Aufgepeitscht durch die Konzilstexte
Der Beginn einer besonderen Zeit, in einer katholischen Jugendgruppe, die die kirchlichen Neuerungen intensiv diskutiert und in ihrem Gemeindealltag umzusetzen versucht.
Verstehen statt auswendig lernen
Es sind sechs junge Leute, drei Männer und drei Frauen Anfang zwanzig, die sich bei Abendgottesdiensten ihrer Kirchengemeinde Santa Maria del Buon Consiglio (Erzbistum Mailand) kennenlernen. "Wir standen oft noch auf der Kirchentreppe zusammen und redeten", erzählt Christine. Zum Beispiel über den neuen ‚Florentiner Katechismus‘, der sich in moderner Sprache und reich bebildert an junge Katholiken richtete. "Wir haben die Regeln erstmals nicht nur stupide auswendig gelernt, sondern endlich mal verstanden, worum es ging."
Parallel veröffentlicht der Vatikan in dieser Zeit nahezu wöchentlich neue Dokumente des Konzils. "Sie wurden als eine Art Reklamheft herausgegeben und wir haben sie fast alle in der Hand gehabt", sagt Christine stolz. Mehrmals in der Woche trifft sich die Gruppe nun, um gemeinsam zu essen und danach die Texte zu bearbeiten. "Sie waren nicht immer leicht zu lesen, aber wir haben uns die Feinheiten gegenseitig erklärt", sagt sie. "Das ging über Monate und wir haben oft bis tief in die Nacht diskutiert." Alle seien liberal gewesen, aber in unterschiedlicher Ausprägung.
"Was mich am meisten begeistert hat, waren die muttersprachlichen Gottesdienste. Obwohl ich Latein spreche, hat mich das Italienische viel stärker berührt", sagt Christine. Sie und ihre Freunde werden neugierig, was das Konzil noch für sie ändern könnte. "Vorher schien in der Kirche alles in Stein gemeißelt. Der Pfarrer stand vorne und es war nicht vorgesehen, als Gemeindemitglied irgendwo mitzuwirken." Nun ändert sich die Liturgie. Laienämter, wie das Lektorat werden eingeführt und italienische Lieder erklingen in der Messe. "Die Kirchenlieder waren alle neu und populär. Ganz anders als vorher."
Aufgepeitscht zum Handeln
Mit der offeneren Liturgie scheint ein freierer Geist durch die Kirche zu wehen. Die Entscheidungen des Konzils kommen bei den Gläubigen an der Basis an. "Ich habe mich gefühlt, als würde ich auf einem Berg stehen und auf ein blühendes Tal hinunterschauen. Überall standen Hinweisschilder mit der Einladung ‚Komm und folge nach‘", erinnert sich Christine gerne an die Aufbruchsstimmung, die sie und ihre Freunde erfasste. "Wir wurden aufgepeitscht zum Handeln. Es war jetzt möglich, anders aktiv zu werden und wir wurden es auch", sagt die heute 70-Jährige.
Es ist die vage Idee vom Priestertum der Laien, die die Gruppe dazu animiert, sich zu engagieren. "Der Gedanke war so neu für uns, wir haben das gar nicht vollständig begriffen." Und doch fühlten sich die jungen Leute plötzlich berufen, diakonisch zu arbeiten. Zum Beispiel mit den rund 130 Kommunionkindern der Gemeinde. Erstmals unterrichten sie Jungen und Mädchen zusammen, versuchen die Katechese kindgerecht zu gestalten und bringen frischen Wind in die Gemeinde. "Wir haben zum Beispiel mit wenigen Mitteln einen Kinderkarneval organisiert."
Vieles, was heute in der Kirche als selbstverständlich gilt, ist eine Folge der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). Katholisch.de blickt auf die wegweisende Versammlung und ihre wichtigsten Beschlüsse zurück.
Gemeinsam betreuen sie auch einen jungen Mann, der schwer an Multipler Sklerose erkrankt ist, holen ihn aus seiner Isolation und stehen ihm bei - bis zum Tod. Regelmäßig fahren die sechs auch zu einem Wohnheim der Firma Pirelli. Dort hausen Azubis unter schlechten Bedingungen. "Im Betrieb wurden sie regelrecht ausgebeutet." Die Gruppe schließt Freundschaft mit den jungen Männern und unterrichtet sie. "Vier von ihnen holten mit unserer Hilfe sogar die mittlere Reife nach", freut sich Christine. "Wir haben nicht an die große Glocke gehängt, dass wir von der Kirche kommen, aber unser Engagement gründete im christlichen Gedanken."
Es ist dieser Gedanke, der Christines Engagement bis heute trägt. Wegen einer unglücklichen Beziehung verlässt sie in den siebziger Jahren Italien, um in Deutschland als Humanbiologin zu arbeiten. Hier lernt sie ihren Mann kennen, mit dem sie heute in Gießen lebt. "In Deutschland habe ich ein neues katholisches Leben kennengelernt", erinnert sie sich. Hier, wo viele Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils befeuert wurden, empfindet sie den Katholizismus als kalt und verwässert. "Die Gottesdienste in Italien sind jung, lebendig und voller Musik", schwärmt sie, die ein Faible für Kirchenmusik hat und dreißig Jahre lang Organistin und Chorleiterin war.
Christine baut sich ein Leben in Deutschland auf, heiratet, bekommt eine Tochter und engagiert sich ehrenamtlich. Im Ausländerbeirat ihrer Stadt und im Diözesanpastoralrat des Bistums Mainz. Ihre liberale Einstellung hat sie aus Italien mitgebracht. "Einmal sprachen wir im Bistum über Schwangerschaftskonfliktberatung. Ich habe vorgeschlagen, eine ökumenische Beratung aufzubauen. Die Frauen hätten sich dort katholisch beraten lassen können und dennoch die Möglichkeit gehabt, bei der evangelischen Beratungsstelle einen Schein zu bekommen." Sie erntet Schweigen. "Das war eben mein Stil. Nach Lösungen suchen und in der Gemeinschaft herausfinden, ob es machbar ist." So, wie sie es mit ihrer Jugendgruppe kennengelernt hat.
Christine steigt nach der Elternpause als Sozialarbeiterin in ihrer damaligen Gemeinde wieder ein und wechselt später als Projektreferentin zur Hilfsorganisation "German Doctors". Sie studiert Theologie im Fernkurs und macht eine Exerzitienbegleiter-Ausbildung beim Jesuiten Paul Imhof. "Ich wäre gerne Priester geworden, wenn ich ein Mann gewesen wäre." Stattdessen wird sie vom Auslandssekretariat der Deutschen Bischofskonferenz 1996 zurück nach Italien geschickt. Dort betreut sie vier Jahre lang als Gemeindereferentin deutschsprachige Katholiken am Lago Maggiore. "Mein Mann blieb in Gießen und ich pendelte."
Nur Franziskus fehlte beim Konzil
In all diesen Jahren verliert sich die Mailänder Jugendgruppe nie aus den Augen. Vier der sechs haben untereinander geheiratet. Gerade haben sie sich zu Christines fünfzigstem Taufjubiläum in Mailand wiedergesehen. Wie sie selbst, begleiten alle die Kirche und ihre Amtsträger immer noch kritisch, sagen ihre Meinung laut, singen bei ihren Treffen Lieder bis morgens um fünf und frühstücken gemeinsam. "Im Pyjama – so vertraut sind wir auch heute noch miteinander", lacht sie. Ihr liegt viel daran, den Weg, den sie als engagierte junge Christin begann weiterzuverfolgen und andere zu mobilisieren. "Es ist mir wichtig, Laien zu stärken, damit sie aktiver werden und es wagen, neue Wege zu gehen."
Was sie sich im Nachhinein für die Zeit nach dem Konzil gewünscht hätte? "Papst Franziskus", lautet die klare Antwort. "Er spricht eine Sprache, die man hundertprozentig versteht." Auch so haben die Entscheidungen aus Rom das Glaubensleben der Gruppe bis heute geprägt. Alle engagieren sich noch immer aktiv in unterschiedlichen Bereichen. "Das Handeln war uns immer wichtig. Uns ist es nie um die Größe unserer Taten gegangen, sondern um Authentizität."