Wie eine Kabarettistin auf die Kirche, den Papst und die Frauen blickt
An Karneval ist für die Theaterpädagogin und Kirchenkabarettistin Anja Geuecke Hochsaison. Ihr Alias Hettwich vom Himmelsberg erläutert im Interview ihre Sicht auf Kirche, Religion und Frauen.
Frage: Hettwich vom Himmelsberg, kann ich Sie mit einem "Helau" oder mit einem "Alaaf" begrüßen?
Hettwich: Weder noch. Bei uns in Attendorn – das liegt im Sauerland, Abfahrt Olpe und dann dritte Tanne rechts – heißt es Kattfiller.
Frage: Huch. Wie kommt's?
Hettwich: Der Sage nach wollte im Jahr 1583 der Kölner Erzbischof Gebhard Truchseß von Waldburg-Trauchburg auch die Attendorner evangelisch machen. Damit er nicht der einzige mit einer Frau ist, hat er den Pastor hier gezwungen, seine Haushälterin zu heiraten. Die Einheimischen verfolgten den Erzbischof, der in der Burg Schutz suchte. Ein Schütze schoss durch ein Fenster mit einer Armbrust auf Gebhard. Doch dann fiel kein toter Erzbischof hinunter, sondern eine tote Katze. Seitdem hängt den Attendorner der Name und der Ausruf Kattfiller – Katzentöter – an.
Frage: Wissen denn die Bewohner noch um die Bedeutung ihres Karnevalsrufs?
Hettwich: Die wenigsten. Aber im Rheinland rufen sie bei den Zügen ja auch nicht mehr nach Kamelle, sondern nur nach Kamelen. Daher plädiere ich dringend für eine karnevalistische Früherziehung.
Frage: Mal zum Thema Kirche: Da sieht es derzeit ja nicht so rosig aus. Wie schwer fällt es Hettwich, Kirchensteuern zu zahlen?
Hettwich: Das mache ich doch gern. Man müsste mal alle Gebäude orange anstreichen, wo Kirchgeld drin steckt: der Kindergarten oder das Altenheim oder die Schule. Wenn das alles wegfallen würde, käme so mancher Bürgermeister ins Schwitzen.
Frage: Also nix mit Kirchenaustritt?
Hettwich: Nee, nee – auf keinen Fall. Darauf braucht keiner zu warten, dass ich mit meinen 80 Kilo weiche. Ich bin und bleibe lebendige Kirche.
Frage: Das ist aber doch eine sehr männerdominierte Welt.
Hettwich: Da haben Sie recht. Und wie furchtbar finde ich das, wenn eine Gemeinderatsvorsitzende wie ein angeschossenes Reh den Pfarrer anhimmelt. Damit das anders wird, bleibe ich als emanzipierte Frau.
Frage: Das klingt nach Kampfansage.
Hettwich: Nur wer was macht, hat die Macht – das ist mein Motto. Und je weniger Pfarrer es gibt, umso mehr Gestaltungsspielraum eröffnet sich doch. Wenn ich glauben sollte, dass Gott uns Frauen als Menschen zweiter Klasse getöpfert hat und wir den Job nicht können, dann müsste ich doch einen Sprung in der Schüssel haben.
Frage: Sollte man den Zölibat abschaffen?
Hettwich: Der hat doch auch seinen Wert. Ich erinnere nur an Angela Merkel: So wie die sich reingehängt und ihr eigenes Leben zurückgestellt hat – das ist doch ein positives Beispiel für den Zölibat, auch wenn es da noch ihren Herrn Sauer gibt. Und lassen Sie mich aus eigener Erfahrung mit meinem Siechfried sagen: Es ist doch schön, wenn man alleine die Macht über die Fernbedienung hat.
Frage: Apropos Macht: In Rom sitzt auch ein Mann mit Einfluss. Was halten Sie denn von Papst Franziskus?
Hettwich: Er redet ja ganz nett. Aber der Apparat um ihn herum, der sollte sich mal darauf besinnen, was ihr oberster Chef sagt. Was die so von sich geben – am liebsten würde ich eine Mauer um den Vatikan machen. Nur oben darf nicht zugemacht werden – damit der Heilige Geist eine Chance hat zu landen.
Frage: Aber ein bisschen tut sich doch was bei den Katholen.
Hettwich: Das haben Sie ja ganz scharf beobachtet. Vor zehn Jahren hat die Kirche noch nicht mal eine evangelische Putzhilfe eingestellt. Und jetzt bieten Akademien Tagungen für islamische Führungskräfte in katholischen Einrichtungen an. Also: Es gibt Bewegung, aber das ist noch viel zu wenig.
Frage: Seit einem Jahr kämpft die Initiative #OutInChurch für die Belange queerer Menschen in der Kirche. Für Rom ist es wohl eher ein "Autsch in Church"...
Hettwich: Die im Vatikan kapieren hoffentlich irgendwann auch einmal, dass LGBTQ mehr ist als ein paar Buchstaben beim Scrabble. Gott sei Dank hat die Kirche in Deutschland ihr Arbeitsrecht geändert und kündigt nicht mehr Mitarbeitern, nur weil sie in einer homosexuellen Partnerschaft leben. Die Chefs in den kirchlichen Einrichtungen haben doch längst gemerkt, dass sie sonst gar nicht mehr genug Arbeitskräfte finden. Peinlich fand ich es, wie bei der Fußballweltmeisterschaft in Katar die Deutschen auf die One-Love-Binde verzichtet haben. Also ob man schwul würde, wenn man auf die Regenbogenfarben guckt.
Frage: Apropos Kirche in Deutschland: Die Kölner Wirren schwirren, ohne dass ein Ende in Sicht ist.
Hettwich: Der Woelki versteht sich ja wirklich als Retter des wahren Glaubens. Wenn der Karnevalssong "Wir kommen alle, alle in den Himmel" stimmt und der Kardinal auch einmal da ist, dann will ich da gar nicht hin. So umwerfend scheint es da oben wohl gar nicht zu sein – ganz im Sinne meines Karnevalsmottos: "Engel sind auch nur Geflügel".