Kranemann: Bei kontroversen Predigten schnell Gespräch vor Ort suchen
Mit Blick auf die vor allem im Internet ausgetragene Kontroverse über die Weihnachtspredigt eines Priesters im sächsischen Wittichenau hat der Erfurter Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann dafür plädiert, in entsprechenden Fällen besser zunächst das Gespräch vor Ort zu suchen. "Sich zeitnah nach einer Predigt, die Anstoß erregt hat, noch einmal zu treffen und darüber zu diskutieren, ermöglicht eine andere Sachlichkeit. Wenn Gesprächsteilnehmer sich in einem geschützteren Raum darüber austauschen, was sie zum Beispiel gestört hat und wodurch sie sich persönlich angegriffen fühlen, ist es einfacher, einander zu verstehen", sagte Kranemann am Donnerstag in einem Interview mit der Kirchenzeitung "Tag des Herrn".
Kranemann verwies in diesem Zusammenhang darauf, das es eine Zeit gegeben habe, in der in vielen Gemeinden sogenannte Predigtgespräche angeboten worden seien. "Dort gab es die Möglichkeit nachzufragen, manche Aspekte zu vertiefen und auch kontrovers über die Predigt zu sprechen", so der Theologe. Eine ähnliche Funktion könnten Bibeltreffen oder Kirchenkaffees haben, bei denen die Teilnehmer auch mit den Predigern ins Gespräch kommen könnten. "All dies kann zu einer verbesserten Qualität der Predigten und damit der Liturgie beitragen", zeigte sich Kranemann überzeugt. Zumal im Lichte der aktuellen Debatten um Synodalität immer deutlicher werde, dass Kirche nicht darin bestehen könne, dass die einen das abnickten, was andere sagten. "Eine Auseinandersetzung mit Predigtinhalten und ein gemeinschaftliches Ringen darum ist wichtig", betonte der Liturgiewissenschaftler.
Pater hatte sich in Predigt gegen Wokeness und LGBTIQ positioniert
In Wittichenau hatte sich ein Priester in seiner Predigt in der Christnacht unter Verweis auf die göttliche Ordnung gegen Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit positioniert. Wörtlich sagte er: "Es gibt so viele seltsame moderne Strömungen. Man hört von Gender und Transgender, von Transhumanismus und reproduktiver Gesundheit, von Wokeness und LGBTIQ, von Diversität und Identität, von multiplen Geschlechtern und Geschlechtsumwandlungen, dazu noch von diesem verheerenden neuen Offenbarungsverständnis des Synodalen Weges." Schon die Begriffe seien befremdlich und hätten alle eines gemeinsam, denn es fehle ihnen an Schönheit, an Stimmigkeit und an Natürlichkeit. Und weiter: "Sie sind nicht im Einklang, nicht in Harmonie mit der unvorstellbar schönen göttlichen Ordnung. Eine große Dissonanz ist über unser Land hereingebrochen."
Zuvor hatte der Geistliche zudem erklärt, dass sich aus der biblischen Weihnachtsgeschichte die "Heiligkeit der Familie" ableiten lasse. Diese bestehe aus Mann, Frau und Kind. Wörtlich erklärte er an die versammelte Gemeinde gerichtet: "Ich wünsche besonders denen, die an die traditionelle Familie glauben, extra-große Freude, weil sie sich nicht beirren lassen und den schädlichen modernen Strömungen folgen oder gar huldigen." Die Predigt hatte mit einigen Tagen Verzögerung besonders in den sozialen Netzwerken für Empörung gesorgt. Aufmerksamkeit erregte vor allem eine Petition von zwei Frauen aus Wittichenau, die damit ihren Unmut über die Aussagen des Geistlichen zum Ausdruck bringen wollten. In der Folge hatten sich die Abtei Tholey, aus der der Priester nach Wittichenau entsandt worden war, und der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt von der Predigt distanziert.
Kranemann: Eine gute Predigt darf auch Anstoß erregen
Kranemann betonte, dass eine gute Predigt durchaus Anstoß erregen dürfe: "Zu einer guten Predigt gehört, dass man sich mit ihr auseinandersetzen, ja auch an ihr reiben kann." Eine Predigt, die nur den Meinungsquerschnitt der Gemeinde abbilde, sei langweilig und oberflächlich. "Meiner Beobachtung nach erwarten Gottesdienstbesucher gar nicht so sehr, dass die eigene Meinung in der Predigt bestätigt wird. Wichtiger ist ihnen die überzeugende Person, deren Lebenserfahrung hinter den Worten erkennbar ist und mit der die Auseinandersetzung lohnt", so der Theologe weiter. Klar sei aber auch, dass Einzelne oder Gruppen nicht diffamiert werden dürften, wie das in Wittichenau offenbar geschehen sei. "Niemandem darf der Glaube abgesprochen werden und Predigten sollten auch nicht moralinsauer daherkommen", sagte Kranemann.
Auch Weihnachtspredigten seien diesbezüglich keine Ausnahme. "Ich meine nicht, dass man sich nur auf die vorgeblich friedliche Atmosphäre von Weihnachten beschränken sollte. Weihnachten hat auch seine provokanten Seiten", so der Erfurter Theologe. Je mehr ein guter Prediger im Kontakt mit seiner Gemeinde sei, desto mehr spüre er heraus, was zu welchem Anlass angemessen sei. Auf keinen Fall aber solle er sich darauf beschränken, mit schönen Worten Hehres zum Ausdruck zu bringen. (stz)