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Hausmeister von Kirche im Erzbistum Paderborn über ein besonderes Projekt

Kruzifixe als Leidenschaft: Gerhard Götte und das Kreuzzimmer von Bigge

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Gerhard Götte in seinem Kreuzzimmer.
Bigge/Bonn - Die einen wollen sie loswerden, er kümmert sich liebevoll: In der Kirche von Bigge im Hochsauerland sammelt deren Hausmeister Gerhard Götte abgelegte Kreuze in einem eigenen Raum. Von sprachlos begeistert bis zu reserviert gab es schon alle Reaktionen, erzählt er im Interview mit katholisch.de

Gerhard Götte (64 Jahre) ist Rentner und Hausmeister in der katholischen Kirchengemeinde in Olsberg-Bigge im Hochsauerland. Im rund 800 Jahre alten und 50 Meter hohen Turm der Kirche Sankt Martin hat der frühere Dachdecker etwas Außergewöhnliches geschaffen, auf das er sehr stolz ist: ein Kreuzzimmer, dessen Wände über und über mit Kruzifixen bedeckt sind. Wie er auf die Idee dazu kam, was das Zimmer ihm bedeutet und wie es bei den Menschen ankommt, verrät er im Interview mit katholisch.de.

Frage: Herr Götte, wie sind Sie auf die Idee zu dem Kreuzzimmer gekommen?

Götte: Ich bin seit knapp zehn Jahren Hausmeister der katholischen Kirchengemeinde in Bigge. Vor meinem Büro mit angeschlossener Werkstatt lagen ständig alte Kreuze, die die Menschen wohl loswerden wollten. Ich fand das ärgerlich. 2019 habe ich zusammen mit dem damaligen Pastor und dem Küster überlegt: Was machen wir damit? Im Kirchturm gab es einen ungenutzten, aber wunderbaren Raum. Ich bin da regelmäßig durchgegangen auf dem Weg zum Glockenturm. Eines Abends habe ich dann meiner Frau erzählt, dass schon wieder ein Kreuz vor der Tür lag. Da meinte sie nur: "Na, dann richte doch im Turm ein Kreuzzimmer ein." Damit war die Idee geboren. Über die Medien haben wir bekannt gemacht, dass man jetzt ganz offiziell im hinteren Teil der Kirche Kreuze ablegen kann. Die Resonanz war riesig: Es kamen Kreuze aus allen möglichen Ortschaften. Inzwischen hängen über 1.000 im Kreuzzimmer, die Wände sind übervoll.

Gerhard Götte am Aufgang zum Kreuzzimmer
Gerhard Götte am Aufgang zum Kreuzzimmer

Frage: Was für Kreuze hängen in dem Zimmer?

Götte: Es sind ganz unterschiedliche. Manche sind über 100 Jahre alt. Es gibt ein Kreuz, das hatte ein Soldat im Zweiten Weltkrieg dabei. Eines hat 1922 eine Ordensschwester in ihre neue Heimat Amerika mitgenommen, sie hat es immer bei sich gehabt. Nun ist es wieder nach Bigge zurückgekommen. Das finde ich wunderbar. Es gibt einfache Holzkreuze, andere sind aus Metall oder aus Gips. Sogar zwei, drei Wegekreuze, die früher am Waldrand standen haben wir repariert. Der Raum selbst ist groß, fünf mal fünf oder sechs mal sechs Meter, mit hohen Wänden. Ich habe mir auf die Fahne geschrieben: Ich werfe kein Kreuz weg. Das habe ich den Menschen ja versprochen, wenn auch nur indirekt über unseren Medienaufruf. Es kommen schon auch demolierte, kaputte Kreuze. Die repariere ich dann in meiner Werkstatt.

Frage: Welche Geschichten sind mit den Kreuzen verbunden?

Götte: Einmal brachte eine ältere Dame ein Kreuz wegen einer Haushaltsauflösung. Sie musste sich davon trennen, weinte bitterlich und war gleichzeitig dankbar, es hier abgeben zu können. Insgesamt kenne ich aber nur von einer Minderheit der Kreuze die Geschichte,  denn viele kommen anonym. Dann schaue ich, ob sich Spuren finden – ein Datum, ein Vermerk, ein Preis, vielleicht in D-Mark. Es wäre schön, wenn die Menschen das Alter des Kreuzes und ihren früheren Zweck oder Gebrauch angeben, wenn sie die Kreuze ablegen.

Frage: Was bedeutet Ihnen das Kreuzzimmer persönlich?

Götte: Für mich ist das Kreuzzimmer eine Herzensangelegenheit. Ich bin stolz darauf und fühle mich dort richtig wohl. Das alte Mauerwerk hat eine besondere Atmosphäre. Ich gehe fast jeden Tag hinauf und schaue nach dem Rechten. Es ist für mich ein Rückzugsort, ein Stück Heimatverbundenheit. Und es sagt auch etwas über den Glauben aus. Jeder mag seinen Glauben anders leben, aber das Kreuz verbindet. Und auch wenn die Menschen die Kreuze selbst nicht mehr in ihrer Wohnung haben wollen – sie einfach entsorgen will keiner. Ich hoffe, dass uns diese Kreuze noch lange Freude machen.

Gerhard Götte in seinem Kreuzzimmer
Gerhard Götte in seinem Kreuzzimmer

Frage: Wie reagieren Besucher auf das Kreuzzimmer?

Götte: Im Kreuzzimmer gib es zu besonderen Anlässen Führungen. Die Treppe ist zwar steil und für ältere Menschen schwer zu überwinden. Aber wer oben ankommt, ist überwältigt und sprachlos – ob nun gläubig oder nicht. Eine Gruppe Frauen hat dort zusammen Kirchenlieder gesungen, das war eine tolle Stimmung. Neulich habe ich das Zimmer einer Familie gezeigt, die hier in der Gegend Urlaub gemacht hat, die sagten, so etwas hätten sie noch nie gesehen. Es gab aber auch schon mal einen Besucher, der fand das Zimmer gruselig und meinte, alleine würde er nicht gern dort sein. Aber die allermeisten sind begeistert. Es waren auch schon Pfarrer da und nach einer Firmung sogar mal der Paderborner Weihbischof Matthias König. Ich könnte mir auch vorstellen, regelmäßig einmal im Monat am Sonntag nach der Heiligen Messe Führungen anzubieten – wenn es genug Interessenten dafür gibt.

Frage: Sie haben gesagt, das Turmzimmer sei nun voll. Was machen Sie mit den Kreuzen, die nicht mehr hineinpassen?

Götte: Ja, da passt wirklich kein Nagel mehr an die Wand. Wir haben sogar schon mal alles abgenommen und neu angeordnet, nur irgendwann ist Schluss. Neulich war ich zusammen mit unserem Küster im Raum oberhalb des Kirchengewölbes unterwegs. Da hatte er die Idee, die neuen Kreuze dort aufzuhängen, sozusagen eine Etage höher. Da ist noch reichlich Platz. Wobei: Das dachten wir beim Turmzimmer auch, und plötzlich war alles voll. Mein Neffe hat in einer Gemeinde in der Nähe inzwischen auch angefangen, ein Kreuzzimmer einzurichten. Ich denke, das wäre generell eine Idee für Gemeinden. Wahrscheinlich werden ja nicht nur bei uns Kreuze abgegeben.

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