zum Grab kommen, und dem Engel, den sie im Grab vorfinden, wurde liturgische inszeniert. Auch solches Schauspiel wurde immer mehr ausgebaut und durch die Hinzufügung neuer Rolle erweitert. Schließlich gab es noch ein weiteres Thema, das immer wieder auf die Bühne gebracht wurde: das Jüngste Gericht. Mit der Darstellung möglichst schrecklicher Szenen sollte das einfache Volk zum Kauf von Ablässen ermuntert werden, um den Qualen des Fegfeuers zu entkommen und sich selbst und die Angehörigen vor diesem Schrecken zu bewahren. Solches Mysterienspiel war auch ein Anstoß, der für die Reformation von großer Bedeutung war.

Dass Menschen in die Rollen von biblischen Personen schlüpfen und so Ereignisse aus der Heiligen Schrift nachspielen, ist also schon sehr lange in der Geschichte des Christentums belegt. In den vergangenen Jahren hat man das neuentdeckt und mit dem Begriff "Bibliodrama" umschrieben. Worum es dabei geht, steckt schon im Namen: Man will die Geschichten der Bibel dramatisch inszenieren. Dabei geht es letztendlich um nichts anderes als das Nachspielen von biblischen Szenen. Menschen sind dann nicht nur Zuhörer von bestimmten Erzählungen. Sie werden selbst zu einem Teil der Geschichten, indem sie mitten in den Text hineinspringen und selbst zu Mitspielern in den Episoden der Heiligen Schrift werden. Dabei kommt etwas sehr Zentrales zum Ausdruck: dass die Texte aus dem Alten und Neuen Testament nicht nur Erzählungen aus einer längst vergangenen Zeit sind. Die Geschichten der Bibel haben vielmehr mit unserem Heute zu tun. Die Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen ist nicht etwas, das nur die Vergangenheit berührt. Die Heilsgeschichte umfasst auch die Gegenwart und die Zukunft: Wir stehen mit unserem Leben mitten in dieser Heilsgeschichte, wir sind ein Bestandteil von ihr und dürfen Gottes heilvolles Wirken auch in unseren Tagen, auch in unserer Zeit am eigenen Leib spüren.

Bei den beliebten Krippenspielen können Kinder hautnah in die Weihnachtsgeschichte eintauchen.

Im Bibliodrama kommt diese Dimension sehr stark zum Ausdruck. Das Bibliodrama ist vor allem auch deshalb so ansprechend, weil es mehrere Sinne einfordert. Wer eine biblische Geschichte vorgelesen bekommt, der ist zunächst einmal nur Zuhörer. Es wird der Hörsinn angesprochen, der die Fantasie anregt, sich dieses oder jenes Ereignis selbst in Gedanken vorzustellen. Das Bibliodrama hingegen fordert die ganze Person ein: Es geht darum, in kreativer Art und Weise selbst Teil einer Geschichte zu werden. Man muss nicht nur hören, sondern auch sprechen, mit Gestik und Mimik arbeiten, der ganze Körper eines Menschen wird eingefordert. Jenseits des Nacherzählens wird es auch möglich, eine Stimmung einzufangen, Emotionen nachzuspüren. Mit anderen Worten: Das Bibliodrama ist eine ganzheitliche Begegnung mit einem biblischen Text.

Methodisch ist das Bibliodrama nicht festgelegt. Es ist eine relativ freie Form der Begegnung mit einem biblischen Text. Dabei ist vor allem ein Ziel maßgeblich: Eine ganzheitliche Auseinandersetzung mit einem biblischen Narrativ. Es geht um eine Erfahrung des biblischen Textes, sozusagen "mit Haut und Haaren". Das ist eine besondere Zugangsweise, um einem Bibeltext zu begegnen. Sich selbst zum Teil einer Episode zu machen, fördert die Identifikation mit bestimmten Personen oder Ereignissen. Es hilft aber auch, etwas wirklich zu erfahren und nicht nur zu hören, wie das meistens mit solchen Texten geschieht.

Doch das Bibliodrama besitzt auch noch eine Meta-Ebene: Nicht nur das Nachspielen von Szenen gehört zu dieser Form der Bibelarbeit, sondern auch die Reflexion über das, was man miteinander erlebt hat. Vor und nach dem Spiel stehen der Austausch, das miteinander ins Gespräch kommen über das, was sich in einem bei der Begegnung mit einem biblischen Text ereignet. Hier haben Anfragen und Gedanken ihren Raum, inwiefern die Identifikation mit einer Figur, mit einer Handlungsweise, mit einer Szene gelungen oder misslungen ist. Hier ist aber auch der Ort, um nachzudenken, warum die Personen so gehandelt haben und wie man an ihrer Stelle vielleicht stattdessen gehandelt hätte. Diese reflektierte Methode führt zu einer tieferen Konfrontation mit dem biblischen Narrativ. Mit dem Nachspielen einer Szene ist es nicht getan, es braucht auch die vertiefte Reflexion und schließlich das Gespräch mit den anderen Teilnehmern des Bibliodramas. Im Dialog mit den anderen kann sich die Lebensnähe eines biblischen Textes erschließen und es kann sich zeigen, wo das eigene Leben in der Bibel zu finden ist. Oder andersherum: Wo die Erzählungen der Heiligen Schrift Anknüpfungspunkte im eigenen Leben haben und dort fruchtbar werden können.

Der unbekannte Bruder des Bibliodramas: der Bibliolog

Eine ganz ähnliche Methode ist übrigens der Bibliolog. Dieser unterscheidet sich vom Bibliodrama allerdings dadurch, dass es nicht um ein Nachspielen geht, sondern um eine Unterhaltung über den Text. Ein biblisches Narrativ wird vorgelesen und an bestimmten Stellen werden die Teilnehmenden aufgefordert, in die Rollen der Figuren zu schlüpfen und von dieser Warte aus zu berichten, was sie gerade erleben und erfahren. Der Bibliolog ist daher mehr auf das gesprochene Wort fokussiert und konzentriert sich mehr auf den dialogischen Austausch der Teilnehmenden. Dadurch ist er nicht so ganzheitlich wie das Bibliodrama, eröffnet aber dennoch die Möglichkeit, einen neuen Zugang zu einem biblischen Text zu gewinnen. Denn bei beiden Methoden geht es ja darum, in den Text hineinzuspringen und aus der Selbsterfahrung zu berichten.

So ist die Methode des Bibliodrama auf den ersten Blick sehr eng verwandt mit den Mysterienspielen des Mittelalters. Doch auf den zweiten Blick unterscheiden sich beide auch sehr stark: Denn letztlich geht es beim Bibliodrama um die reflektierte Auseinandersetzung mit einem biblischen Text und nicht nur um das bloße Nachspielen einer Szene.

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