Theologin: Priesterweihe ist kein magischer Akt – Amt neu denken
Die Münchner Theologin Judith Müller plädiert dafür, das Priesteramt theologisch neu zu durchdenken und Laien stärker mit Leitungsaufgaben zu betrauen. In einem Beitrag für das Internetportal "feinschwarz.net" (Dienstag) kritisiert die Leiterin der kirchlichen Organisations- und Gemeindeberatung im Erzbistum München-Freising eine Fixierung auf das Priesteramt nach dem Motto: "So lange noch ein Priester gefunden werden kann, der rechtmäßig und ordnungsgemäß die Messe hält, gilt eine Pfarrei als versorgt."
Zum Priesteramt bemerkte sie, es gehe bei der Weihe und der Leitung von Gemeinden "nicht um die persönliche Vervollkommnung spirituell ambitionierter Individuen, sondern um die Bedürfnisse der Gemeinschaft der Glaubenden." Die Weihehandlung sei "keine Weitergabe okkulter Kräfte und magischer Vollmachten". Ein erneuertes Weiheverständnis könne auch zur Entlastung von Priestern beitragen, wenn diese dann wieder mehr Zeit für die Seelsorge hätten.
Die Geschichte des kirchlichen Amtes sei bereits voller guter Beispiele und Lösungen, so die Theologin weiter. "Die Theologie ist vorhanden, die Modelle gibt es. Es gibt die Charismen-Ordnung des Paulus, es gibt Berufung und Wahl durch die Gemeinde und die Praxis relativer Ordinationen in der Kirche der ersten Jahrhunderte."
"Wer Kleriker sät, wird Klerikalismus ernten"
Dieser Erfahrungsschatz der Kirche müsse auch bei den anstehenden Reformprozessen stärker beachtet werden. Als eine der Ursachen für Missbrauch in der Kirche werde Klerikalismus genannt. Dieser sei nicht zuerst eine Kulturfrage, sondern eine Umsetzung der kirchlichen Struktur. Wirksame Veränderungen seien nur durch Strukturentscheidungen zu erreichen, betonte Müller und erklärte: "Wer Kleriker sät, wird Klerikalismus ernten."
Theologie könne den kirchlichen Akteuren in den laufenden Veränderungsprozessen Ressourcen aus dem Erfahrungsschatz der Kirche zur Verfügung stellen. Wer die Theologiegeschichte kenne, erkenne auch die Gestaltungsmöglichkeiten für kirchliche Strukturen besser: "Die Kirche kann und darf – und sie muss deshalb auch – die Strukturen entwickeln, die der Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute dienlich sind."
Im Erzbistum München und Freising gibt es bereits Modelle, in denen Laien an der Gemeindeleitung beteiligt sind. Seit 2018 läuft zudem ein zunächst auf drei Jahre angelegtes Pilotprojekt mit Gemeinden ohne Pfarrer als Leitungsverantwortlichen. Stattdessen teilt sich ein Team aus haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern die Leitung. (KNA)