Polens Bischöfe unternehmen Schritt zur Missbrauchsaufarbeitung
Der Krakauer Historiker Piotr Franaszek (71) soll die von den polnischen Bischöfen geplante Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in der katholischen Kirche leiten. Das teilte die Bischofskonferenz am Samstag im südpolnischen Zakopane nach Abschluss ihrer Vollversammlung mit. Die Kommission hat den Auftrag, das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger in den Bistümern und Ordensgemeinschaften seit 1945 zu ermitteln. Wann sie mit ihrer Arbeit beginnt, ist noch offen.
Die Bischöfe wählten Franaszek nach eigenen Angaben in Absprache mit den Männer- und Frauenorden zum Kommissionschef. Der emeritierte Geschichtsprofessor der Universität Krakau ist als sogenannter Benediktineroblate mit einem Kloster verbunden, aber Laie. Sein berufliches Fachgebiet ist die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Von 2006 bis 2010 saß er für die rechtskonservative Partei PiS im Krakauer Stadtrat.
"Ganz am Anfang"
Bischof Slawomir Oder sprach von einem Meilenstein auf dem Weg zur Aufnahme der Arbeit der Kommission. Die Bischöfe hätten das überarbeitete Statut der Kommission verabschiedet. Nun werde es dem zuständigen Ministerium vorgelegt, um das Verfahren zur Erlangung der Rechtspersönlichkeit fortzusetzen.
Der designierte Vorsitzende Franaszek sagte bei der gemeinsamen Pressekonferenz: "Wir stehen ganz am Anfang, aber wir haben eine einberufene Kommission, ein Statut und einen Vorsitzenden." Die übrigen Mitglieder des Gremiums stehen noch nicht fest. Die Kommission werde sich aus Fachleuten zusammensetzen, die über einschlägige Expertise verfügen, so Franaszek.
Zweifel von Betroffenen
Der bekannte Missbrauchsbetroffene Robert Fidura reagierte überrascht auf die Berufung des Historikers. Franaszek sei ihm völlig unbekannt, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). "Ich habe von ihm noch nie etwas zum Thema sexueller Missbrauch in der Kirche gehört." Ihn beunruhigten Berichte, dass Franaszek PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski sehr nahe stehe, so Fidura. "Ich hoffe, dass der Professor seine politischen Verbindungen beiseite lässt und sich als vollkommen unparteiisch und unabhängig erweist."
Bereits im März 2023 hatten sich die Bischöfe für eine Missbrauchsaufarbeitung durch eine unabhängige Kommission entschieden. Zu ihrer kompletten Einsetzung kam es aber bis heute nicht. Zuletzt hatten polnische Ministerien das eingereichte Statut, in dem unter anderem die Arbeitsprinzipien geregelt sind, beanstandet und Änderungen verlangt. Die Bischofskonferenz nennt das Gremium "Kommission unabhängiger Experten zur Untersuchung des Phänomens des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen in der katholischen Kirche in Polen".