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Warum Torsten Rolfes aus seinem Orden austrat

Vom Ordensmann zum Hotelier

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Ein Ordensmannmit einer Rose in der Hand
Bonn - Nach einer katholischen Bilderbuch-Sozialisation war Torsten Rolfes in einen Orden eingetreten. Doch irgendwann begannen die Zweifel: Soll ich bleiben oder gehen? Schließlich siegte der Wunsch nach einer Partnerschaft. Heute lebt Rolfes glücklich mit einem Lebenspartner zusammen. Die Verbindung zu Gott ist nie abgerissen.

Hätte vor vier Jahren, an diesem entscheidenden Tag im Frühjahr 2015, jemand Torsten Rolfes erzählt, dass er heute Mitinhaber eines Hotels sein und in einer glücklichen Beziehung mit einem Lebenspartner leben würde, dann hätte Rolfes ihn womöglich für verrückt erklärt. Damals war mit Anfang 30 gerade Rolfes'  Lebenstraum geplatzt: Nach einem langen Entscheidungsprozess war der junge Mann aus dem Karmeliter-Orden ausgetreten – kurz vor der Ewigen Profess. Von einem Moment auf den nächsten war alles ungewiss - die berufliche und private Zukunft, wie er ab sofort seinen Lebensunterhalt bestreiten sollte. Und trotzdem, so sagt Rolfes heute, war es der richtige Schritt: "Ich habe den Austritt an keinem Tag bereut."

Eine katholische Bilderbuchkarriere

Dabei hatte bei dem jungen Mann eigentlich alles auf ein geweihtes Leben hingedeutet. Geboren 1983 im Städtchen Garrel im niedersächsischen Landkreis Cloppenburg, durchlief Torsten Rolfes sozusagen eine katholische Bilderburchkarriere. Als Jugendlicher wuchs er in die lebendige Jugendarbeit seiner Heimatpfarrei hinein, wurde selbst zum Jugendleiter. Vor allem einem "tollen Heimatpfarrer und Heimatkaplan" habe er diese Sozialisation zu verdanken, sagt er aus der Rückschau. Irgendwann kam dann der Wunsch auf, später selbst einmal Priester zu werden. Aber zuerst wollte Rolfes, der gerade seinen Realschulabschluss gemacht hatte, einen "bodenständigen" Beruf erlernen. Er machte eine Lehre zum Außenhandelskaufmann. Doch die Anziehung zur Kirche blieb: Nach der Ausbildung holte Rolfes das Abitur nach - am Theresianum in Bamberg, dem Spätberufenen-Kolleg der Karmeliten. Immer stärker wuchs in ihm der Wunsch, in diesen Orden einzutreten.

Torsten Rolfes im Ordensgewand
Torsten Rolfes - damals noch Frater Torsten Rolfes O.carm. - als Karlmeliter in seinem Ordensgewand.

2009 war es dann soweit: Rolfes schloss sich dem Karmeliterorden an und trat in dessen Mainzer Kloster ein. Gut fünf Jahre sollte er dem kontemplativen Bettel-Orden von da an angehören. "Es war der Gedanke des Aufgehoben-Seins in einer Gemeinschaft, die das Leben miteinander teilt; die Mischung aus geistlicher Einkehr und dem Arbeiten in der Welt, die mich angezogen hat", erinnert er sich. Nach einem Auslandsaufenthalt zum Noviziat in England begann Rolfes sein Theologie-Studium an der Mainzer Universität und legte 2011 die zeitlichen Gelübde ab: Er versprach, in Armut, Gehorsam, Enthaltsamkeit und Klausur zu leben. Aus Torsten Rolfes wurde Frater Torsten Rolfes O.carm.

Doch dann begannen die Zweifel. Je besser er das Ordensleben kennengelernt habe, desto mehr habe er sich gefragt, was genau künftig sein Platz dort sein werde, sagt Rolfes: "Wenn eine Gemeinschaft älter und kleiner wird, dann gibt es nicht so viele Perspektiven, sich zu entwickeln. Es gibt wenige Ressourcen: Wenn Mitglieder sterben, müssen die anderen deren Aufgaben zusätzlich übernehmen." Eigene Schwerpunkte zu setzen – beispielsweise einmal neue Gottesdienstformen auszuprobieren – sei dann nur in sehr begrenztem Rahmen möglich.

"Freijahr" in Freiburg

2013 dann ging Rolfes zu einem "akademischen Freijahr" nach Freiburg. Dieses Jahr ist eine Besonderheit des Theologiestudiums und bietet den Lernenden die Möglichkeit, Zeit an einer anderen Universität zu verbringen. Im Breisgau lebt Rolfes nicht mehr in der engen Ordensstruktur, sondern schnuppert die Freiheit des Studentenlebens. Sein Zuhause ist keine Klosterzelle, sondern eine Studentenbude. Rolfes besucht nicht nur Theologie-Vorlesungen, sondern arbeitet auch jeden Samstag in einem Modehaus an der Kasse, damit das Geld für den Lebensunterhalt reicht. Das Freijahr ließ in Rolfes dann grundlegende Themen aufkommen. "Bin ich bereit, mich für mein ganzes Leben an die Gelübde zu binden?" Vor allem diese Frage war es, die immer weiter an ihm nagte. Der Gedanke an eine Partnerschaft, an eine Liebe zu einem Menschen aus Fleisch und Blut statt nur zu einem unsichtbaren Gott, der Wunsch nach Geborgenheit ließen ihn nicht mehr los. Als Rolfes nach Mainz zurückkehrte, wurde die innere Unruhe größer und größer.

Die Entscheidung fiel dann schließlich an jenem Tag im Frühjahr 2015. Da war Rolfes gerade zu Exerzitien im Kloster Marienrode bei Hildesheim. Er erinnert sich noch genau an den Moment, als sich nach einem besonders intensiven Gespräch mit seiner geistlichen Begleitung schlicht das Gefühl einstellte: Jetzt habe ich habe mich entschieden. "Es war ein wunderschöner sonniger Vormittag, ich habe dann einen Spaziergang gemacht und war einfach nur befreit." Geweint habe er, weil ein Berg an Anspannung von ihm abfiel. "Ich wusste: Ich gebe ein Lebensmodell auf, das ich gern gelebt hätte. Aber die Sehnsucht nach einer zwischenmenschlichen Beziehung war einfach zu stark. Das konnte und wollte ich in meinem Leben einfach nicht von vornherein ausschließen." Rund ein Jahr später fand der abstrakte Wunsch dann eine konkrete Erfüllung: Im Frühjahr 2016 lernte Rolfes seinen heutigen Partner kennen.

Torsten Rolfes in Mainz.
Ein aktuelles Bild von Torsten Rolfes in Mainz, im Hintergrund der Dom.

Da hatte Rolfes schon einige Schritte auf seinem neuen Lebensweg getan. Zuallererst musste Rolfes die Entscheidung seiner Familie und vor allem seinen  Mitbrüdern mitteilen: "Unter ihnen herrschte erstmal eine Schockstarre. Wieder trat ein junger Mitbruder aus", beschreibt Rolfes die Situation damals. "Und ich wiederum hatte das Gefühl, dass ich Menschen, die mir ans Herz gewachsen waren, allein lasse". Dennoch reagierte der Orden nicht verbittert: Rolfes könne noch solange im Kloster wohnen bleiben, bis er eine neue Bleibe gefunden habe, entschied die Gemeinschaft. Doch der inzwischen 32-Jährige hatte Glück und fand innerhalb von kürzester Zeit — quasi über Nacht — eine kleine Wohnung in der Mainzer Altstadt. Die Euphorie über seine Entscheidung habe damals eine unglaubliche Energie in ihm freigesetzt, erinnert er sich. Einen ganzen Berg Wohnungsanzeigen durchzuschauen, war da kein Problem. Den Vermietern habe er seine Situation offen geschildert und gerade durch seine Ehrlichkeit überzeugt. Finanziell hatte er am Anfang Unterstützung von seinen Eltern. Doch schnell wollte Rolfes selbst anfangen zu arbeiten, um sich das Theologiestudium zu finanzieren, das er trotz seines Ordensaustritts weitermachen wollte. Für den Job hatte Rolfes nach den Erfahrungen in Freiburg zunächst wieder mit der Mode geliebäugelt. Doch dann fiel ihm der Aushang eines traditionsreichen Mainzer Weinhauses ins Auge. Rolfes begann einen Job als Kellner — seine Anfänge in der Gastronomie.

2017 schloss er das Studium dann mit dem Diplom ab. Da war aus dem Aushilfsjob im Weinhaus dann schon mehr geworden. "Mir war einfach klar, dass ich – wenn ich meine Homosexualität offen leben wollte – keine Arbeit im kirchlichen Dienst bekommen würde". Eine weitere berufliche Umorientierung war nötig. Rolfes baute seinen Arbeitsplatz in der Gastronomie immer weiter aus, stellte sich offensichtlich gut an, durfte Aufgaben in der Verwaltung des zum Weinhaus gehörenden Hotels übernehmen, wurde zum Betriebsleiter. Vor ein paar Monaten kam schließlich das Angebot, in den Betrieb mit einzusteigen. Rolfes zögerte nicht. "Seit meinem Ordensaustritt hat sich alles so wunderbar gefügt. Es kommt mir fast so vor, als wollte Gott mir im Nachhinein noch einmal bestätigen, dass meine Entscheidung richtig war", sagt er.

Weiter Kontakte zur Kirche

Kontakte zur katholischen Kirche pflegt Rolfes weiterhin – wenn auch auf eine ganz andere Art als früher. Da das Weinhaus  ganz nahe am Dom liegt, sind häufiger auch mal Gäste aus dem kirchlichen Umfeld zu Gast. Auch zu einigen seiner ehemaligen Mitbrüder hat Rolfes noch losen Kontakt. Er betet allerdings deutlich weniger als früher im Kloster: "Da gab es nach dem Austritt aus dem Kloster schon einen radikalen Wandel. Die innerliche Verbindung zu Gott ist aber nie abgebrochen", sagt Rolfes. Ab und zu besucht er noch einen Gottesdienst.

Größeren Gegenwind, Anklagen wegen der Entscheidung hat er in den vergangenen Jahren nicht erlebt. Im Gegenteil: Die Unterstützung von Eltern und Freunden und auch die geistliche Begleitung durch den Pfarrer zu Hause in Garrel hätten ihn getragen, sagt er: "Auch der Orden wollte am Ende vor allem eines: Dass ich meinen Weg finde." Doch natürlich weiß Rolfes, dass so ein Trennungsprozess nicht immer so reibungslos verläuft – weder von Seiten des Ordens noch desjenigen, der geht: "Wer nicht schon frühzeitig von seinen Zweifeln erzählt und dann von heute auf morgen ganz plötzlich weg ist, wer eine Partnerschaft verschweigt, der hinterlässt verbrannte Erde". Meistens aber unterstützten die Orden ihre ehemaligen Mitglieder bei ihrem Übergang in ein anderes Leben, sei es emotional oder finanziell – sagt er und entschuldigt sich. Das Hotel ruft.

Linktipp: "Ein Ordensaustritt ist wie eine Scheidung"

Ordensleute, die ihre Gemeinschaft verlassen, müssen privat wie beruflich noch einmal ganz von vorn anfangen. Auch finanzielle Fragen stellen sich. Schwester Katharina Kluitmann ist die Vorsitzende der Deutschen Ordensobernkonferenz. Sie erklärt, wie der Trennungsprozess abläuft und warum viel mehr Männer als Frauen gehen.

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