Schönstatt braucht kritische Aufarbeitung – genau wie andere
1977 war ich 16 Jahre alt und ein Schönstattmädchen. Bei einer Tagung zur Jahresparole "Ursprungstreue Jugend wagt alles für den Sieg des Vaters" habe ich eifrig Notizen gemacht und diese später abgetippt. Den Kontakt zu Schönstatt habe ich rund zwei Jahre später beendet, die Notizen jedoch vor einiger Zeit wiedergefunden.
Beim Vortrag zum Aspekt "Für den Sieg des Vaters" sagte der Referent: "Gott übertrug seine Eigenschaften auf unseren Vater und Gründer und so werden wir durch ihn zu Gott weitergeleitet. … Ich will seine Vatertätigkeit annehmen und wünsche, dass er in mir weiterlebt. … Herr Pater war ganz Mensch, er war ganz edel und ganz übernatürlich eingestellt. Herr Pater war ein klassisches und einzigartiges Abbild des Vatergottes. …"
Ich habe Kentenich nicht mehr erlebt, erinnere mich aber an seinen Todestag am 15. September 1968. Bei unserer Ankunft auf der Liebfrauenhöhe lief eine verzweifelte Schwester auf uns zu und rief: "Der Herr Pater ist tot, der Herr Pater ist tot …" Die Szene und das Gefühl, dass etwas sehr, sehr Schlimmes passiert sein musste, habe ich noch vor Augen.
"Unser Vater und Gründer" wurde und wird in Schönstatt bis heute verehrt – ungeachtet der in der Mitschrift zum Ausdruck kommenden Selbstüberhöhung und der durch Alexandra Teuffenbach veröffentlichten Missbrauchsvorwürfe.
Einige Jahre nach dem Erscheinen ihres Buchs "Vater darf das" war das Thema Kentenich wieder in Vergessenheit geraten. Nun ist es erneut in der Diskussion, und das ist gut so. Wie bei der "Christusgemeinschaft" und bei "Totus tuus" wäre eine unabhängige Studie notwendig, und dies nicht nur zur Person des Gründers, sondern zur Schönstattbewegung insgesamt.
Judith Könemann sagt zu Recht, dass die Gefahr des spirituellen Missbrauchs in jeder religiösen Gemeinschaft gegeben ist. Die Ergebnisse der aktuellen Studie sollten Anlass sein, auch weitere Gemeinschaften kritisch zu untersuchen. Dabei gilt es, auch systemische Strukturen und den Umgang der Kirchenleitung mit Hinweisen auf problematische Vorgänge unter die Lupe zu nehmen. Manche betroffene Person wird es allerdings kaum wagen, sich zu melden, wenn die jeweilige Gemeinschaft selbst dazu aufruft. Es braucht unabhängige Anlaufstellen und geschützte Räume, in denen ehemalige wie noch zugehörige Mitglieder ihre Erfahrungen frei und ohne Angst vor negativen Folgen schildern können.
Regina Nagel ist Religionspädagogin, Wirtschaftspsychologin und Autorin. Sie studiert derzeit Geschichte Europas an der FernUniversität Hagen und engagiert sich bei den Omas gegen Rechts Deutschland e.V.
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.