Scheidende BDKJ-Vorsitzende: Kirche braucht partizipative Strukturen
Auf der Website des Jugend-Dachverbands wird sie als "Gesicht der katholischen Jugendverbände in Berlin" bezeichnet: Lisi Maier hat seit 2012 in der Hauptstadt dafür gekämpft, dass die Belange der katholischen Jugendverbände in der Politik eine Stimme bekommen. Ende Juli endet ihre Amtszeit als hauptamtliche Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Zeit, für ein Resümee – und einen Ausblick auf kommende Herausforderungen in der kirchlichen Jugendverbandsarbeit.
Frage: Wo steht der BDKJ heute verglichen zur Zeit Ihres Amtsantritts, Frau Maier?
Maier: Die Jugendverbände waren auch vor neun Jahren am Puls der Zeit. Aber es gibt gewisse Entwicklungslinien, die sich seither gezeigt haben. Innerhalb des BDKJ hat es einen starken Ausbau beim Thema Mädchen- und Frauenpolitik gegeben. Wir haben Themen der Gleichstellungspolitik verstärkt in den kirchenpolitischen, aber auch in den gesellschaftspolitischen Bereich eingebracht. Ganz aktuell tut sich sehr viel beim Thema Geschlechtervielfalt: Der BDKJ hat sowohl innerkirchlich als auch gesellschaftspolitisch die Perspektiven von LGBTQI*-Jugendlichen sichtbar gemacht. Wir haben natürlich auf das Erstarken rechtsextremer Parteien und Strömungen mit einer entsprechend starken Abgrenzung, mit viel Bildungsarbeit, Unterstützung für die Ehrenamtlichen in der Geflüchtetenarbeit und kreativen Kampagnen gegen Rechtsextremismus reagiert. Was mir persönlich immer auch besonders wichtig war, ist die europäische und internationale Dimension der Jugendarbeit und dabei insbesondere die Vernetzung mit Jugendverbänden aus anderen Ländern. Gerade mit Verbänden in ost- und südosteuropäischen Ländern haben wir zahlreiche Partnerschaften aufgebaut und den Bereich auch personell wieder stärker ausgebaut. Das ist für den BDKJ sehr gut, weil er dadurch unterschiedliche Perspektiven auf Gesellschaft und Kirche wahrnimmt.
Frage: Was waren Ihre Ziele für ihre Zeit als BDKJ-Vorsitzende – und haben Sie diese erreicht?
Maier: Ich bin mit dem Ziel angetreten, dem BDKJ im sozialpolitischen Bereich eine starke Stimme zu geben. Auch wenn der Erfolg von Lobbyarbeit in diesem Bereich schwer messbar ist, denke ich, dass wir unter anderem im Rahmen der Novellierung des Kinder- und Jugendhilfegesetz die rechtliche Situation von jungen Menschen verbessern konnten. Wir haben im Zusammenschluss mit den anderen Jugendverbänden im Deutschen Bundesjugendring geschafft, die Große Koalition zu überzeugen, die öffentliche Förderungen für Jugendverbände über die beiden Legislaturperioden hinweg um ein Drittel zu erhöhen und damit die Rahmenbedingungen für Jugendverbandsarbeit deutlich zu verbessern. Außerdem wollte ich während meiner Amtszeit die frauenpolitische Vernetzung innerhalb des BDKJ stärken – da würde ich schon sagen, dass mir das mit starken Kolleginnen an meiner Seite auch gelungen ist.
Für einige ist es schwer vorstellbar, dass es auch in der katholischen Kirche Meinungspluralismus und demokratisch organisierte Jugendverbände gibt.
Lisi Maier über die politische Lobbyarbeit des BDKJ
Frage: Sie haben von Berlin aus gearbeitet und, wie sie es beschreiben, jugendpolitische Lobbyarbeit betrieben. Wie wird man da als katholischer Akteur wahrgenommen?
Maier: Häufig musste ich in politischen Gesprächen erst mal ganz viel erklären, bevor ich zum eigentlichen Thema kommen konnte. Ich werde nun einmal identifiziert mit dem Katholisch-Sein – was natürlich richtig und wichtig ist, schließlich mache ich meine Arbeit für die katholische Jugendverbandsarbeit, und an nicht wenigen Stellen ergeben sich dadurch auch Anknüpfungsmöglichkeiten. Aber an zahlreichen Stellen ist das Katholisch-Sein nicht gerade ein Türöffner. Hier musste ich dann erklären, warum ich überhaupt bei manchen Themen mitmische und bestimmte Positionen vertrete. Bei manchen Akteuren musste ich mich schon sehr einsetzen, um die Tür für unsere Themen und Inhalte aufstoßen zu können. Für einige ist es schwer vorstellbar, dass es auch in der katholischen Kirche Meinungspluralismus und demokratisch organisierte Jugendverbände gibt. Wenn das erkannt wurde, konnte ich auch unsere Themen vorantreiben. Ein Beispiel: Wenn wir als BDKJ nicht authentisch versuchen würden, die Rolle der Frau in der Kirche zu stärken, dann würde uns auch nicht abgenommen, dass wir authentisch für mehr Frauen in den Parlamenten oder in Führungspositionen eintreten.
Frage: Es gibt aus der Kirche heraus immer wieder Vorwürfe an den BDKJ, er sei zu politisch und kümmere sich nicht um seine eigentliche Aufgabe, einen Beitrag zur Evangelisierung zu leisten. Wie begegnen Sie dem?
Maier: Der gesetzliche Auftrag von Jugendverbänden ist unter anderem die Selbstorganisation und die Interessensvertretung von Kindern und Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Wir vertreten die Interessen unserer Mitglieder, wir organisieren uns selbstbestimmt und gestalten auf allen Ebenen wertgebundene Jugendarbeit und Jugendverbandsarbeit. Wir stehen auf dem Fundament des katholischen Glaubens, und gerade deshalb ist es unser Auftrag, die Lebenswirklichkeit, die Interessen und die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen ernst zu nehmen und unsere Arbeit danach auszurichten. Dem habe ich mich immer verpflichtet gefühlt. Katholisch Sein bedeutet für uns also auch immer, politisch zu sein – auch das ist Evangelisierung!
Frage: Die Kirchen sind hierzulande einer starken Erosion ausgesetzt. Wie sehr erreicht katholische Verbandsarbeit überhaupt noch Jugendliche?
Maier: Grundsätzlich haben junge Menschen nach wie vor ein großes Interesse an verbandlicher Arbeit. Das merken wir an den immer noch hohen Mitgliedszahlen, trotz demografischen Wandels und hoher Kirchenaustrittszahlen. Wir sehen auch, dass viele Menschen Interesse an unseren Angeboten haben, selbst wenn sie nicht Mitglied in einem der Verbände sind. Aber in den vergangenen neun Jahren hat der Vertrauensverlust in die Institution Kirche enorm dazu beigetragen, dass Kinder und Jugendliche, die selbstbewusst mit ihrem Katholisch-Sein und mit ihrer Mitgliedschaft in den Jugendverbänden umgehen, sich stärker rechtfertigen müssen. Die KjG Köln hat beispielsweise zuletzt deutlich gemacht, wie sehr sie auch von Eltern angefragt wird, ob ihre Kinder bei einer katholischen Jugendorganisation überhaupt gut aufgehoben sind. Das, was amtskirchlich an Verfehlungen und Intransparenz stattgefunden hat, trägt also sehr stark dazu bei, dass die Jugendverbände kritischer hinterfragt werden. Es hat aber auch dazu geführt, dass sie noch kritischer hinsichtlich ihrer eigenen Strukturen sind, um sich abzugrenzen und deutlich zu machen: Wir haben gute Interventions- und Präventionskonzepte, wir haben diese eigenständig erstellt, wir arbeiten auch mit außerkirchlichen Netzwerken zusammen. Wir treten dem Thema sexualisierte Gewalt aktiv entgegen und schauen nicht weg.
Frage: Hat die anhaltende Kirchenkrise auch Auswirkungen auf das Selbstverständnis des BDKJ und seiner Verbände?
Maier: Der BDKJ war schon immer für seine Zeit kritisch, sowohl mit den Strukturen der Amtskirche als auch mit den eigenen Strukturen. Wir haben einen Anspruch an uns selbst, wie etwa Partizipation in unseren Verbänden gelebt wird, um Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, ihren Glauben so zu leben, wie es ihrer Lebenswirklichkeit entspricht. In der anhaltenden Kirchenkrise stellen wir fest, dass sich immer mehr Menschen in der Kirche etwa für unsere Konzepte für Partizipation interessieren. Davon haben wir etwa bei der Jugendsynode 2018 in Rom berichtet oder aktuell beim Synodalen Weg. Wir wollen also noch mehr zeigen, dass partizipative Strukturen in Kirche möglich, hilfreich und eben dringend notwendig sind, auch auf anderen Ebenen.
Frage: Die Corona-Pandemie hat die Jugendverbandsarbeit zusätzlich erschwert. Gibt es berechtigte Hoffnungen, dass sie sich von den Pandemie-Folgen erholt?
Maier: Diese Hoffnung habe ich auf jeden Fall. Wir haben erst neulich eine Abfrage im Rahmen des Corona-Aufholpakets für Kinder und Jugendliche gemacht und dabei festgestellt, dass unsere Gruppen vor Ort diesen Sommer wieder viele ihrer erfolgreichen Angebote machen wollen, wie etwa Ferienfreizeiten, und dabei mit Teilnehmendentagen in Millionenhöhe rechnen. Momentan gibt es auch ein sehr hohes Engagement aus den Verbänden dafür, dass in Pfarrheimen und -gärten wieder Gruppenstunden stattfinden können und Räume für junge Menschen geöffnet werden. Von dieser Seite her bin ich also zunächst einmal sehr optimistisch.
Frage: Aber?
Maier: Sorgen bereiten mir vor allem zwei Dinge: Zum einen die Situation bei den Leiterinnen und Leitern, die jetzt eineinhalb Jahre lang keine Ausbildung abschließen konnten. Allein 2020 waren es 20.000 Jugendliche weniger, weil die Praxisteile nicht stattfinden konnten. Da stellt sich schon die Frage, ob nicht eine ganze "Generation" für diese wichtige Aufgabe wegfällt – und wie sich diese Situation in den kommenden Jahren entwickelt. Jetzt müssen wir erst recht schaffen, junge Menschen dafür zu begeistern, Leitungsverantwortung zu übernehmen. Das war leider auch schon vor Corona nicht immer so leicht. Der zweite Punkt: Es darf nicht unterschätzt werden, wie wichtig Verbände für die demokratische Zivilgesellschaft in ihrer Funktion als Gegenüber für die politisch Verantwortlichen sind. Aktuell fehlen hier an zahlreichen Stellen quasi seit eineinhalb Jahren Schnittstellen außerhalb des digitalen Raumes. Da hoffe ich, dass man schnell wieder zu Präsenzveranstaltungen zurückfindet und sich wieder entsprechend aufstellen kann, um die Positionen der Jugend in Gesellschaft – und auch Kirche – gut organisiert vertreten zu können.
Frage: Wenn man auf gesellschaftliche oder kirchliche Entwicklungen blickt: Inwiefern wird oder muss sich die katholische Jugendverbandsarbeit in den kommenden Jahren verändern?
Maier: Die Verbandsarbeit ist von ihrer Grundidee her, also der Selbstorganisation junger Menschen, immer noch ein ganz großes Pfund, auf das man setzen muss. Ich weiß aber auch, dass es oftmals Kritik gibt, die Prozesse in den Verbänden seien zu langsam. Zugleich existieren Verbände schon sehr lange, sie sind stabil, blicken über den eigenen Tellerrand hinaus und haben immer noch hohen Zulauf. Dieses Erfolgsmodell würde ich also an sich nicht verändern. Doch ich glaube auch, dass man verstärkt mit agileren Bewegungen in unserer Gesellschaft zusammenarbeiten könnte. Wir machen das zum Beispiel schon mit "Fridays for Future", aber auch hier gäbe es sicher noch mehr Synergie-Effekte. Die stetige Bildungsarbeit in den Jugendverbänden zu verschiedenen Themen ist nicht zu ersetzen durch ein kurzfristiges Format. Doch von anderen Strukturen kann sich der BDKJ sicher abschauen, wie er manchmal schneller in der Meinungsfindung oder agiler in der Öffentlichkeitsarbeit wird.
Ich bin überzeugt, die Jugendverbände haben Veränderungen angestoßen, gerade in der Frage der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt, in Bezug auf die Fragen, die die Kirche sich aktuell stellen muss: Sexualmoral, Geschlechtergerechtigkeit, Macht- und Gewaltenteilung. Zahlreiche Bischöfe wissen das zu schätzen und sind für die Impulse aus ihren Diözesanvorständen dankbar.
Lisi Maier über das Gewicht der katholischen Jugendverbände in innerkirchlichen Debatten
Frage: Muss sich auch in der Jugendarbeit an der Basis etwas ändern?
Maier: Wie bereits gesagt: Jugendverbände sind Selbstorganisation der jungen Menschen, die in ihnen zusammenkommen, sie entscheiden selbst, welche Angebote sie machen wollen und wie sie den Verband gestalten. Insofern wird sich Jugendverbandsarbeit, Gott sei Dank, immer verändern und "up to date" bleiben. Wenn ich mir aber doch etwas wünschen dürfte: Es wird meines Erachtens immer wichtiger, dass man sich auf den verschiedenen Ebenen, insbesondere vor Ort, europäisch und international vernetzt und grenzüberschreitend voneinander lernt. Für katholische Jugendverbände, die in einer Weltkirche zu Hause sind, ist die internationale Jugendarbeit sehr wichtig.
Frage: Wie gewichtig ist die Stimme der Jugend und der Jugendverbände in der Kirche in Deutschland?
Maier: Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie schon sehr gewichtig ist, weil die Jugendverbände durchaus sicht- und hörbar sind – wie etwa jetzt auf dem Synodalen Weg. Aber wenn es darum geht, was sie durch- und umsetzen kann, sieht man leider nicht, dass die Jugend äußerst viel zu sagen hätte. Ich bin überzeugt, die Jugendverbände haben Veränderungen angestoßen, gerade in der Frage der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt, in Bezug auf die Fragen, die die Kirche sich aktuell stellen muss: Sexualmoral, Geschlechtergerechtigkeit, Macht- und Gewaltenteilung. Zahlreiche Bischöfe wissen das zu schätzen und sind für die Impulse aus ihren Diözesanvorständen dankbar. Für den Synodalen Weg haben wir nun die Erwartung, dass die notwendigen Veränderungen auch verbindlich festgelegt und danach umgesetzt werden. Meine Noch-Kolleginnen und -Kollegen werden sich mit aller Kraft dafür einsetzen.
Frage: Nach Ihrem Ausscheiden ist die Führungsriege des BDKJ erstmal "unterbesetzt", da für Sie auf der vergangenen Vollversammlung keine Nachfolgerin gewählt wurde. Wie schwer wiegt das in Ihren Augen?
Maier: Natürlich finde ich es schade, dass dieses Amt für einige Monate nicht besetzt sein wird. Bis zur nächsten Hauptversammlung im Winter werden weitere Kandidatinnen gesucht, und der bestehende Bundesvorstand übernimmt nach meinem Ausscheiden im August die Aufgaben, die nicht warten können. Einzelne Vakanzen im Bundesvorstand sind in meiner Zeit als Bundesvorsitzende in unterschiedlichen Konstellationen immer wieder und bei allen Ämtern vorgekommen – das war oft zwar anstrengend, aber durchaus machbar. Und so wird es auch dieses Mal sein, insbesondere weil wir die seit Juli 2020 vakante Stelle der ehrenamtlichen Vorsitzenden bei der letzten Hauptversammlung mit Daniela Hottenbacher wieder sehr stark besetzen konnten.