Quereinstieg mit 50 – Vom Krankenkassenjob zur Gemeindereferentin
Vor sieben Jahren sitzt Melanie Engler aus dem Bistum Trier vor einer Gruppe Kommunionkinder. Die Sakramente, das Kirchenjahr, der Gottesdienstablauf – darüber spricht sie mit ihrem Sohn und den anderen Jungen und Mädchen in der Gruppe. In der Rolle der Katechetin muss sie zum ersten Mal ihren eigenen Glauben erklären. Diese intensive Beschäftigung mit Religion bewegt etwas in ihr. "Ich habe angefangen, mich kritisch mit meinem Glauben auseinanderzusetzen", erzählt die heute 50-Jährige. Die Frage, wer oder was Gott ist, bringt sie schließlich dazu, ihr berufliches Leben komplett auf den Kopf zu stellen.
15 Jahre arbeitet Engler bei einer Krankenkasse, fünf Jahre davon im Fallmanagement mit dem Schwerpunkt Krankengeld. Dort berät sie Langzeiterkrankte oft über Monate und Jahre und sucht nach passenden Maßnahmen. Auf der einen Seite gefallen ihr die berührenden Gespräche und das lange Begleiten der Menschen. Auf der anderen Seite ist da jede Menge Druck – wirtschaftlich und zeitlich. "Ich steckte oft in der Zwickmühle, Maßnahmen aus Kostengründen nicht anbieten zu können", so Engler. Und auch für tiefergehende Gespräche ist keine Zeit.
Abseits des Arbeitsalltags macht Engler dann ihre Erfahrungen als Kommunion-Katechetin. In die Kirche zu gehen und an Gott zu glauben, das gehört für die Saarländerin zwar schon immer zu ihrem Leben. Doch ihren Glauben zu vermitteln und zu erklären, stellt sie vor eine Herausforderung: "Ich hatte so viele Anfragen an mein Gottesbild", sagt sie. In dieser Situation schreibt sie sich für den Würzburger Fernkurs Theologie ein. Das Studium soll erstmal ein Hobby sein, neben ihrem Job und dem Familienalltag mit zwei Kindern.
Der Fernkurs richtet sich an Menschen, die eine Tätigkeit in der Kirche anstreben – etwa als Gemeindereferentin oder Ständiger Diakon. Aber auch Gläubige, die einfach ihr theologisches Wissen vertiefen möchten, finden dort einen Platz. Regelmäßig landen dicke Studienbriefe in Englers Briefkasten, die sie im Selbststudium durcharbeitet. Hausarbeiten und Klausuren überprüfen, ob der Stoff sitzt. Mehr und mehr Zeit nimmt ihr Hobby in Anspruch und vor allem in Prüfungsphasen muss ihre Familie zurückstecken. "Es war schwer, meinem Sohn zu erklären, warum ich ihn nicht beim Fußballspiel anfeuern kann", erinnert sie sich.
Das Studium fordert sie sehr. Besonders schwer fällt es ihr, sich an die theologische Fachsprache zu gewöhnen. Sie schreibt sich Listen, in denen sie sich die Fachbegriffe erklärt. "Das war wie Vokabel lernen", sagt Engler. Regelmäßig gibt es aber Präsenzveranstaltungen der Hochschule, die in ganz Deutschland stattfinden: Dort trifft sie auf andere Studierende und merkt, dass sie mit ihren Problemen nicht allein ist. "Da habe ich mich dann mal nicht wie eine Einzelkämpferin gefühlt", so Engler.
Nach zwei Jahren hat sie den Grundkurs abgeschlossen und muss sich entscheiden, wie es für sie weitergeht. Eine Möglichkeit ist es, sich beim Bistum als Gemeindereferentin zu bewerben. Mit einer Zusage kann sie sich für den pastoraltheoretischen Kurs im Fernstudium einschreiben. Doch eine Teilnahme daran bedeutet nicht zwangsläufig, später als Gemeindereferentin arbeiten zu können. "Man bekommt vom Bistum lediglich eine Empfehlung, weiter den Weg Richtung Gemeindereferentin zu gehen", so Engler. Für sie bleibt somit die Unsicherheit, ob es sich wirklich lohnen würde, noch mehr Zeit und Energie ins Studium zu stecken.
Fürs Studium steht sie schon um 3:30 Uhr auf
Doch sie will den beruflichen Wechsel versuchen und bewirbt sich beim Bistum. "Gottvertrauen und Vertrauen in sich selbst" – das hat ihr bei dieser Entscheidung geholfen. Sie kündigt ihre Stelle bei der Krankenkasse, um einen Job mit weniger Stunden anzunehmen. Nun arbeitet sie am Wochenende in der Patientenaufnahme in einem Krankenhaus und hat mehr Zeit für ihr Studium. Das Bistum gibt ihr schließlich das Go, weiterzumachen.
Jetzt wird das Studium noch zeitintensiver. "Ich habe mich bemüht, dass mein Mann und meine Kinder so wenig Abstriche wie möglich machen müssen", erzählt Engler. Ihr Tag fängt in diesen Jahren häufig schon um halb vier morgens an. In den ruhigen Stunden widmet sie sich ihrem Studium. Sobald die Kinder wach sind, ist sie da – zum Brotboxenpacken oder Kleiderbügeln.
Nach dem pastoraltheoretischen Kurs folgt der religionspädagogische Kurs, der sie auch als Religionslehrerin qualifiziert. Für Engler geht es in die Schule und sie lernt, Religion zu unterrichten – eine besondere Herausforderung für sie. Es dauert, bis sie sich wohlfühlt, vor einer Klasse zu stehen und ihren Glauben zu vermitteln. Doch nach und nach sammelt sie alle Qualifikationen, die sie als Gemeindereferentin benötigt. Sie absolviert ihr berufspraktisches Jahr und beginnt 2023 eine zweijährige Berufseinführungsphase als Gemeindeassistentin.
Ich sehe es als meine Aufgabe, für die Kinder und Eltern, egal ob Kirchgänger oder nicht, dazusein.
Melanie Engler
Hier findet sie das, was sie jahrelang motiviert hat, den Berufswechsel durchzuziehen: "So viele Möglichkeiten, mit ganz unterschiedlichen Menschen in Kontakt zu treten". Dass der Beruf kein klassischer 9-to-5-Job ist, macht für sie die Arbeit erst lebendig. Anders als bei der Krankenkasse hat sie hier viel mehr Zeit, sich auf Gespräche mit Gemeindemitgliedern, aber auch kirchenfernen Menschen einzulassen. Die besten Gespräche erlebt sie meist außerhalb der offiziellen Veranstaltungen, wenn sich Menschen an sie wenden. "Da habe ich das Gefühl, ich kann durchs Zuhören bei meinem Gegenüber wirklich etwas bewegen", sagt Engler.
Sieben Jahre dauert es insgesamt, bis Engler schließlich im August dieses Jahres von Weihbischof Robert Brahm offiziell zur Gemeindereferentin beauftragt wird. Sie bleibt nach diesem Schritt an dem Ort, wo sie auch als Gemeindeassistentin gearbeitet hat. Ihr Schwerpunkt ist das Kinderpastoral in der Pfarrei Niedtal Siersburg. Die Grundschule und der Kindergarten sind ihr Einsatzgebiet.
Im Kindergarten versucht Engler bei Veranstaltungen wie der Sankt-Martins-Feier, aber auch im ganz normalen Alltag, die Kinder möglichst gut kennenzulernen. Sie nennt das "Übergangsgestaltung". Wenn die Kinder später in die Grundschule kommen, sollen sie wissen, dass sie sich mit all ihren Problemen an die Gemeindereferentin wenden können. In Begegnungsstunden für die neuen Grundschüler gibt es Raum, über ihr Wohlbefinden zu sprechen. "Ich sehe es als meine Aufgabe, für die Kinder und Eltern, egal ob Kirchgänger oder nicht, da zu sein", so Engler.
Ein Quereinstieg ist besonders für Menschen mit Kindern eine Herausforderung
Zu ihren weiteren Aufgaben gehören auch Schulgottesdienste, die Freiwillige Ganztagsschule, die Zusammenarbeit mit der Schulsozialarbeiterin und vor allem der Religionsunterricht. Gerade unterrichtet sie eine erste und eine dritte Klasse und hat dabei eine ihrer Lieblingstätigkeiten gefunden. "So schwer das Unterrichten am Anfang war, so sehr schätze ich das mittlerweile", erzählt Engler.
Die 50-Jährige ist glücklich, dass ihr Quereinstieg jetzt geschafft ist. Sie wünscht sich, dass in der Ausbildung mehr auf Familien und vor allem Mütter mit Kindern geachtet wird. Als Elternteil fiel es ihr beispielsweise schwer, für einwöchige Präsenzveranstaltungen eine Betreuung zu organisieren. "Da reicht auch der Ehemann nicht", so Engler. Bei ihr musste oft die Oma einspringen und auf ihre Kinder aufpassen. "So einen familiären Rückhalt hat aber nicht jeder."
Für Menschen, die über einen Quereinstieg nachdenken, hat sie einen Rat: Es brauche Mut, alte Strukturen loszulassen, doch mit 40 oder 50 Jahren wisse man schon ganz genau, was man beruflich sucht. "Und dieser Wunsch kann eine wichtige Ressource für schwierige Zeiten im Berufswechsel sein", sagt Engler. "Das hat auch mich die letzten Jahre getragen." Die 50-Jährige ist froh, sich jetzt in ihrem neuen Beruf weiter einarbeiten zu können. Noch immer lernt sie stetig neue Dinge – aber genau diese Vielseitigkeit hatte sie an ihrem neuen Beruf gereizt. "Ich freue mich einfach darauf, wie sich die Dinge weiterentwickeln", sagt Engler zufrieden.