Was Maria Magdalena sah
Ein Metallzaun mit Stacheldraht, Überwachungskameras und Scheinwerfern. In der Mitte schlichte Holzklötze, die als Tisch, aber auch als Bett oder Grabkammer dienen: In einem kargen Gefangenenlager spielt das Passions-Oratorium "The Gospel According to the Other Mary" im Theater Bonn, das am Sonntag Premiere feiert. Das Opern-Oratorium des amerikanischen Komponisten John Adams wurde inszeniert von Regisseur Peter Sellars. Entstanden ist ein vielschichtiges, beklemmend aktuelles Werk über gleich zwei Auferstehungen.
Die Erzählung folgt Maria Magdalena und Martha, die eine kontemplativ, die andere tatkräftig. Sie eröffnen ein Frauenhaus und nehmen Jesus als Gast auf. Doch als ihr Bruder Lazarus erkrankt, kommt Jesus nicht, um ihn zu heilen. Erst, als Lazarus schon begraben ist, kehrt Jesus zurück und erweckt ihn von den Toten. Dann wird Jesus selbst gefangengenommen und gekreuzigt. Maria ist schließlich Zeugin seiner Auferstehung.
Für sein Libretto hat Peter Sellars Ausschnitte aus den Evangelien mit Texten von zeitgenössischen Autoren verbunden. Seine Inszenierung reflektiere die Struktur und Strategie der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach, meint der amerikanische Theaterregisseur. "Bach nahm eine Passage von der Bibel und lies darauf ein zeitgenössisches Gedicht folgen." Auch Sellars collagiert, lässt auf Psalmen und Passagen der Evangelisten moderne Texte und Gedichte folgen, zum Beispiel Biografie-Ausschnitte der katholischen Arbeiteraktivistin Dorothy Day oder der mexikanischen Schriftstellerin Rosario Castellanos.
Karfreitag ist es nicht zu Ende
Auf diese Weise entsteht ein Stück, das Vergangenheit und Gegenwart verbindet – und so auch einen sozialkritischen Ton anschlägt. "Mir ist es in dieser materiellen Zeit sehr wichtig, dass es nicht nur um Dinge und Geld geht", meint Sellars. Da gäbe es viel Wichtigeres: "Gott liebt die Menschen mit gebrochenem Herzen. Die, die am Tiefpunkt ihres Lebens sind, sind Gott am nächsten." Das Stück solle einen an diese Orte bringen.
Ein wichtiger Unterschied zum Vorbild Bach ist jedoch das Ende, betont der Regisseur. "Bach hat sein Stück an Karfreitag enden lassen, als Jesus begraben war und jeder weinte." Für Sellars sei das unmöglich gewesen: "Die tägliche Nachrichtenlage ist so schlecht, es gibt so viel Wut und Ungerechtigkeit auf der Welt." Also habe er die Auferstehung von Lazarus an den Anfang und Jesus' Auferstehung ans Ende gesetzt. "So entsteht die Struktur von zwei Auferstehungen mit der Passionsgeschichte in der Mitte."
Ebenfalls keineswegs klassisch ist die Rollenbesetzung. Manche Figuren, wie etwa Lazarus, werden in einigen Szenen sowohl von einem Sänger und einem Tänzer verkörpert. "Wörter allein können diese starken Emotionen nicht ausdrücken. Deswegen ist der Tanz dabei so wichtig", begründet Sellars seine Idee. Und statt Rezitativ singen gleich drei Countertenöre die Texte der Evangelisten. Wann immer von der Handlung gefordert, mimen sie auch andere Figuren, darunter auch Jesus. Das lässt ihn passiv erscheinen und verschiebt so den erzählerischen Fokus auf seine Anhängerin Maria Magdalena.
Um welche Maria Magdalena es eigentlich gehe? Es gebe so viele Marias in der Bibel, erklärte Sellars in einer Präsentation. "Lass es uns so sagen, es ist die andere Maria". Denn logischerweise sei es nicht die eine, die Mutter von Jesus. Sellars Maria Magdalena, in Bonn gesungen von Christin-Marie Hill, ist eine starke, aber auch gebrochene Gestalt. Ihre Liebe zu Jesus, ihre Hoffnung, aber auch ihre Verzweiflung und ihre Trauer – ihr legt der Librettist Textpassagen der modernen Autoren so in den Mund, dass sie die ganze Tiefe der menschlichen Gefühle auslotet. "Die Bibel ist da ziemlich eindeutig", meint Sellars. Denn ob bei der Kreuzigung oder der Auferstehung – es seien tatsächlich die Frauen, die im entscheidenden Moment dabei sind. "Sie sind diejenigen, die die Geschichte weitergeben. Also ist es ihre Geschichte."
"The Gospel according to the Other Mary" wurde im Mai 2012 als Konzert in der Walt-Disney-Hall in Los Angeles uraufgeführt. Zehn Monate später inszenierte Sellars es in einer halbszenischen Version, die auch auf Welttournee ging. 2015 machte er sich mit der Londoner English National Opera an eine szenische Aufführung, die er nun für Bonn anpasste. "Das Stück ist nun schon fünf Jahre am Leben", meint Stellars. "Es ist wie ein kleines Kind. Es erzählt dir nach und nach, wer es ist."
Premiere hat die deutsche szenische Erstaufführung von "The Gospel According to the Other Mary" am Theater Bonn am 26. März. Danach gibt es insgesamt sechs Vorstellungen. Weitere Informationen, etwa zur Besetzung und zu Eintrittskarten, finden Sie auf der Internetseite des Theaters.