US-Bischof Sheen könnte doch noch seliggesprochen werden
Es ist ein langer Weg, bis die katholische Kirche jemanden selig- oder heiligspricht. Die Kandidaten für die "Ehre der Altäre" werden in einem jahrelangen Prozess geprüft. Deshalb kommt es äußerst selten vor, dass eine bereits angekündigte Seligsprechung wieder abgesagt wird – so geschehen im Fall des prominenten Fernsehpredigers und US-amerikanischen Erzbischofs Fulton Sheen: Wenige Wochen vor dem Festgottesdienst gab der Vatikan im Dezember 2019 bekannt, dass die Seligsprechung auf Bitten einiger Bischöfe ausgesetzt werde. Der Grund dafür waren Untersuchungen über den Umgang Sheens mit Missbrauchsbeschuldigten während seiner Zeit als Bischof der Diözese Rochester im Bundesstaat New York. Nun gibt es Anzeichen, dass der Seligsprechungsprozess nach bald zweijähriger Pause wieder aufgenommen werden könnte.
Die Mutmaßungen stützen sich auf eine Aussage des Koadjutor-Bischofs der Diözese Peoria, Louis Tylka. Dieser sagte Mitte der Woche gegenüber der US-amerikanischen Tageszeitung "Journal Star", dass er auf eine Wiederaufnahme des Prozesses hoffe. Wenn es einen Grund gebe, warum die Sache nicht vorangetrieben werden sollte, sei dieser eindeutig zu klären. Einen solchen Grund könne er aber nicht erkennen, so Tylka. Die Seligsprechung pausiere lediglich: "Es ist nur eine Pause. Als es angehalten wurde, haben sie nicht gesagt 'Es ist vorbei'". Die Diözese Peoria im Bundesstaat Illinois ist das Heimatbistum Sheens und treibt den Seligsprechungsprozess seit 2003 voran. Ein Vertreter der Diözese hatte nach der Absage von einem "unerklärlichen Akt der Sabotage" gesprochen, der "die Gläubigen verletzt".
Fristverlängerung zur Meldung von Missbrauchsfällen ausgelaufen
Eine Wiederaufnahme der Seligsprechung könnte dadurch begünstigt werden, dass am vergangenen Wochenende ein Fristaufschub zur Meldung von Missbrauchsfällen im Bundesstaat New York auslief. Das von der Staatsanwaltschaft gewährte Zeitfenster sollte es Betroffenen ermöglichen, noch lange nach Ablauf der Verjährungsfrist Klagen wegen sexuellen Missbrauchs einzureichen. Trotz tausender Klagen, die während des Verjährungsaufschubs gegen verschiedene Ney Yorker Diözesen eingereicht wurden, gab es laut dem rechtskatholischen Portal "The Pillar" bisher keinen Hinweis auf einen falschen Umgang mit Missbrauchsvorwürfen durch Erzbischof Sheen.
Bisher liegen jedoch keinerlei Meldungen seitens des Vatikans vor, die die Mutmaßungen um eine Fortsetzung des Seligsprechungsprozesses bestätigen würden. Der seinerseits wegen Veruntreuung angeklagte frühere Präfekt der Heiligsprechungskongregation, Angelo Becciu, hatte 2019 erklärt, die Absage der Seligsprechung Sheens geschehe "aus Respekt vor den US-Zivilbehörden". Diese müssten ihre Ansicht zu Missbrauchsfällen darlegen können, die Sheens Zeit als Diözesanbischof beträfen. An dieser Situation scheint sich bisher nichts geändert zu haben.
Fulton John Sheen (1895-1979) gewann breite Popularität durch die ab 1930 ausgestrahlte wöchentliche Radiosendung "The Catholic Hour" (Die katholische Stunde) sowie das von 1952 bis 1957 produzierte TV-Programm "Live Is Worth Living" (Das Leben ist lebenswert). Seine erfolgreiche Medienaktivität setzte Sheen auch nach seiner Ernennung zum Weihbischof von New York fort. Von 1966 bis zu seiner Emeritierung 1969 leitete er das Bistum Rochester. Der evangelikale Prediger Billy Graham bezeichnete Sheen als "den größten Kommunikator des 20. Jahrhunderts". 2019 hatte Papst Franziskus die Heilung eines Neugeborenen als auf die Fürsprache Sheens zurückzuführendes Wunder anerkannt und ebnete damit die letzte formale Hürde zu einer Seligsprechung. (mfi)