Verachtung und Verbindung: Die Kirche und der Karneval
Buntes Treiben sorgte auch für Kritik

Verachtung und Verbindung: Die Kirche und der Karneval

Karneval ist ein zutiefst christliches Fest. Trotzdem hatte die Kirche immer wieder Probleme mit dem bunten Treiben. Sie plante einst sogar, den Karneval zu unterbinden. Heute versucht sie es vielfach mit einer Annäherung.

Von Christoph Paul Hartmann |  Bonn - 20.02.2020

Im Jahr 325 war die Sache klar: Das Konzil von Nicäa legte fest, dass am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond Ostern gefeiert werden sollte. Denn nach dem Vollmond wurde auch das jüdische Pessachfest berechnet, nach dem Jesus laut der Überlieferung auferstanden ist. Vom nun festgelegten Ostertag zwischen dem 21. März und dem 18. April konnte die vorgelagerte Fastenzeit berechnet werden – und damit auch der Termin für ein ganz besonderes Fest, das sich in der Folgezeit entwickelte, wuchs und unter ganz unterschiedlichen Namen bekannt wurde: Fasching, Fastnacht oder Karneval.

Die Bezeichnung "Fastnacht" – oder etwa im Rheinland "Fastelovend" – gehört dabei zu den ältesten Namen dieses Festes, sie ist seit dem 13. Jahrhundert belegt. Hier wird klar, dass es ursprünglich nur um einen Abend ging: Bevor 40 Tage gefastet wurde, sollten die Gläubigen nochmal lustvoll feiern, schmausen und trinken. Das hatte auf der einen Seite ganz praktische Gründe: Vor dem Fasten mussten Nahrungsmittel wie Fleisch, Fett und Eier verzehrt werden, da sie sonst über die Fastenzeit verderben würden. Andererseits verfolgte die Kirche mit dem ausgelassenen Treiben ein didaktisches Ziel: Schon Augustinus hatte die "civitas diaboli" (das Reich des Teufels) und die "civitas dei" (das Reich Gottes) unterschieden. In der Fastnacht sollten die Menschen also der "civitas diaboli" frönen, um am Aschermittwoch umzukehren und sich der "civitas dei" anzuschließen. Durch die Fastnacht wurde der Unterschied zwischen beiden größer und die Fallhöhe stieg. Die Umkehr wurde für die Gläubigen dadurch umso lebensnaher erlebbar. Das drückt auch das Wort "Karneval" aus: Entstanden aus dem lateinischen "carnelevare" bedeutet es in etwa "Fleischwegnahme". Der Begriff taucht erstmals 1699 auf.

Auch früher ging es beim Karneval drunter und drüber: Ausschnitt aus dem Bild "Der Kampf zwischen Karneval und Fasten" (1559) von Pieter Bruegel dem Älteren.

Mit der Zeit verselbstständigte sich das Mahl am Fastabend. Man musizierte, tanzte und trieb es mit dem Gegenstück zum Gottesreich vielleicht etwas zu weit: Als Satire auf die kirchlichen Mysterienspiele entstanden die recht derben Fastnachtsspiele inklusive Verkleidung – Vorläufer des weltlichen Theaters. Die von Lastern triefende Moralsatire "Das Narrenschiff" von Sebastian Brant ist 1494 der Beginn der Fastnachtsliteratur. Zum Teil ließen die Feiernden als Symbol der Gegenwelt einen Narren verkehrt herum auf einem Esel sitzend in die Kirche einreiten. Dieser Narr (in Rheinland gleichbedeutend der "Jeck") hatte einen ernsten Hintergrund: Eigentlich wurden Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung so genannt. Menschen mit einem "Defekt" waren nach damaligem Glauben keine Ebenbilder Gottes und standen somit außerhalb der Gesellschaft. Manche dieser Außenseiter bekamen eine besondere Aufgabe: Als Hofnarren sollten sie die Ohren offenhalten und den Mächtigen erzählen, was das Volk von ihnen dachte – als Warnung für die Bevölkerung trugen sie die später charakteristische Schellenkappe. So mancher Narr wurde ein wichtiger Berater seines Herrschers. Durch diese Funktion des "Dem Volk aufs Maul schauen" wurde der Narr bald die Personifizierung der "Narrenfreiheit". Mit ihm bürgert sich die Zahl 11 als Symbol der Fastnacht ein: Zum einen zeigen die beiden gleichen Ziffern, dass etwa Standesunterschiede an Karneval nicht gelten. Zum anderen ist die elf etwas mehr als die Zahl der zehn Gebote, aber eins weniger als die zwölf Apostel – und damit eine unheilige Zahl.

Der Narr und die Elf

Die bis heute so oft beschworene Anarchie des Karnevals wurde nicht zuletzt in den Symbolen des Narren und der Elf spürbar – und erfasste die ganze Gesellschaft. Selbst in Kölner Nonnenklöstern wurde gefeiert. Das ging der Kirche irgendwann zu weit: Im 17. Jahrhundert führte sie das 40 Stunden dauernde "Ewige Gebet" ein, das genau auf die Faschingstage gelegt wurde und für die (zahlreichen) Sünden der Fastnacht Abbitte leisten sollte. Übrigens: Da es bei den mittlerweile entstandenen protestantischen Kirchen keine Fastenzeit gab, war dem Karneval dort die Grundlage entzogen.

Wie die Kirche hatten die Mächtigen auf staatlicher Seite Sorgen beim Blick auf das jecke Treiben. Im mittlerweile mehrtägigen Fressen und Saufen sahen sie ein Sicherheitsrisiko. Der Kölner Stadtrat verbot 1487, 1609 und 1657 den "Mummenschanz", nach der französischen Revolution beäugten auch die neuen Machthaber das Treiben kritisch: Denn wer wusste, wer sich unter Masken und Kostüm versteckte? Politische Aktivisten und Kriminelle könnten das Chaos nutzen. 1795 bedeutete deshalb das Aus für den Karneval, erst neun Jahre später durfte sich wieder verkleidet werden. Das lag auch daran, dass das entstehende Bürgertum auf die Kritik einging.

Denn dort hatte man ein eher gespaltenes Verhältnis zum Karneval: Tunichtgute aller Art tummelten sich, es war laut, schäbig und alle waren betrunken. Dem wollten die Bürger im 19. Jahrhundert einen neuen, "sauberen" Karneval entgegensetzen und flochten nostalgisch-romantische Elemente hinein. Das Besitz- und Bildungsbürgertum begann, Hofstaat zu spielen und erfand sich Ämter und Uniformen. So entstand beispielsweise in Köln 1823 das Festordnende Komitee, das bis heute als Festkomitee Kölner Karneval weiterbesteht.

Nicht zuletzt die Karnevalssitzungen mit vielen bunten Uniformen stehen für den "sauberen" bürgerlichen karneval, der im 19. Jahrhundert begann.

Ganz anders in Mainz: In der Stadt der ersten – sehr kurzlebigen – Republik auf deutschem Boden entstand der politisch-literarische Karneval, der die lange Tradition der Satire in die nun bürgerliche Gesellschaft weiterspann. Den 1838 gegründeten Mainzer Carneval-Verein gibt es noch. Köln und Mainz sind zwei wichtige Keimzellen des heutigen Karnevalstreibens – und als Karnevalshochburgen bis heute bekannt.

Messen und Gottesdienste gehören dazu

Doch was passierte mit der religiösen Bedeutung des Karnevals? Im Zuge der Säkularisierung der Gesellschaft nach der Französischen Revolution gerieten die christlichen Wurzeln der Fastnacht und ihre Bindung an das Kirchenjahr oft in Vergessenheit. Trotzdem war das den Fasching tragende Bürgertum in der Regel konservativ und kirchlich fest verwurzelt. So gehörten und gehören Fastnachtsmessen oder -gottesdienste bis heute zum festen Ablauf jeder Session.

Doch diese fortschreitende Säkularisierung stellt die Kirche heute vor Herausforderungen, wenn sie im 21. Jahrhundert eine Position zum Karneval finden will. Vielen Menschen ist die Herkunft des Karnevals als Schwellenfest zwischen Lebensfreude und Entsagung, dem "carpe diem" und dem "memento mori", nicht mehr bewusst, findet etwa Hans Driesel. Er ist seit 60 Jahren in der Fastnacht aktiv und ehemaliger Leiter des Deutschen Fastnachtmuseums. "Das zeigt sich etwa an der Entgrenzung des Karnevals – etwa durch Veranstaltungen im Sommer. Für die Fastnacht ist aber zentral, dass am Aschermittwoch Schluss ist."

Ein Priester spendet einem Gottesdienstbesucher das Aschenkreuz.
Bild: © KNA

"Für die Fastnacht ist zentral, dass am Aschermittwoch Schluss ist", sagt Hans Driesel.

Dass viele Menschen den Karneval heute in erster Linie als Event betrachten, stellt auch Martin Ahls fest. Ahls ist Pfarrer im niederrheinischen Rheinberg – und Büttenredner. Er beobachtet gesamtgesellschaftliche Phänomene auch in der Narrenzeit: Auf Kanzel wie in der Bütt müsse es heute schneller gehen, die Pointen schneller aneinanderrücken. "Das muss nicht schlecht sein", findet Ahls. Vielmehr könne man daraus lernen: "Weder in der Bütt noch im Gottesdienst will ich die Leute langweilen."

"Die Kirche ist mittendrin"

Die Karnevalsmesse ist trotz sinkender Besucherzahlen heute noch ein wichtiger Anknüpfungspunkt für ihn: "Die Leute erleben, dass die Kirche mittendrin ist." Dieses Zeichen will er auch als Karnevalist setzen und nutzt seine Bekanntheit als Karnevalist, um auch mit Kirchenfernen ins Gespräch zu kommen. Das dürfe man aber nicht überstrapazieren, findet er. Nur weil man mit jemandem über den Karneval ins Gespräch komme, nehme der nicht gleich an einem Glaubenskurs teil.

Auch der ebenfalls im Karneval aktive Kaplan Christoph Hendrix in Damme betont den niederschwelligen Charakter des Karnevals für die Kirche: "Ich lege auch im Karneval meine Rolle als Kaplan nicht ab. Das spricht die Leute an." Durch die Gespräche bei der Sitzung seien schon kirchliche Eheschließungen entstanden. "Wir müssen den Leuten zeigen: Euer Leben ist schön und wichtig, darin könnt ihr Gott entdecken."

Ein weiteres Mal verändert sich heute der Karneval – und mit ihm die Haltung der Kirche. Sie versucht nun, den Karneval als Plattform zu nutzen, um auch Fernstehenden zu begegnen. Im bunten Treiben bleibt sie eine Größe, die sich bislang noch behaupten kann.

Von Christoph Paul Hartmann