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Reaktion auf Vorstellung der Mainzer Missbrauchsstudie

Kohlgraf sieht synodale Kirche als Beitrag zur Missbrauchsprävention

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Mainz - Mangelnde Verantwortungsübernahme und einsame Entscheidungen – das sieht Bischof Peter Kohlgraf als wichtige Ursache für die Vertuschung von Missbrauch in der Kirche an. Gegen diese Missstände will er die Kirche synodal verändern.

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf wendet sich dagegen, Missbrauch in der Kirche mit dem Verweis auf andere Zeiten zu relativieren. In der Pressekonferenz zum in der vergangenen Woche vorgestellten Mainzer Missbrauchsgutachten betonte der Bischof am Mittwoch, dass schon zum Zeitpunkt, als in der Kirche vertuscht wurde, ein Blick ins Evangelium gereicht hätte, um das Unrecht zu erkennen. "Allein, dass man vertuschen wollte, zeigt, dass das Wissen um Unrecht vorhanden war, aber nicht angemessen gehandelt wurde", so Kohlgraf. Er wolle heute eine andere Kirche gestalten.

Dazu gehöre es, das systemische Versagen einzugestehen. Fehlende Verantwortungsübernahme hätte Missbrauch begünstigt. "Es fällt mir nicht immer leicht, für eine derartige Gestalt von Kirche, die keineswegs überwunden ist, Verantwortung zu übernehmen", sagte Kohlgraf weiter. "Und dennoch will ich diese Verantwortung tragen." In einer synodalen Kirche sieht der Bischof einen wichtigen Beitrag zur Missbrauchsprävention: "Zu oft lese ich in der Studie von einsamen, nicht kommunizierten Vorgängen." Das sei die Folge eines bestimmten Kirchenverständnisses gewesen: "Dieses Bild von Kirche will ich und müssen wir verändern." Generalvikar Udo Bentz und seine Bevollmächtigte Stephanie Rieth sahen die Verwaltung des Bistums in ihren Statements auf einem guten Weg, exklusive Entscheidungszirkel in der Bistumsleitung aufzubrechen. Das sei durch die Einrichtung multiperspektivischer Gremien und der Stelle der Bevollmächtigten schon geschehen.

Bei der Pressekonferenz wies Kohlgraf die Forderung eines anwesenden Betroffenen zurück, pauschal hohe sechsstellige Anerkennungsleistungen an alle Missbrauchsbetroffenen im Bistum auszuzahlen. Er betonte seinen Willen, im bundesweiten System der Anerkennungsleistungen zu bleiben und dieses Gesamtsystem nicht zu sprengen. Es müsse aber geklärt werden, wie man individuellen Bedarfen gerecht werden könne.

Kardinal Karl Lehmann und sein Nachfolger als Bischof von Mainz Peter Kohlgraf. In der Pressekonferenz sagte Kohlgraf: "Kardinal Lehmann hat mich zum Bischof geweiht. Das war für mich eine Auszeichnung und ein Ausdruck der Kontinuität zwischen ihm und mir. Ich habe Berichte in der Studie gelesen, die diesen Gedanken für mich jetzt schwierig machen."

Der Mainzer Bischof äußerte sich auch kritisch zu seinem Vorgänger. Kardinal Karl Lehmann war durch die Studie schwer belastet worden. Auch nach dem ersten Höhepunkt des Missbrauchsskandals 2010 hatte Lehmann der Studie zufolge noch keine Einsicht gezeigt und weiterhin das Ansehen der Kirche über die Hinwendung zu Betroffenen gestellt. Für Kohlgraf verkörpert Lehmann eine Kirche, die sich ihrer Verantwortung nicht stellt. "Ich erschrecke, wenn ich davon lese, dass ein Bischof, der immer wieder ein menschenfreundliches Gesicht gezeigt hat, in der Begegnung mit Betroffenen sexualisierter Gewalt eine unglaubliche Härte und Abweisung zeigt", sagte der Bischof. Verantwortung liege aber auch bei den Gemeinden, die Priester auf ein Podest gehoben hätten und Vorwürfe nicht wahrhaben wollten: "Bestimmte Richtungen der Theologie haben ein Priesterbild gefördert, das den 'heiligen Mann' jeder Kritik enthob. Priester spielten in der Gesellschaft eine Rolle, die sie zu unangreifbaren Persönlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens machte", so der Bischof.

Synodaler Weg wichtig zur Überwindung systemischer Ursachen

Kohlgraf betonte, dass der Abschlussbericht nicht das Ende der Aufarbeitung bedeute, sondern ein wichtiger Schritt auf dem Weg. Dazu gehöre auch der Synodale Weg. Der Bischof erinnerte daran, dass der Reformdialog seinen Ausgang in der MHG-Missbrauchsstudie hatte. Es lohne sich, diesen Weg auch gegen Widerstände weiterzugehen. Der Synodale Weg gehe die richtigen systemischen Ursachen von Missbrauch an: "Missbrauch ist immer verbunden mit Machtausübung, einer bestimmten Sexualmoral und dem kirchlichen Umgang mit ihr, mit männerbündischen Netzen und auch der priesterlichen Lebensform und deren Selbstverständnis", zählte Kohlgraf auf. Mit Blick auf das bevorstehende Ende des Synodalen Wegs mit der Ende der Woche tagenden letzten Synodalversammlung sagte Kohlgraf, dass damit die Dynamik des Reformdialogs nicht beendet sei. "Wir gehen diese Dynamik weiter", versicherte der Bischof. In Rom und anderen Teilen der Weltkirche sei es noch nicht selbstverständlich, systemische Ursachen für Missbrauch anzuerkennen, sagte Kohlgraf. Es gebe aber zunehmend Stimmen, die die in Deutschland herrschende Auffassung bekräftigten. Der Bischof verwies dabei auf den Brief italienischer Laien an die DBK. Außerdem gebe es auch an der Kurie kein einheitliches Meinungsbild.

Die von der Regensburger Kanzlei des Rechtsanwalts Ulrich Weber angefertigte Studie "Erfahren, Verstehen, Vorsorgen" wurde am Freitag vorgestellt. Sie kam zu dem Ergebnis, dass für die Mainzer Bischöfe von 1945 bis 2017 durchweg der Schutz der Institution Kirche wichtiger war als ein angemessener Umgang mit Betroffenen sexuellen Missbrauchs. Die Studie untersucht den Zeitraum von 1945 bis 2022. Insgesamt haben die Anwälte 25.000 Seiten an Akten des Bistums und von kirchlichen Einrichtungen analysiert, außerdem wurden 246 Personen schriftlich, telefonisch oder im persönlichen Gespräch befragt.

Insgesamt hat die Studie 657 Betroffene identifiziert. Bei 401 gehen die Anwälte davon aus, dass die erlittenen Taten hochplausibel sind. 59 Prozent der Betroffenen sind männlich. Bei 72 Prozent lagen mehrfache Übergriffe vor, in der Regel zogen sich die Taten über ein bis zwei Jahre hin. Die Altersspanne bei den Betroffenen liegt zwischen 3 und 62 Jahren. Die Hälfte der Betroffenen wurden Opfer schwerer oder besonders schwerer Straftaten. Die Studie kommt auf 392 Beschuldigte, von denen die Schuld von 181 als hoch plausibel angenommen wird. 96 Prozent der Beschuldigten sind männlich, 65 Prozent Kleriker. In der überwiegenden Zahl begingen die Beschuldigten mehrfach Taten. Das Spektrum dabei ging von Grenzverletzungen bis hin zu besonders schweren sexualbezogenen Straftaten. (fxn)

8. März 2023, 12.35 Uhr: Ergänzt um weitere Aussagen aus der Pressekonferenz.

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