Umfrage zeigt wachsende Entfremdung und Unzufriedenheit

91 Prozent der Religionslehrer sehen bei sich Differenzen zum Lehramt

Aktualisiert am 02.02.2022  –  Lesedauer: 

Köln/Tübingen ‐ Nirgends begegnen so viele junge Menschen Vertretern der Kirche und ihren Positionen wie in der Schule. Eine Umfrage unter Religionslehrern bringt nun wachsenden Frust über Kirche und ihre Lehre ans Licht – und klare Forderungen an den Synodalen Weg.

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91 Prozent der Lehrkräfte für katholische Religion sehen große Differenzen zwischen ihren persönlichen Überzeugungen und lehramtlichen Themen wie Sexualität, Frauen in Ämtern und Machtstrukturen. Das ergab eine Umfrage der Verbände der Religionslehrer an Gymnasien und Berufsschulen, die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Bei 81 Prozent der katholischen Religionslehrer habe demnach die eigene Identifikation mit der Amtskirche in den letzten Jahren abgenommen. Mit dem Gedanken, aus der Kirche auszutreten, trügen sich 9 Prozent der Befragten "ernsthaft", 34 Prozent "gelegentlich". 42 Prozent der Lehrkräfte hätten in den vergangenen beiden Jahren überlegt, die kirchliche Lehrerlaubnis Missio canonica zurückzugeben, 27 Prozent "manchmal", 15 Prozent "öfter".

Bei den Schülern sehen lediglich 4 Prozent der befragten Lehrkräfte die Haltung gegenüber "Positionen der Kirche zu den für sie (lebenswelt-)relevanten Themen" als vorwiegend "aufgeschlossen" an. Jeweils 48 Prozent sehen eine "distanziert-kritische" oder "gleichgültige" Haltung vorherrschen. "Man kann fast froh sein, dass die Schülerinnen und Schüler so indifferent gegenüber der Kirche sind – andernfalls wären ekklesiologische Themen überhaupt nicht mehr zu unterrichten", wird eine Antwort zitiert. Lehrer stünden "an vorderster Front, wenn es darum geht, die Institution Kirche zu repräsentieren", Rechtfertigung und Verteidigung, bei Schülern, Eltern, Kollegen und Freunden sei "eigentlich nicht mehr möglich", lautete eine weitere Antwort.

Erwartungen an den Synodalen Weg

Mit Blick auf den Synodalen Weg bestehen deutliche Erwartungen. 91 Prozent der Befragten sahen deutliche Reformsignale als "dringend notwendig" für die Rolle als Religionslehrkraft und Identifikation mit der Katholischen Kirche insgesamt an. Nur 3 Prozent der Lehrkräfte hielten die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals durch die Kirche für angemessen, 78 Prozent stimmten der Aussage "Die Art und Weise wie die Kirche insgesamt die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals vorantreibt, macht uns unglaubwürdig" zu.

Die Online-Umfrage unter katholischen Religionslehrern wurde im Januar durch den "Bundesverband der katholischen Religionslehrerinnen und -lehrer an Gymnasien" und den "Verband katholischer Religionslehrerinnen und -lehrer an Berufsbildenden Schulen" durchgeführt. Nach eigenen Angaben haben sich 2.700 Lehrer aller Schularten an der Umfrage beteiligt. Anlass dafür waren nach eigenen Angaben die "brisanten Schlagzeilen und andauernde Krisensituation der katholischen Kirche". "Dabei ging es vor allem darum zu evaluieren, wo die Kolleginnen und Kollegen im Dialog mit den Schülerinnen und Schülern die größten Herausforderungen sehen und wie sie ihren Auftrag wahrnehmen bzw. umsetzen können, Entwicklungen und Positionen der Kirche authentisch mit persönlichen Überzeugungen in Einklang zu bringen", so die Verbände. Die Ergebnisse der Umfrage sollen in die Reformprozesse rund um den Synodalen Weg eingebracht werden, um die Perspektive der Religionslehrer als größter Gruppe akademischer Laientheologen in diesen Diskussionen nicht außen vor zu lassen. "Für viele Kinder und Jugendliche ist der Religionsunterricht inzwischen der einzige Ort, an dem sie sich gezielt und systematisch mit Fragen des Glaubens, der Religiosität und der Institution Kirche auseinandersetzen", so die Verbände. (fxn)