Sternberg: Kirchen sind zahlenmäßig "im Abstieg"
Aus Sicht des Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, ist angesichts von zahlreichen Kirchenaustritten der Rückzug der katholischen Kirche in "die kleine Herde" keine Option. "Wenn ich mir nur die Zahlen ansehe, sind evangelische und katholische Kirche im Abstieg", sagte Sternberg in einem Interview der evangelischen Monatszeitschrift "zeitzeichen" (Februar-Ausgabe). Das liege auch daran, dass es in Deutschland überhaupt so etwas wie eine angemeldete Kirchenmitgliedschaft gebe. Die Frage nach einer Kirche im Abstieg lasse sich aber nicht nur auf den Zustand der Institution reduzieren, sondern entscheide sich auch daran, wie die Kirche in Krisenzeiten Nähe schaffe, ihre Frömmigkeit lebe und wie sie dazu beitrage, in der Gesellschaft den Geist des Evangeliums umzusetzen.
Ein Rückzug widerspreche zutiefst der Offenheit des Christentums. "Wir müssen an die Ränder gehen", forderte Sternberg. Das Ziel von Reformen sei nicht "das Polieren der Institution, sondern die Rückgewinnung von Vertrauen, damit wir in Zeiten, wie jetzt glaubwürdig in Wort und Tat trösten können – in Problemen, Ängsten, Sorgen und Einsamkeit."
"Da findet sich eine große Unzufriedenheit nicht nur an den Rändern"
Grund für die derzeitige "sehr große Krise" der Kirche seien mehrere Entwicklungen, die im Moment zusammenträfen. Einer der Gründe sei die "zu Recht wahrzunehmende Empörung über das Missbrauchsgeschehen auch von Klerikern und deren Vertuschung über lange Jahre" sowie der Unmut über steckenbleibende Reformen und Reformprozesse. Wenn man wichtige Debatten wie die über Partizipation von Frauen in geistlichen Ämtern nicht führe, sondern versuche, sie zu unterdrücken, habe das verheerende Konsequenzen, so der ZdK-Präsident. Das habe "zu jenem Unmut und Ärger geführt, der jetzt zusammen mit der Empörung über den sexuellen Missbrauch durch Kleriker zu einer Melange geworden ist, die bis in unsere Kerngemeinde hineinreicht", sagte Sternberg. "Da findet sich eine große Unzufriedenheit nicht nur an den Rändern. Die wird nicht von außen herangetragen, sondern das berührt das Allerinnerste unserer Kirche."
Angesprochen auf ein mögliches Scheitern des Synodalen Wegs sagte Sternberg wörtlich: "Wissen Sie, wenn ich bei einem Prozess immer vom möglichen Scheitern her diskutiere, kriege ich gar nichts mehr zustande", so der ZdK-Präsident. "Ich muss zunächst einmal davon ausgehen, dass das Ganze gelingt. Sonst mache ich es nicht." Es gebe immer wieder massive Versuche, den Synodalen Weg zu diskreditieren. Der Vorwurf, eine Nationalkirche zu installieren, gehe jedoch "völlig an der Realität vorbei". Das zeige sich auch an Beobachtern aus den Nachbarländern. "Das, was in Deutschland diskutiert wird, ist nicht nur hier ein Thema."
"Die weit überwiegende Mehrheit des Synodalen Wegs will Reformen"
Die Gruppe derer, denen die Richtung des Synodalen Wegs nicht passe, sei sehr klein. "Die weit überwiegende Mehrheit des Synodalen Wegs will Reformen", so Sternberg. Bestimmte Punkte, wie etwa die Frauenordination, könnten allein in Deutschland nicht umgesetzt werden. Dennoch solle es nicht bei Appellen an den Papst bleiben. "Es gibt eine ganze Menge Dinge, die man auch lokal umsetzen kann; auch bei bestehendem Kirchenrecht", so Sternberg. Zudem würden Debatten und Voten den Druck schaffen, der Reformen erst möglich mache.
Auf die Frage, ob das Präsidium des ZdK zu sanft auf den Missbrauchsskandal im Erzbistum Köln reagiert habe, sagte Sternberg: "Wir werden im ZdK nicht die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs durch Geistliche selbst betreiben, aber wir beobachten die Bischofskonferenz kritisch dabei, werden verstärkt auf Betroffene hören und sie einladen und werden uns mit Missbrauch in unseren Organisationen befassen, denn das Thema betrifft ja nicht allein Kleriker." (cbr)