Der gute Mensch vom Vatikan
Nur wenige Wochen vor dem Eintreffen des Papstes zu einem Besuch in den USA gingen dessen Zustimmungswerte zurück - von 76 Prozent vor einem Jahr auf heute 59 Prozent. Zugleich ist Franziskus mit diesem Wert in den USA heute wieder so beliebt wie kurz nach seiner Wahl im Frühjahr 2013. In den Vereinigten Staaten bleibt Franziskus gewiss um Längen populärer als jeder US-amerikanische Präsidentschaftskandidat. Doch die Einbußen sind unübersehbar.
Gallup hatte nach eigenen Angaben 1.009 Erwachsene in allen US-Bundesstaaten befragt und macht bei konservativen Gläubigen den stärksten Verlust aus. Gegenüber dem Vorjahr verlor der Papst bei dieser Gruppe 27 Prozentpunkte und landet nun bei 46 Prozent. Auch die liberalen US-Katholiken sind nicht mehr ganz so angetan von dem Argentinier. Gleichzeitig stieg die Zahl derer, die keine Meinung zu Franziskus äußern wollten.
Papst-Müdigkeit statt Franziskus-Effekt?
Hat sich der "Franziskus-Effekt" in den USA bereits abgeschliffen und ist an dessen Stelle gar eine "Papst-Müdigkeit" getreten? Wer die Einträge der Bloggerin Elizabeth Scalia liest, könnte den Eindruck gewinnen. Die Benediktinerin schrieb nach der Südamerika-Reise des Papstes, sie sei der "Schelten überdrüssig geworden".
"Er predigt uns, immer wieder Güte gegenüber der Welt zu praktizieren, Fremde willkommen zu heißen, unsere Flüsse sauber zu machen, Frieden und Gerechtigkeit in unserer Lebenszeit wirklich werden zu lassen, allen eine faire Chance zu geben, die Kranken zu besuchen und so weiter", schreibt Scalia, Herausgeberin des Online-Portals "Patheos". Sie meint, sie habe wirklich viel für Papst Franziskus übrig. Aber sie habe genügend Moralpredigten gehört.
Journalisten drückten sich diplomatischer aus, als sie von Franziskus kürzlich wissen wollten, ob er nicht auch etwas zur Mittelklasse zu sagen habe - "den Leuten, die arbeiten gehen, Geld verdienen und Steuern bezahlen". Franziskus versprach, er werde vor seinem Aufbruch in die USA das Thema studieren.
Gallup-Experte Art Swift erklärte den Schwund an Sympathien mit dem leidenschaftlichen Einsatz des Papstes für Armutsbekämpfung und Umweltschutz. Nicht weniger passioniert sei seine Haltung zur Öffnung gegenüber Kuba - ein Prozess, den der Vatikan mit einfädeln half.
All das bringt republikanische Katholiken in Nöte, die das Evangelium des freien Marktes verinnerlicht haben und mit den Kommunisten auf Kuba nicht verhandeln wollen. Dazu gehört auch Floridas Gouverneur Jeb Bush, der dem Papst keck den Ratschlag erteilte, sich nicht in Dinge einzumischen, die andere besser verstünden.
Der Politologe Stephen Schneck von der Katholischen Universität von Amerika in Washington warnt davor, den Papst in das Links-Rechts- Schema des politischen Systems der USA einzuordnen. "Er ist weder konservativ noch progressiv, kein Demokrat und auch kein Republikaner."
Tatsächlich stehen viele der Positionen des Papstes zu Umwelt und Arbeit in einer langen Tradition bis hin zu der Enzyklika "Rerum Novarum" (1891). Franziskus rückt die Lehre der Kirche nun in den Kontext des 21. Jahrhunderts und verleiht ihr bei seinen öffentlichen Auftritten eine neue Dringlichkeit.
Debatten über Abtreibung und Homo-Ehe
In den USA stößt das auf Skepsis, weil die Bischöfe hier in den vergangenen Jahrzehnten andere Akzente gesetzt haben. Sie beteiligten sich aktiv an den Debatten über Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehe und Sterbehilfe. Papst Franziskus setzt andere Schwerpunkte und drängt das Kirchenschiff mit sanftem Druck auf neuen Kurs.
Damit haben manche Katholiken Mühe, die auf dem Marktplatz für Religionen nach einer klaren Identität suchen. Diejenige, die der Papst anbietet, steht in Kontrast zu allem, was vielen US-Bürgern heilig ist. Auch aus dieser Perspektive erwarten Kirchenkenner einen spannenden Besuch im September - und die folgende Umfrage.
Am 18. Juni 2015 wurde die Enzyklika "Laudato si" von Papst Franziskus veröffentlicht. Sie beschäftigt sich vorrangig mit ökologischen Fragen. Katholisch.de hat alles Wichtige rund um das Schreiben zusammengestellt.