Gehorsam, emanzipiert oder Heiligabend-Christ?
Frankreichs Katholiken weht ein oft kalter Wind ins Gesicht: Armut, strikter Laizismus, galoppierender Priestermangel, sozialistische Gesellschaftsreformen. Wie tickt der französische Katholizismus? Eine breit angelegte soziologische Studie, beauftragt von der Mediengruppe Bayard und veröffentlicht in der Tageszeitung "La Croix" und dem Magazin "Pelerin" (Donnerstag), unterscheidet sechs Typen aktiver Katholiken.
Der Heiligabend-Christ
Der mit 45 Prozent der "Aktiven" oder "Engagierten" meistvertretene Typus ist der "Heiligabend-Christ" oder Kulturkatholik. Er geht zumeist an den Eckpunkten des Kirchenjahres oder zu Familienfeiern - Hochzeiten, Taufen, Beisetzungen - in die Kirche. Er zündet eine Kerze an, spendet für karitative Zwecke, mag Kirchenmusik, Traditionen und Brauchtum wie Krippen, Geläute und die lateinische Messe, doch hält ansonsten eine gewisse innere Distanz zu Theologie und Glaube. Misstrauisch gegenüber Papst Franziskus, ist der Kulturkatholik auch sehr kritisch gegen Migranten. Von den sechs Typen wählt er am häufigsten den rechtspopulistischen Front National (FN); die erhobenen 22 Prozent liegen im Schnitt der Gesamtbevölkerung.
Der Teilzeitverbrüderte
Der zweite Typus ist der "Teilzeitverbrüderte" mit statistischen 26 Prozent. Für ihn zählt an Jesus weniger die theologische Person als seine Haltungen: Großzügigkeit, Gastfreundschaft und Offenheit für andere. Katholisch zu sein bedeutet vor allem Bereitschaft zum Teilen. Für das geistliche Leben zählen vor allem Solidaritätsaktionen und die Weitergabe des christlichen Glaubens, wie er ihn selbst als Kind von den Eltern gelernt hat. Kirchgang nur an höchsten Feiertagen. Hoch im Kurs stehen Spenden für wohltätige Zwecke. Als Anhänger von Papst Franziskus und Abbe Pierre, wählt der "Teilzeitverbrüderte" links bis bürgerlich, steht auf der Seite von Migranten und lehnt den Front National ab.
Der Konzilskatholik
Dritter Typ ist der "Konzilskatholik" mit 14 Prozent. Er lehnt alle "Theologien der kleinen Herde", Vorschriften, Rechthaberei, Purismus und lateinische Messe als exklusiv/ausschließend ab. Stattdessen wünscht er sich eine Kirche der Barmherzigkeit, Langmut und Gemeinschaft mit der Welt. Seine biblischen Szenen sind die Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin und das Mahl mit dem Zöllner Zachäus. Der "Konzilskatholik" ist fleißiger Kirchgänger und Pilger, etwa nach Lourdes und Paray-le-Monial. Er engagiert sich stark im Gemeindeleben, im Karitativen und für die Familie und unterstützt vorbehaltlos Papst Franziskus. Überproportional oft wählt er links, ist aber auch in allen anderen Parteien anzutreffen.
Der Gehorsame
7 Prozent der aktiven Katholiken werden zu den "Gehorsamen" gezählt. Für sie ist Christus vor allem der am Kreuz getötete Sohn Gottes. Streben nach Heiligkeit und Askese dienen dem Ziel, sich Gottes Gnade würdig zu erweisen. Kennzeichen sind eine gewisse Distanz zur Welt und Anhängigkeit an die Schönheit der Liturgie. Auch die "Gehorsamen" sind eifrige Pilger und Messbesucher, am liebsten auf Latein. In ihrem Glaubensleben spielen oft Gebet in der Familie, Privatschule und Pfadfindertum eine Rolle; häufig bestehen Kontakte zu Neuen Geistlichen Gemeinschaften. Sie leben im Bewusstsein einer Minderheit, die die Tradition hochhält, wählen rechts-bürgerlich oder FN und sehen Zuwanderung und den Kurs des Papstes besonders kritisch.
Der Begeisterte
Typ fünf sind die "Begeisterten". Mental verwandt mit den "Gehorsamen", haben diese 4 Prozent häufig ein Bekehrungserlebnis gehabt und fühlen sich in stetigem Dialog mit Christus, der ihr ganzes Leben durchdringen soll. Ihr spiritueller Ort sind weniger die Pfarrgemeinde als vor allem charismatische Gemeinschaften und Gebetsgruppen. Politisch sind sie ist am ehesten im moderat rechten Parteienspektrum zu verorten.
Der Emanzipierte
Die sechste Gruppe sind die "Emanzipierten" (4 Prozent). Sie sehen in Christus den Befreier des Menschen und Protagonisten der Nächstenliebe. Katholisch zu sein, bedeutet für sie volle Verantwortung für ihr Leben und ihre Taten. Sie kritisieren eine Fixierung der Kirche auf die (Sexual-)Moral und wählen Mitte-links.
Die eigene Spiritualität besteht im Kampf gegen Ungerechtigkeit und für die Umwelt, in persönlicher Bibellektüre sowie in Auszeiten im Kloster oder in Taize. Der Sonntagsgottesdienst gilt ihnen zumeist als abgehängt von der gesellschaftlichen Realität. Papst Franziskus geht ihnen nicht weit genug.
Zu welchem der sechs französischen Katholiken-Typen gehören Sie? Wenn Sie französisch sprechen, können Sie bei "La Croix" den Test machen – neun Fragen genügen für eine milieusoziologische Diagnose.