"An keiner Stelle verurteilt die Bibel Homosexualität!"
Die Kasseler Bibelwissenschaftlerin Ilse Müllner zur Causa Wucherpfennig

"An keiner Stelle verurteilt die Bibel Homosexualität!"

Der Streitfall um den Frankfurter Neutestamentler Ansgar Wucherpfennig zeigt, wie konfliktreich der kirchliche Umgang mit Homosexualität ist. Dabei verurteilt die Bibel gleichgeschlechtliche Liebe an keiner Stelle, sagt Ilse Müllner im katholisch.de-Interview. Die Theologin erklärt, warum einige Bibelstellen für heutige Ohren missverständlich klingen.

Von Madeleine Spendier |  Bonn - 16.10.2018

Der Neutestamentler Ansgar Wucherpfennig hatte sich vor zwei Jahren zur Bewertung von Homosexualität in der Bibel geäußert. Nun verweigert ihm die vatikanische Bildungskongregation das "Nihil obstat" für das Amt als Rektor der Hochschule Sankt Georgen. Doch der Jesuit hat differenziert und nachvollziehbar argumentiert, findet die Bibelwissenschaftlerin Ilse Müllner.

Frage: Frau Müllner, der Jesuit Ansgar Wucherpfennig hat die biblische Verurteilung der Homosexualität als "missverständlich formulierte Stellen" bezeichnet – und wurde dafür vom Vatikan gemaßregelt. Wie sehen Sie das? Lässt sich aus der Bibel eine Abwertung von Homosexualität herauslesen?

Müllner: Nein, aus der Bibel lässt sich überhaupt nicht ableiten, wie man sich heute als Christ oder als Christin mit Blick auf das Thema Homosexualität positionieren muss. Erstens, weil die Bibel nichts über Homosexualität, wie wir sie heute verstehen, aussagt. Und zweitens, weil die sexuellen Akte, die darin beschrieben werden, immer in ihrem jeweiligen kulturellen und sozio-historischen Kontext betrachtet werden müssen. Die Vorstellungen von einer homosexuellen Partnerschaft gab es damals noch nicht. Davon spricht man erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts.

Frage: Gerne werden Levitikus 18,22 und Römer 1,26-27 für eine negative Bewertung von Homosexualität herangezogen.

Müllner: Man kann diese Stellen nicht gegen Homosexualität, wie sie heute verstanden wird, heranziehen, denn es geht darin nicht um eine auf Dauer angelegte Liebesbeziehung von Menschen gleichen Geschlechts. Das muss man wissen, bevor man solche Zitate zur Argumentation heranzieht. Bei Levitikus wird abgelehnt, wenn ein Mann bei einem Mann wie bei einer Frau liegt. Damit wird Analverkehr zwischen Männern beschrieben. Doch es geht hier nicht um eine homosexuelle Beziehung. Es geht um einen Geschlechtsakt, der verurteilt wird, weil er nicht als gemeinschaftsförderlich angesehen wird. Das wird aus dem Kontext deutlich, wo unter anderem auch der Geschlechtsverkehr mit einer menstruierenden, also zu diesem Zeitpunkt nicht fruchtbaren Frau, abgelehnt wird. Aus der erzählenden Literatur wird oft auf Genesis 19 verwiesen. Hier sollen Gäste, die in die Stadt Sodom, daher der Begriff Sodomie, kommen, durch Sexualverkehr gedemütigt werden. Es geht wieder nicht um homosexuelle Beziehungen. Stattdessen sollen Männer durch eine Gruppe anderer Männer vergewaltigt werden. Es geht also um fremdenfeindliche Gewalt. Bei dieser Bibelstelle wird der Zusammenhang von Sexualität und Macht deutlich. Mit diesem Zusammenhang müssen wir uns ja gerade auch im Hinblick auf den Missbrauchsskandal auseinandersetzen.

Frage: Es geht also eher um Macht als um gleichgeschlechtliche Liebe?

Müllner: Ja, in der Antike ist ein sexueller Akt zwischen Männern durch ein Machtverhältnis definiert. Es geht nicht um eine Partnerschaft auf Augenhöhe, sondern darum, auszusagen, wer mächtig und reich ist und wer den anderen sexuell wie einen Sklaven beherrscht. Es wird hier vom erwachsenen Mann und dem Knaben gesprochen, vom Überlegenen und dem Unterlegenen. Sexualität kann auch zur Kriegswaffe werden, auch etwas, was wir bis in die heutige Zeit hinein kennen. Gegen diese antike Praxis einer machtförmigen Sexualität zwischen Männern hat sich Paulus in seinem Brief an die Römer gewandt. Daher verurteilt er den Geschlechtsverkehr von Männern mit Männern als "gegen die Natur". Was man aus der Beschäftigung mit biblischen Texten lernen kann, ist, dass es nicht um die Beurteilung einzelner sexueller Akte geht, sondern dass Sexualität immer in Beziehung und im Kontext von Gemeinschaften gelebt wird, also soziale Funktionen hat.

Ilse Müllner lehrt als Professorin für Biblische Theologie am Institut für Katholische Theologie an der Universität Kassel.

Frage: Warum berufen sich Bischöfe wie etwa Vitus Huonder aus der Schweiz dann vehement im negativen Sinne auf solche biblischen Aussagen?

Müllner: Genau das ist das Problem: dass Zitate scheinbar wortwörtlich gelesen und ohne jeden Kontext benutzt werden. Ich finde es alarmierend, wenn einzelne biblische Sätze aus einem komplexen System herausgerissen und in der Sexualethik angewandt werden. Warum findet das nicht auch gleichermaßen in der Wirtschaftsethik statt? Es gibt klare Aussagen zum Schuldenerlass in der Bibel bei Dtn 15. Warum sagt da niemand: Das müssen wir wortwörtlich nehmen und den Menschen nach sieben Jahren die Schulden erlassen? Es gibt auch ein Zinsverbot in der Bibel bei Lev 25 oder bei Dtn 23, das übrigens auch kirchlich immer wieder praktiziert wurde. Biblische Worte und Texte werden gerne als verpflichtend angesehen, wenn sie das bestätigen, was man selbst für gut hält. Tun sie das nicht, werden sie als Zeugnisse einer vergangenen Lebenswelt abgebucht. Die Aufgabe einer christlichen Kirche und ihrer Theologie ist immer, ins Gespräch mit den Texten der Bibel zu gehen und das in Sensibilität für die jeweils gegenwärtige gesellschaftliche Situation zu tun. Die Bibel ist ein Kanon aus unterschiedlichen Schriften, in denen es Spannungen und Widersprüche gibt. Diese Vielfalt ist gewollt und spiegelt die Vielfalt der Menschen auch unserer Zeit.

Frage: Gibt es Bespiele für eine homosexuelle Beziehung in der Bibel?

Müllner: Gerne werden dafür die Freundschaft von Jonathan und David herangezogen oder das Verhältnis von Rut zu ihrer Schwiegermutter Noomi. Ob die Beziehung von David und Jonatan sexuelle Aspekte hat, ist in der Erzählung offen, jedenfalls wird von Liebe gesprochen. Ebenso wie bei Rut und Noomi ist aber deutlich, dass die Lebensbeziehungen von großer Tiefe und Verbindlichkeit sind. Interessant ist, dass Zitate aus der Rut-Erzählung gerne in der Hochzeitsliturgie verwendet werden: "Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott." Das verspricht eine Frau einer anderen, das sagt die Schwiegertochter zu ihrer Schwiegermutter, die wenigsten wissen um diesen Zusammenhang.

Frage: Warum ist es dann ausgerechnet die Homosexualität, die die Kirche als nicht gottgewollt verurteilt?

Müllner: Es ist nicht die Kirche, die das verurteilt. Es sind bestimmte kirchliche Kreise, die das machtvoll und eindrücklich tun. Ich finde es unangemessen, solche Urteile im Namen Gottes zu fällen. Eine Auswirkung davon sehen wir dann ja aktuell im Umgang mit Ansgar Wucherpfenning. Es hinterlässt einen desaströsen Eindruck, wenn er, der nicht nur an der Hochschule lehrt, sondern auch Homosexuellenseelsorger ist, aufgrund seiner Aussagen zur Homosexualität als Rektor nicht mehr im Amt bestätigt wird. Dabei hat er, auch als Bibelwissenschaftler, sehr differenziert argumentiert und für mich völlig nachvollziehbare Aussagen getroffen.

Jesuit Ansgar Wucherpfennig

Ansgar Wucherpfennig ist Jesuit und Rektor der Theologisch-Philosophischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main. Die vatikanische Bildungskongregation verweigert ihm bislang das "Nihil obstat" für seinen Posten als Leiter der Hochschule.

Frage: Wie bewerten Sie diesen Fall?

Müllner: Ich finde es mutig von ihm, seine Position so klar zu vertreten. Und es ist beeindruckend zu sehen, was er für einen tollen Orden und Provinzial hinter sich hat, der genauso zu ihm steht wie sein Bischof. Das ist nicht immer selbstverständlich. Mir imponiert das Wort von Papst Franziskus noch immer sehr: "Wer bin ich, andere zu verurteilen". Das ist ein Satz, der ja auch zum Titel eines theologischen Buchs zum Thema Homosexualität, herausgegeben vom katholischen Theologen Stephan Goertz, geworden ist. Vielleicht hilft die existentielle Dringlichkeit der Fragestellungen, dass wir als Theologen und Theologinnen endlich die Angst ablegen, in dieser Kirche offen über Hetero- und Homosexualität zu sprechen, nicht immer fixiert auf Verbote. Nur so kommen wir zu einer reifen Sexualität, in der Machtgefälle nicht sexuell missbraucht werden. Das Thema des sexuellen Missbrauchs muss auch als Anfrage an kirchliche Systeme analysiert werden: Was haben die kirchlichen Machtstrukturen und was haben bestimmte Formen der Sexualmoral mit der Ermöglichung und der Vertuschung von sexuellen Gewalthandlungen zu tun? Das sind schwierige und auch schmerzliche Fragen, von denen auch die Theologie immer wieder wach gerüttelt werden muss.

Frage: Was passiert, wenn man verurteilt?

Müllner: Wir müssen Abschied nehmen davon, einzelne sexuelle Akte zu be- und verurteilen. Sexualität muss in ihrer Beziehungsqualität ernst genommen werden, dann wird sie das Leben fördern. Daher finde ich auch, dass wir in der Frage nach der Segnung von homosexuellen Paaren weiter kommen müssen. Wie können wir den Segen Gottes Menschen, die diesen Segen für ihre Beziehung suchen, verweigern?

Frage: Und wenn Sie mit Ihren Aussagen in manchen kirchlichen Kreisen anecken …

Müllner: Ich versuche nur deutlich zu machen, dass man biblische Texte in ihrem Kontext verstehen muss und dass der antike Kontext ein anderer ist als der heutige. So müssen wir die Bibel lesen und nicht anders. Das Dokument der Päpstlichen Bibelkommission zur Interpretation der Bibel in der Kirche aus dem Jahr 1993 würdigt die Bandbreite exegetischer Auslegungsansätze im Einzelnen und distanziert sich nur von einer einzigen Art der Auslegung: dem Fundamentalismus, weil er die Geschichtlichkeit der Offenbarung nicht wahrnehmen kann. Einzelne Sätze aus ihrem Zusammenhang zu reißen und als unmittelbare Handlungsanweisung zu benutzen, geht einfach gar nicht. Außerdem ist das, was ich in dem Interview gesagt habe, schon mehrfach von anderen Personen genauso vertreten worden und damit nichts bahnbrechend Neues.

Zur Person

Ilse Müllner wurde 1966 in Wien geboren. Nach dem Theologiestudium in Wien und der Promotion in Münster über "Gewalt im Hause Davids“ lehrte sie in Münster und Essen. Seit 2004 ist sie Professorin für Biblische Theologie am Institut für Katholische Theologie der Universität Kassel. Ilse Müllner ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Von Madeleine Spendier