Rachel: "Geist von Assisi" ist wichtiger denn je
Beim internationalen Friedenstreffen der Gemeinschaft Sant'Egidio in Assisi sind Vertreter unterschiedlicher Religionen zusammengetroffen, am Dienstag endete das Treffen. Mit dabei war auch Thomas Rachel. Der CDU-Politiker ist seit dem vergangenen Jahr Beauftragter der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit. Im Interview spricht er über seine Eindrücke.
Frage: Herr Rachel, vor 40 Jahren fand das erste Friedenstreffen in Assisi statt. Später war häufig vom "Geist von Assisi" die Rede. Welche Atmosphäre haben Sie in den vergangenen Tagen gespürt?
Rachel: Der "Geist von Assisi" lebt, und wir alle haben gespürt, dass er wichtiger denn je ist. Wir leben in einer Zeit großer Konflikte und Kriege in der Welt. Autoritäre Staaten preschen vor, die multilaterale Rechtsordnung ist unter Druck. Zugleich sehen wir immer mehr Egoismen und Nationalismen. Gerade deshalb braucht es den Geist von Assisi. Um es mit einem Bild zu sagen: Hier wird nicht gegeneinander gebetet, sondern miteinander für das gemeinsame Ziel des Friedens.
Frage: Das erste Treffen vor 40 Jahren gilt als historisch. Wie kann das diesjährige Treffen nachwirken?
Rachel: Es geht darum, das Denken zu verändern: das Gemeinsame zu suchen und zu finden und das Verbindende zwischen den Religionen herauszustellen. Denn eines ist klar: Ohne eine Versöhnung der Religionen werden wir auch keinen Weltfrieden bekommen. Rund 80 Religionsvertreter haben einen gemeinsamen, nachdrücklichen Friedensappell an die Welt unterzeichnet – an die Politik, an Staaten, Regierungen und politische Akteure, aber natürlich auch an ihre eigenen Glaubensgemeinschaften. Darin zeigt sich, dass sich ganz unterschiedliche Akteure auf ein gemeinsames Verständnis geeinigt haben.
Frage: Welche Perspektive haben Sie als Vertreter der deutschen Bundesregierung bei den Gesprächen eingebracht?
Rachel: Ich habe im Forum "Europe – A Gentle Force" daran erinnert, dass es gerade die christliche Wertegrundlage war, die die Gründerväter der Europäischen Union – Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi und Robert Schuman – zusammengeführt hat. Das bildete den Kompass für das neue Europa, das aufgebaut werden sollte. Angesichts der Anfeindungen von außen, der politischen und territorialen Bedrohungen und der politischen Polarisierung ist dieser Gedanke wichtiger denn je.
Frage: Haben Sie angesichts der zahlreichen Krisen und Bedrohungen, die Sie angesprochen haben, eine größere Sorge um Europa wahrgenommen, möglicherweise auch bei Vertretern aus anderen Kontinenten?
Rachel: Der Blick auf Europa ist nach meinem Eindruck intensiver als in vergangenen Jahren. Es wird natürlich wahrgenommen, dass extreme politische Kräfte an den linken und rechten Rändern an Einfluss gewinnen. Man spürt, dass die führenden Vertreter, die hier sind, kein Interesse daran haben, dass Europa ins Wanken gerät. Sie wünschen sich, dass Europa sich im Sinne seiner "sanften Kraft", seiner "gentle force", mit seinen Wertegrundlagen international einbringt: als Zusammenschluss freiheitlicher Gesellschaften, die für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Religionsfreiheit stehen und den Wert jedes einzelnen Menschen anerkennen. Das hat auch in anderen Teilen der Welt Anziehungskraft.
Frage: Bei solchen Treffen entsteht von außen oft der Eindruck, dass große Einigkeit und viel Konsens herrschen. Haben Sie auch Spannungen wahrgenommen?
Rachel: Natürlich gibt es auch bei einer internationalen Friedenskonferenz wie dieser kontroverse Auffassungen. Insofern lernen wir, die Wahrnehmungen in anderen Regionen der Welt noch einmal anders zu verstehen. Entscheidend ist, dass wir zunächst mit Respekt mit anderen Auffassungen umgehen und trotzdem versuchen, Gemeinsamkeiten herauszufinden. Ein zentraler Gedanke ist dabei auch der nachdrückliche Appell von Papst Leo XIV. gegen den Krieg und für den Frieden.
Frage: Der Papst war aus Gründen der Rekonvaleszenz nach seiner Lungen-Operation nicht persönlich vor Ort. Nimmt das dem Treffen etwas?
Rachel: Ich durfte Papst Leo bei anderer Gelegenheit schon kennenlernen. Seine Ausstrahlung und seine Botschaft sind auch hier in das internationale Friedensgespräch eingeflossen. Seine eindringlichen Friedensappelle prägen religionsübergreifend die Vorträge und Gespräche, die wir hier erlebt haben.
Klar ist auch, dass Religionsgemeinschaften in der Verantwortung stehen, der Rechtfertigung von Gewalt zu widersprechen. Gerade weil religiöse Akteure in ihren jeweiligen Gemeinschaften eine hohe Glaubwürdigkeit genießen und unmittelbaren Zugang zu den Menschen haben.
Thomas Rachel
Frage: Religionen haben einerseits großes Potenzial, Frieden zu fördern. Andererseits stehen sie häufig auch im Zentrum von Konflikten. Wie lässt sich verhindern, dass religiöse Überzeugungen zur Rechtfertigung von Extremismus und Gewalt missbraucht werden?
Rachel: Bei Auslandsreisen in meiner Funktion als Religionsfreiheitsbeauftragter habe ich Vertreter verschiedener Religionsgruppen an einen Tisch eingeladen, die vorher noch nie miteinander an einem Tisch gesessen hatten. So ist ein gegenseitiges Kennenlernen und ein Austausch entstanden, aus dem sehr viel mehr erwachsen kann. Das ist ein wichtiger erster Schritt, um Vorurteile abzubauen und Versöhnung zu ermöglichen. Klar ist auch, dass Religionsgemeinschaften in der Verantwortung stehen, der Rechtfertigung von Gewalt zu widersprechen. Gerade weil religiöse Akteure in ihren jeweiligen Gemeinschaften eine hohe Glaubwürdigkeit genießen und unmittelbaren Zugang zu den Menschen haben.
Frage: Was ist, wenn religiöse Würdenträger selbst politische Konflikte verschärfen? Ich denke dabei insbesondere an die Rolle der russisch-orthodoxen Kirche im Ukraine-Krieg.
Rachel: Die Äußerung des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill, der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine sei ein "heiliger Krieg", ist erschreckend. Sie ist ein Missbrauch von Religion zur Legitimierung von Gewalt. Dem muss in aller Deutlichkeit widersprochen werden. Ich möchte dazu ein anderes Beispiel aus der Konferenz in Assisi nennen. Der Imam der großen Moschee in Jakarta in Indonesien, dem größten muslimischen Land der Welt, hat gesagt: "Jede Lehre, die Hass hervorruft, ist ein Verrat an Gott." Ich finde, deutlicher kann man das kaum sagen.
Frage: Es gibt auch zunehmend Versuche, Religion für politische Zwecke zu instrumentalisieren – selbst im Westen. In diesen Tagen etwa sorgte ein Gebet von mehreren katholischen Bischöfen für Donald Trump im Weißen Haus für Aufsehen. Welche Verantwortung tragen Religionsgemeinschaften, wenn politische Akteure Religion für ihre eigenen Interessen nutzen wollen?
Rachel: Ich habe wahrgenommen, dass es in der katholischen Kirche in den USA eine breite Reflexion und auch kritische Betrachtungen mit Blick auf dieses Gebet gegeben hat – gerade angesichts der Nähe zu den bevorstehenden Zwischenwahlen. Ich glaube, das spricht schon für sich.
Frage: Was werden Sie dem Bundeskanzler berichten, wenn er Sie fragt, was bei diesem Treffen in Assisi geschehen ist?
Rachel: Ich kann und werde berichten, dass es angesichts der zahlreichen Krisen in der Welt heute wichtiger denn je ist, religiöse Akteure in die Friedensbemühungen einzubeziehen. Dazu müssen natürlich auch die Möglichkeiten des interreligiösen Dialogs genutzt werden, um Wege zur Förderung einer friedlichen Entwicklung auszuloten. Neben der unbestrittenen Bedeutung politischer Gespräche und Verhandlungen liegt auch im Religiösen eine große positive Kraft zur Veränderung der Welt.