Hundert Mal Franziskus
Diese recht junge – weniger als hundert Jahre alte – Art eines Papstauftritts erfreut sich großer Beliebtheit: Seit dem Amtsantritt von Franziskus im März 2013 kamen 3,3 Millionen Pilger und Besucher zu den Generalaudienzen. Nach einer Pause im Juli und einigen Wochen, in denen die wöchentliche Begegnung wegen der Sommerhitze in der Audienzhalle stattfand, war es seit Monaten die erste auf dem Petersplatz.
Inhaltlich ging es bei dieser inoffiziellen "Jubiläumsaudienz" um zwei Themen, die Franziskus am Herzen liegen: um die Familie und den Umweltschutz. Familien sollten sich regelmäßig Zeit für ein Gebet nehmen, so der Papst. Viele Menschen würden gerne mehr beten, kämen aber im Alltag nicht dazu. "Das menschliche Herz sucht immer das Gebet, auch wenn es nichts davon weiß; und wenn es nicht dazu kommt, findet es keinen Frieden." Die Zeit, die man Gott schenke, gebe er dem Betenden in Form von innerer Ruhe und Freude zurück.
Spontan zu Gott "Vater" sagen
Gerade in Familien fehlte oft die Ruhe, um zu beten. Dabei leisteten viele Eltern Großes. "Es gibt Mamas und Papas, die könnten dafür den Nobelpreis erhalten", so Franziskus. Familienmenschen schafften es, innerhalb von 24 Stunden doppelt soviel unterzubringen. Es sei aber auch wichtig, regelmäßig als Familie zu beten oder ein Stück aus dem Evangelium zu lesen. So komme Jesus in ihre Mitte, sagte der Papst vor Tausenden Pilgern und Besuchern.
Beim Gebet sollte der Christ nach Ansicht von Franziskus Gott nicht nur als höchstes, allmächtiges Wesen und Richter begreifen, sondern ihn als liebenden Vater ansprechen, wie Jesus es getan habe. "Lernen wir, mit unserem Herzen Gott 'Vater' zu nennen - mit der gleichen Spontanität, wie Kinder 'Papa' oder 'Mama' sagen."
Danach wandte sich der Papst an die Menschen mit einer besonderen Einladung: Es wird am 1. September den ersten Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung geben. Im Petersdom werde er am Dienstag einen Wortgottesdienst gemeinsam mit den Kardinälen, Bischöfen, Prälaten und Laienmitarbeitern der Kurie feiern, kündigte Franziskus an.
Umweltenzyklika führt zu Gebetsinitiative
Er habe den von den orthodoxen Christen bereits seit 1989 jeweils am selben Termin begangenen Gebetstag auch für die katholische Kirche angesetzt, um so einen Beitrag zur Überwindung der ökologischen Krise zu leisten. Der Tag solle in allen Ortskirchen angemessen begangen werden und damit auch einen entsprechenden Lebensstil fördern, so der Papst.
Franziskus folgte mit der Einsetzung des neuen Weltgebetstages einer Anregung des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel. Metropolit Ioannis Zizioulas, der von Patriarch Bartholomaios I. immer wieder für den Kontakt mit dem Vatikan eingesetzt wird, hatte bei der Präsentation der Umweltenzyklika "Laudato si" am 18. Juni eine solche gemeinsame Gebetsinitiative beider Kirchen vorgeschlagen. Nach den Worten des Papstes stehen alle Kirchen durch die fortschreitende Umweltzerstörung vor denselben Herausforderungen, deshalb sei eine gemeinsame christliche Antwort nötig.
Nach der hundertsten Ausgabe der Franziskus-Audienzen wird es in den kommenden Monaten nicht stiller werden um den Papst und die mittwöchlichen Großtreffen mit den Gläubigen – im Gegenteil. Aufgrund des erwarteten Pilgerstroms im Heiligen Jahr soll es mehr Generalaudienzen auf dem Petersplatz geben. Monatlich werde Franziskus auch samstags zu einer Generalaudienz einladen, kündigte der Präfekt des Päpstlichen Hauses, Erzbischof Georg Gänswein, jüngst an. Bisher stehen der 30. Januar und der 20. Februar 2016 als Datum fest. Das Heilige Jahr unter dem Motto der Barmherzigkeit beginnt am 8. Dezember und dauert bis zum 20. November 2016.
Im Dom, auf dem Platz und in der Halle
Wöchentliche Generalaudienzen gibt es seit 1925; Papst Pius XI. führte sie im Zuge des damaligen Jubeljahrs ein. Sie fanden jedoch hauptsächlich im Petersdom statt, die Päpste wurden dazu von Thronträgern in das Gotteshaus hineingetragen. Johannes Paul II. (1978-2005) war der erste, der auf dieses Transportmittel verzichtete. 1971 wurde die Vatikanische Audienzhalle fertiggestellt, die je nach Bestuhlung 6.000 bis 12.000 Pilger fasst und vor allem in den Wintermonaten genutzt wird.
Paul VI. (1963-1978) nutzte die Pilgertreffen ab den 1960er Jahren dazu, dem Kirchenvolk in regelmäßigen Katechesen seine Auslegung des katholischen Glaubens zu vermitteln. Johannes Paul II. erweiterte das Programm um den direkten Kontakt mit den Menschen, fuhr mit dem Papamobil durch die Reihen. Seither gehört der Pontifex, der Kinder küsst und Hände schüttelt, fest zum Bildercode des Papsttums. (mit Material von KNA)