Radiosender beschwert sich über Bischofspredigt
Erzbischof Jean-Pierre Cattenoz von Avignon steht nach einer im Radio übertragenen Predigt in der Kritik. Auch der öffentlich-rechtliche Sender "France Culture" selbst habe sich bei der französischen Bischofskonferenz über die Ansprache beschwert, berichtete die Zeitung "La Croix" am Dienstag. In der Predigt am 15. Juli hatte Cattenoz sich klar gegen die Ehe für homosexuelle Paare und Abtreibung positioniert.
Der Erzbischof hatte in der traditionellen Sonntagsmesse anlässlich des alljährlichen Kulturfestivals im südfranzösischen Avignon gepredigt. Dabei hatte er sich mit den Themen Geschlecht und transsexuelle Identität auseinandergesetzt, die in diesem Jahr den Schwerpunkt der Veranstaltung bildeten. Während er das Festival selbst als großartige Möglichkeit zur Evangelisierung lobte, rief Cattenoz bezüglich der Themenauswahl zu "Umkehr" und Wiederentdeckung des Evangeliums auf.
Erzbischof: "Ehe für alle" ist nicht mehr als Freundschaft
Weiter erklärte der Erzbischof, er habe "noch nie ein L, ein G, ein T und neuerdings ein Q getroffen". "Ich kenne und sehe nur Menschen mit dem gesamten Reichtum ihrer Weiblichkeit und ihrer Männlichkeit, die in ihr Fleisch und damit in ihr tiefstes Dasein eingeschrieben ist." Die Komplementarität von Frau und Mann, aus der neues Leben hervorgehe, ersetze ihn noch immer in Erstaunen. Zur in Frankreich seit 2013 legalisierten Ehe für homosexuelle Paare erklärte Cattenoz: "Die Ehe für alle mag gerne existieren, sie wird jedoch nie mehr sein als eine Freundschaft, so schön sie auch sein möge."
In seiner Ansprache kritisierte der Erzbischof weiter eine hedonistische Mentalität in der Gesellschaft. Diese wälze sich in einem materiellen Wohlstand auf Kosten der Armen und verstehe nicht, woher die Migrationswellen kämen. Dass das Mittelmeer zu einem riesigen Friedhof geworden sei, scheine niemanden groß zu stören, so Cattenoz. Unter dem Motto "erlaubt ist, was gefällt" würden sich zudem auch Abtreibung, Suizidbeihilfe oder Leihmutterschaft ausbreiten.
In dem am Dienstag bekannt gewordenen Schreiben an die Bischofskonferenz rief "France Culture" zu "Respekt vor den Werten des öffentlichen Rundfunks, wie der Toleranz, des Respekts und der Nichtdiskriminierung, auf", hieß es im Bericht. Demnach habe der französische Rundfunkrat über 100 Beschwerden von Hörern über die Ausstrahlung der Predigt erhalten. Mit dem Brief wolle sich der Sender "mit den Reaktionen der Hörer verbinden, die von den Äußerungen Herrn Cattenoz' schockiert sein könnten", erklärte der Programmbeauftragte Vincent Lemerre. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Frankreich ist per Satzung zu "Übertragungen mit religiösem Charkater" an Sonntagvormittagen verpflichtet. Die inhaltliche Verantwortung liegt bei den Glaubensgemeinschaften selbst.
Erzbistum stürzte unter neuem Erzbischof in die Krise
Cattenoz hatte bereits Ende 2016 für Aufsehen gesorgt. Damals kritisierte er die Weihnachtskampagne der Stadt Avignon. In deren Mittelpunkt stand anstatt christlicher Symbolik eine Giraffe. Bereits kurz nach seinem Amtsantritt im Jahr 2002 war es zudem in der Erzdiözese Avignon zu Konflikten um Cattenoz wegen dessen Amtsführung gekommen. Diese gipfelten in einer Krise im Jahr 2009, als fast alle Dekane aus Protest den Priesterrat verließen und die Entlassung des Erzbischofs forderten. Nach einer Mediation durch den Erzbischof von Marseille, Georges Pontier, blieb Cattenoz im Amt und wurde darin jeweils von den Päpsten Benedikt XVI. und Franziskus bestätigt. (kim)