Provokant, einflussreich, todesmutig
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Bibel-Magazin beleuchtet die Vielfalt unter den ersten Christinnen

Provokant, einflussreich, todesmutig

Beim Blick auf Texte über die ersten Christen wird auch der Anteil der Frauen an der Geschichte sichtbar. Im Neuen Testament und danach spielen viele Frauen eine große Rolle – etwa als Jüngerinnen, Diakoninnen, im Martyrium und als mächtige Witwen.

Von Agathe Lukassek |  Bonn - 20.11.2015

In den Texten tauchen sie teilweise auch mit biografischen Angaben und weiteren Details auf: Es handelt sich um Jüngerinnen, die von Jesus fasziniert waren (etwa Maria von Magdala sowie die Schwestern Marta und Maria), angesehene Diakoninnen wie die von Paulus erwähnte Phöbe (1 Röm 16,1), verehrte und verfolgte Prophetinnen, todesmutige Märtyrerinnen, einflussreiche Witwen. Einen Einblick in ihre Lebenswelt und einen Überblick über den Forschungsstand bietet nun die Zeitschrift "Welt und Umwelt der Bibel" (WUB) mit ihrem aktuellen Themenheft "Wer waren die ersten Christinnen?".

Zunächst wird ein Blick auf die allerersten Zeuginnen geworfen: Die Frauen rund um Jesus, die in den Evangelien genannt werden. Das Fazit des Paderborner Exegeten Martin Leutzsch lautet: Jesus hatte Jüngerinnen, deren Namen aber meist nur in einem Evangelium begegnen. Evangelienübergreifend werden namentlich nur zwei genannt, die "Maria des Jakobus" und natürlich Maria von Magdala, die als erste dem auferstandenen Jesus begegnet. Schon in den Evangelien wird eine Vielfalt sichtbar, wenn gezeigt wird, welch unterschiedliche Rollen die Frauen wahrnahmen: Etwa beim Besuch Jesu bei den beiden Schwestern bewirtet Martha den Gast, während sich Maria in die Rolle der Studentin begibt (Lk 10,38-42). Die evangelische Bibelwissenschaftlerin Ute E. Eisen weist auf das Markusevangelium hin, in dem Jesus vor allem das Dienen fordert. Dort werde das Dienen der Frauen, die ihm nachfolgen, auffällig hervorgehoben.

"Zwölferzahl war keine Schulklasse Jesu"

War Jesus in seinem Umgang mit Frauen nun besonders herausragend oder patriarchatskritisch? Die Gießener Professorin Eisen möchte eine "umstrittene moderne Kategorie" wie die Patriarchatskritik nicht auf Texte der Antike beziehen. Jesu Verkündigung galt Männern wie Frauen, auch sei nicht erkennbar, dass Jesus einen Unterschied zwischen den Geschlechtern gemacht habe. "Besonders wirkmächtig zu Ungunsten der Frauen war die Reduktion des Apostelverständnisses auf zwölf Männer, womit Apostelinnen in der Wirkgeschichte aus dem Blickfeld gerieten," bedauert die Protestantin. Auch weitere Autoren verweisen im Heft darauf, dass die Zwölferzahl, die auf Stämme Israels verweisen, von denen schon damals zehn untergegangen waren, eine "kollektive Hoffnungszahl" und nicht eine "Schulklasse" Jesu war.

Maria Magdalena war die herausragendste unter den Jüngerinnen Jesu: Sie war bei seinem Tod am Kreuz dabei und war die erste Zeugin seiner Auferstehung. Als Maria von Magdala wird sie in allen vier Evangelien erwähnt.

Zu dem Schluss, dass Jesus mit seiner programmatischen und praktischen Wertschätzung von Frauen nicht revolutionär war, kommt Martin Leutzsch: "Jesu Stellung zu Frauen war eine Variante möglicher jüdischer Standpunkte, keine Position jenseits des Judentums." Ute Eisen verweist auf eine prägende gesellschaftliche Realität in der Antike: die Armut. Auch wenn die damalige Gesellschaftstheorie von einer Unterlegenheit von Frauen bestimmt gewesen sei, mussten doch beide Geschlechter arbeiten, um das Lebensnotwendige zu erwirtschaften. Als Beispiel verweist Eisen auf die in der Apostelgeschichte genannten Frauen Lydia (Purpurhändlerin) und Priska (Zeltmacherin).

"Die Frau schweige in der Gemeinde" (1 Kor 14,34) ist ein Satz des Apostels Paulus, der der Einbettung bedarf. Das Zitat wird zwar gerne genutzt, um den Ausschluss von Frauen von Ämtern in der Kirche zu begründen, weggelassen wird laut Torsten Jantsch aber die Information, dass Paulus sich in demselben Brief selbst widerspricht: Noch in 1 Kor 11 geht es darum, wie Frauen sich verhalten sollen, wenn sie beten oder prophetisch reden. Mit "prophetisch reden" sei die Weitergabe von Einsichten und Erkenntnis gemeint, also verkündigten und beteten Frauen genauso wie Männer öffentlich, schreibt der evangelische Neutestamentler.

Einflussreiche Frauen, heute komplett unbekannt

Er verweist auf "eine für die antike Welt bemerkenswerte Äußerung" des Paulus: "Es gibt nicht mehr … Mann und Frau; denn ihr alle seid 'einer' in Christus Jesus" (Gal 3,28). In der antiken philosophischen Tradition seien hingegen Frauen, Kinder und Sklaven gegenüber den Männern geringer geschätzt worden. Die erste Generation von Christen schloss aus der prinzipiellen Gleichheit, dass sich auch Frauen an der Mission beteiligen konnten. Antike Vorstellungen zu Sitte und Anstand blieben aber in Kraft. So erklärt sich Jantsch die Vorschriften von Paulus, wie Frauen ihr Haar tragen sollten oder dass sie ihre Männer zu Hause nach dem Glauben befragen sollten und nicht in der Gemeinde.

Auch aus der nachbiblischen Zeit gibt es Quellen über mehr oder weniger einflussreiche Frauen, die heute aber meist komplett unbekannt sind: Wem ist die verwitwete Lehrerin Publia ein Begriff, die Kaiser Julian Apostata provozierte, als sie in seiner Anwesenheit Psalmverse über den Götzendienst sang? Oder die Kriegsgefangene Nino, immerhin "Apostel und Evangelist Georgiens", oder die aus dem Westen stammende Jerusalem-Pilgerin Egeria (beide 4. Jh.)?

Mehr Informationen zum Heft

Die illustrierte Zeitschrift "Welt und Umwelt der Bibel" (WUB) wird vierteljährlich beim Katholischen Bibelwerk in Stuttgart herausgegeben. Es handelt sich um die deutsche Ausgabe der französischen "La Monde de la Bible". Themen sind die Kultur, Religion und Geschichte der biblischen Länder. Das Heft erhebt den Anspruch, den neuesten Forschungsstand darzustellen und Hintergründe und Zusammenhänge zu erschließen. In den Beiträgen zum Themenheft "Die ersten Christinnen" vertreten ein Dutzend Autoren unterschiedliche Perspektiven und Forschungsmeinungen.

Ende des 4. Jahrhunderts hätte der spätere Kirchenvater Hieronymus kaum Karriere machen können, wenn Paula, Lea und Marcella nicht gewesen wären: Die vermögenden Witwen erkoren ihn zu ihrem Lehrer und verschafften ihm damit Zugang zu den höheren Gesellschaftsschichten Roms, schreibt die Bochumerin Kirchengeschichtlerin Katharina Greschat. Durch hunderte solcher Kurziografien kann man auf der Frauenliste der Katholischen Uni Eichstätt stöbern.

Für die aktuellen Debatten über Geschlechterrollen ist vielleicht auch eine Vision der heiligen Perpetua (181-203) interessant, einer der ersten Märtyrer, deren Geschichte zuverlässig überliefert ist: Die Gefangene sah darin ihren bevorstehenden Kampf mit einem Gladiatoren. In der Vision wurde sie zum Mann und konnte den Gegner besiegen. So, wie Perpetua sich als Märtyrerin und zur himmlischen Hausgemeinschaft gehörig sah, konnte sie auch die Grenzen ihres Frauseins überwinden. Wenige Tage später starb sie in der Arena, indem sie mutig die Hand des zitternden Gladiators an ihren Hals führte.

Thema ideologischer Kontroversen

Eines wird bei dem Thema schnell klar: Der Stellenwert der Frauen kann kaum ohne ideologische Kontroversen behandelt werden. Seit dem 19. Jahrhundert bescheinigten Religionskritiker dem Christentum (und Judentum) Frauenfeindlichkeit, während die alten Griechen oder Germanen die Würde der Frau hochgehalten hätten. Umgekehrt argumentieren Verteidiger: Antike oder moderne Leitkulturen seien frauenverachtend, während das ursprüngliche Christentum und Jesus Vorbild für gesamtgesellschaftliche Gleichberechtigung seien. Bekanntestes Beispiel dafür ist die Zustimmung von beiden Brautleuten zur Eheschließung, die das Christentum forderte, das griechische und das römische Recht aber nicht.

Im Themenheft wird nicht polemisiert, sondern Quellen aus der Zeit werden analysiert und aufbereitet. Wer mehr wissen will, dem werden zu jedem Themenkomplex mehrere weiterführende Bücher empfohlen. "Es kann nicht sein, dass Frauen als der einen Hälfte der Menschheit nur wenige Seiten oder gar Zeilen gewidmet werden," sagt Eisen im Interview der WUB. Mit "Wer waren die ersten Christinnen?" sind es nun 90 Seiten mehr.

Von Agathe Lukassek