Falsch zitiert – Portal weist Bischof Barrons Kardinal-Kritik zurück
Nach einem kritischen Posting des US-amerikanischen Bischofs Robert Barron hat das belgische Portal "CathoBel" nun Kardinal Jean-Paul Vesco verteidigt – und Barron vorgeworfen, Zitate des Kardinals aus dem Kontext gerissen zu haben. "Bischof Barron und die Traditionalisten neigen dazu, Evangelisierung und Bekehrung, Evangelisierung und Proselytismus zu verwechseln. Das ist nicht dasselbe", schreibt der Journalist Christophe Hendrickx am Donnerstag in einem Artikel für "CathoBel". Er hatte auch das Interview mit Kardinal Vesco geführt, das am 23. Oktober auf dem Portal veröffentlicht wurde. Christus habe die Apostel aufgerufen, alle Völker zu Jüngern zu machen und selbst zur Berufung appelliert. "Aber wir bekehren uns selbst, nicht andere! Die Verkündigung des Evangeliums durch Christen beginnt damit, Zeugnis von Gottes Liebe abzulegen, insbesondere durch eine allen angebotene Brüderlichkeit. In diesem Sinne ist Brüderlichkeit prophetisch, wie Kardinal Vesco ausdrücklich erklärt.“
In einem am Donnerstag veröffentlichten Posting auf dem Kurznachrichtendienst "X" hatte der medienaffine konservative Bischof Barron Interviewaussagen Vescos scharf kritisiert. "Wenn ich wirklich glauben würde, dass die Kirche nicht existiert, um Menschen zu Christus zu führen, dann würde ich kündigen und einen ehrlichen Job annehmen." Dabei bezog er sich auf zwei angebliche Zitate aus dem Interview des Erzbischofs. "Nun hat Kardinal Jean-Paul Vesco aus Algerien die Ansicht geäußert, dass 'die Kirche nicht dazu da ist, zu bekehren' und 'Christen anderen Religionen eher im Geiste der Brüderlichkeit begegnen sollten, anstatt Bekehrungen anzustreben'. Entschuldigung, aber … was?", so Barron.
Aus dem Kontext gerissen
"Das Problem mit dieser Aussage des Bischofs ist, dass die erste, Kardinal Vesco zugeschriebene Bemerkung – 'Die Kirche ist nicht dazu da, zu bekehren' – aus dem Zusammenhang gerissen wurde", schreibt "CathoBel". So habe Vesco in Bezug auf die katholische Kirche in Algerien wörtlich erklärt: "Wir dürfen keine in sich geschlossene Gemeinschaft sein. Wir sind die Kirche dieses Volkes. Keine missionierende Kirche, keine Kirche, die dazu da ist, zu bekehren, sondern eine Kirche, die danach strebt, ein Teil dieses Volkes zu sein." Auch wenn es jedem freistehe, sich eine Meinung zu den Worten Vescos zu bilden, sei klar, "dass der Auszug eine völlig andere Bedeutung annimmt, sobald er aus seinem algerischen Kontext herausgelöst wird", schreiben die belgischen Journalisten. "Liest man Bischof Barrons Tweet, könnte man meinen, der Kardinal stelle den Missionsauftrag der Weltkirche infrage", heißt es im Artikel. "In unserem Interview spricht er jedoch konkret die Herausforderungen an, denen sich die katholische Kirche in Algerien gegenübersieht, 'in einem Land, in dem die christliche Bevölkerung zwar klein, aber präsent ist'."
In Bezug auf das zweite von Barron benutzte Zitat schreibt das Portal: "Wir gestehen, dass uns nicht sofort klar war, dass auch dieses Zitat aus unserem Interview stammt." Im Gespräch über den christlich-muslimischen Dialog spreche Vesco über die Frage, ob Christen sich "als belagerte Festung" betrachten oder "die Brüderlichkeit wählen" sollten und plädierte für die zweite Option. "Natürlich brauchen wir dafür Partner, aber für mich ist die richtige Entscheidung die der Brüderlichkeit." Der von Barron verwendete Wortlaut tauche jedoch nicht im Interview selbst auf, sondern im Teaser eines Artikels auf dem traditionalistischen Portal "Ad Vaticanum". "Mit anderen Worten: Eine einprägsame Formulierung, die ein Journalist als grobe Zusammenfassung der Äußerungen des Kardinals verfasst hat, wird nun als sein Zitat präsentiert", erklärte "CathoBel". "Erzbischof Barron hat sich offenbar sogar die Mühe gemacht, seinen Tweet in Anführungszeichen zu setzen. Wir müssen jedoch betonen: Kardinal Vesco hat diesen Satz in unserem Interview nie geäußert."
Am Freitag meldete sich auch Kardinal Vesco selbst zu Wort. Auf seinem Facebook-Profil teilte er einen Beitrag zu Barrons Kritik. "Ob es nun jemandem gefällt oder nicht: Die Kirche, die mir Lebenskraft gibt, ist die Kirche des heiligen Johannes Paul II. und der interreligiösen Erklärung von Assisi, deren 40. Jahrestag in diesen Tagen gefeiert wurde und an der Papst Leo teilnehmen wollte, die Kirche von Papst Benedikt, der zusammen mit Kardinal Tauran mehr Verbindungen zur muslimischen Welt geknüpft hat als jeder andere Papst vor ihm, die Kirche von Papst Franziskus mit der Erklärung von Abu Dhabi über die menschliche Brüderlichkeit, die am 4. Februar 2019 gemeinsam mit dem Großimam von Al-Azhar unterzeichnet wurde, die Kirche von Papst Leo mit seinem Besuch in Algerien und seinem stillen Gebet in der Großen Moschee von Algier, Schulter an Schulter mit dem Rektor", schreibt der Kardinal. "Ja, ich glaube, dass die Gläubigen der drei monotheistischen Religionen Besseres zu tun haben, als zu versuchen, einander zu bekehren, sondern vielmehr ein gewisses Maß an Unwissenheit über den Glauben des anderen akzeptieren und sich in ihrem jeweiligen Glauben gegenseitig respektieren sollten", erklärt Vesco. "Unsere Welt braucht Gläubige, die fest in ihrem Glauben verankert sind und sich als Brüder (und Schwestern) in derselben heiligen Menschheit erkennen."
30.10.2026, 14.10 Uhr: Ergänzt um Statement von Kardinal Jean-Paul Vesco