In der Gemeindearbeit braucht es nicht immer eine Tagesordnung
2016 gab sich das Erzbistum Hamburg eine neue Gremienstruktur, nun, sieben Jahre später, wird ausgewertet, wie die neuen Gremien funktionieren. Dazu wurden Online-Fragebögen verschickt, etwa 700 Antworten kamen aus den 28 Pfarreien zurück. Das Resultat ist sehr durchmischt. Im Interview berichten Organisationsentwicklungsreferent Steffen Debus und Jugendreferent Roland Lammers von den Ergebnissen.
Frage: Herr Debus, 2016 wurden die lokalen Gremien im Erzbistum Hamburg neu aufgestellt. Was ist genau passiert?
Debus: 2016 war der Prozess der Pastoralen Räume, also der Weiterentwicklung der Vereinigungen von Pfarreien zu größeren Einheiten, vorangeschritten. Damit war klar, dass wir ein neues Gremienmodell brauchen, um dieser neuen Struktur mit großen Pfarreien und vielen Gemeinden Rechnung zu tragen. Eine Arbeitsgruppe hatte sich damit beschäftigt und dabei auch Fragen nach dem Ehrenamt etwa mit einbezogen.
Frage: Wie sah dieses neue Modell aus?
Debus: Bis zu diesem Zeitpunkt gab es viele Pfarreien, die sich meistens um einen Kirchort gesammelt haben, vielleicht gab es noch eine oder zwei Filialkirchen, das war es dann aber auch. Im neuen Modell haben wir nun festgehalten, dass die Pfarrei vor allem als Verwaltungseinheit dient. Darunter gibt es dann mehrere Gemeinden, die gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Es gibt also keine "Ober-Gemeinde", sondern alle Gemeinden haben einen eigenen Status und wir haben versucht, das mit diesem Gremienmodell auch abzubilden. Der Schwerpunkt des pastoralen Lebens sollte auf der Gemeindeebene stattfinden. In jeder Gemeinde gibt es nun ein Gemeindeteam, also ein ehrenamtliches Leitungsgremium auf Gemeindeebene. Dieses Gemeindeteam beruft eine Gemeindekonferenz ein. Darin sitzen Engagierte und Vertreter von Orten kirchlichen Lebens wie beispielsweise Kindertagesstätten oder Beratungsstellen am Ort. Dazu kommen noch Themenverantwortliche, die etwa die Jugendarbeit oder Kirchenmusik koordinieren und Engagierte vernetzen sollen. Auf der Ebene der Pfarrei gibt es dann noch den Kirchenvorstand und den Pfarrpastoralrat.
Frage: Welche Auswirkungen hatten diese neuen Strukturen in den vergangenen sieben Jahren, Herr Lammers?
Lammers: Ein Fazit, das wir aus der Auswertung der Fragebögen gezogen haben, ist, dass einige Bausteine dieser Struktur nicht so gut funktionieren oder nur in manchen Pfarreien angenommen worden sind. Weiterhin mussten wir feststellen, dass die Gremien auf der pfarrlichen Ebene wie der Pfarrpastoralrat einen relativ schweren Stand haben. Außerdem funktioniert die Einbindung der Orte kirchlichen Lebens, also der Einrichtungen, nicht so gut. Die Themenverantwortlichen oder die Gemeindekonferenz wurden vielerorts nicht gut angenommen. Die Gemeindeteams haben dagegen sehr gut funktioniert und wurden in den allermeisten Pfarreien sehr gut angenommen.
Frage: Warum haben die Gemeindekonferenz und die Themenverantwortlichen nicht funktioniert?
Lammers: Bei den Themenverantwortlichen war das Problem, dass mancherorts die Themen sehr kleinteilig an sehr viele Leute vergeben wurden – das machte es schwierig, da dann auch immer Mitstreiter zu finden und kleinere Themen zu größeren zu sammeln. In anderen Gemeinden waren diese Themen durch das Gemeindeteam schon gut abgedeckt, da gab es keinen Bedarf. Zudem hatten viele Leute auch keine Lust, schwerpunktmäßig für die Vernetzung anderer zu sorgen. Das hat auch mit dem Verlust der Eigenständigkeit zu tun: Denn wer in einer Gemeinde die Jugendarbeit macht, sollte sich mit denen aus anderen Gemeinden vernetzen. Da gab es schon die Trauer, dass man nicht mehr nur machen kann, was man will, sondern sich innerhalb einer Pfarrei absprechen soll. Bei den Gemeindekonferenzen war es so, dass manche sie als hilfreiches Gremium mit allen Beteiligten empfunden haben, andere aber gesagt haben: Wir treffen uns eh alle nach der Messe auf dem Kirchplatz, da brauchen wir kein eigenes Gremium dafür.
Frage: Eines der Ergebnisse war, dass sich die Menschen mehr mit ihrer Gemeinde als mit der Pfarrei identifizieren – erklärt das das mangelnde Engagement in den Pfarrgremien?
Lammers: Es war überraschend, wie wenig der Pfarrpastoralrat angenommen wurde – obwohl wir natürlich generell gesprochen mit einem abnehmenden Engagement zu tun haben. Dafür funktioniert die Arbeit in den Gemeinden überraschend gut. Aber es gibt eine kirchenrechtliche Ebene, auf der die Pfarrei enorm relevant ist – und deshalb wurde auch entschieden, dass das hauptamtliche Personal schwerpunktmäßig auf Pfarreiebene arbeiten soll, über Standortgrenzen hinweg. Sie bieten eine Grundversorgung mit Gottesdiensten, Beerdigungen, Katechese und thematischen Angeboten, mit denen sie an die Themenverantwortlichen vor Ort andocken.
Debus: Was natürlich auch Probleme mit sich bringt: Manche Kolleginnen und Kollegen finden die Arbeit in diesen großen Pfarreiräumen schwierig, die Leute vor Ort vermissen konkrete Ansprechpartner. Die beklagen sich etwa über wechselnde Priester. Das hat auch für eine Menge Irritationen gesorgt.
Frage: Ein weiterer Kritikpunkt war die Formalisierung.
Debus: Das ist in der Tat eine zentrale Frage: Brauchen wir Absprachen, brauchen wir eine Struktur, die festgelegt ist, mit einem Protokoll, mit einer Einladung und einer Tagesordnung? Da haben wir es bei der Gremienreform rückblickend ein bisschen übertrieben. Wir waren sehr formal unterwegs, das passt aber nicht für jede Gemeinde, zum Teil funktioniert das formlos sehr gut.
Manche Kolleginnen und Kollegen finden die Arbeit in diesen großen Pfarreiräumen schwierig, die Leute vor Ort vermissen konkrete Ansprechpartner.
Steffen Debus
Frage: Hat sie denn dem Engagement eher geholfen oder geschadet?
Lammers: Weder noch. Ich kann nicht erkennen, dass es da Auswirkungen gegeben hätte. Natürlich gibt es Leute, die durch diese Strukturen frustriert sind, aber das ist kein bestimmender Faktor.
Debus: Eher ins Gewicht fällt der Prozess zur Entwicklung der Pastoralen Räume an sich. Der hat mindestens drei Jahre gedauert, manchmal bis zu fünf. Das war für die engagierten Ehrenamtlichen eine große Herausforderung. Nach dessen Ende kam dann ein Bruch: Leute haben sich nach dieser anstrengenden Zeit herausgezogen, endgültig oder zeitweise. Meist sind dann aber auch wieder neue Leute nachgerückt. Das hatte dann aber einen Wissensabbruch zur Folge, wenn so eine Generation gemeinsam aufgehört hat. Schwierig wird nun auch, dass man sich laut Statut nur zwei Mal zur Wiederwahl in das Gemeindeteam wählen lassen kann. Das steht jetzt bald an und mancherorts gibt es dann aber keine Nachfolger. Das ist noch so eine Baustelle, die sich gezeigt hat. Wir wollten "Erbhöfe" einzelner vermeiden, aber das hat nicht immer und überall zur Realität gepasst.
Frage: Wie sieht es denn auf der pfarrlichen Ebene aus? War das auch ein Problem, dass die örtliche Nähe nicht mehr da war und man über Dinge entscheiden musste, mit denen man nichts zu tun hatte?
Lammers: Das glaube ich nicht. So groß sind die Pfarreien jetzt auch nicht, dass sie von Schleswig-Holstein nach Mecklenburg reichen würden. Das Problem ist eher, dass die Leute das Gefühl haben, dass sie die Probleme vom Nachbarort nichts angehen und sie sich lieber um ihren eigenen Kirchturm kümmern.
Debus: Das haben wir auch schon beim Entwicklungsprozess gemerkt: Damals gab es viele Begegnungen, die Engagierten der einzelnen Gemeinden sind zusammen weggefahren und so weiter. Da ist eine Nähe entstanden. Aber es gibt auch abstrakte Sachen wie die Gottesdienstordnung, das ist mehr oder weniger Personalplanung. Genauso verhält es sich mit Verwaltungsfragen – das ist nicht jedermanns Sache. Da ist die Arbeit vor Ort für viele spannender.
Frage: Jetzt haben Sie viel evaluiert, welche Konsequenzen folgen denn daraus?
Lammers: Es soll ein neues Modell geben. Aber wie das aussehen kann, da gibt es bislang nur Ideen zu, noch nichts Konkretes. Wichtig wird aber die Devise sein, nur das Nötigste zu regeln und so viel wie möglich den Menschen vor Ort zu überlassen. Da sind wir nun gerade auf der Suche, was denn das Nötigste ist. Das ist gar keine so einfache Frage und ein komplexes Feld. Wir sprechen dazu mit den Haupt- und Ehrenamtlichen in Pfarreien und Gemeinden, um Klarheit zu schaffen.