Nach Friedenstreffen: Papst Leo XIV. wird gebraucht
Es war eine Sensation – und keinesfalls unumstritten. Als Papst Johannes Paul II. vor vierzig Jahren ein interreligiöses Friedensgebet in Assisi ankündigte, wurde auch in der Kurie gegrummelt. Nicht zuletzt der damalige Präfekt der Glaubenskongregation und spätere Papst Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, äußerte Bedenken, das geplante Treffen sei eine unstatthafte Religionsvermischung. Wie jetzt in dieser Woche, hat man denn auch immer wieder darauf geachtet, dass es nicht zum gemeinsamen Beten kommt, sondern die Vertreter der Religionsgemeinschaften sich zum Gebet eigenständig versammeln.
Viel wichtiger aber ist: Nicht nur das ursprüngliche Ereignis von Johannes Paul II. war ein großer Erfolg mit weltweiter Wirkung, auch die Folgetreffen haben Beachtung gefunden. Dennoch hat der griechisch-orthodoxe Patriarch Bartholomäus mit seinen selbstkritischen Mahnungen jetzt Recht, dass es offensichtlich nicht gelungen ist, das eigentliche Anliegen weltweit in allen Religionen zu verankern und politisch wirksam werden zu lassen. Das gilt für erneut aufgebrochene Verfeindungsspiralen zwischen religiösen Gemeinschaften beziehungsweise deren Vertretern. Das gilt aber auch für den eigenen Spirit in den christlichen Konfessionen. Auch die römisch-katholische Kirche kann sich da nicht freisprechen, weil die Polarisierung auch in diesen Fragen zugenommen hat.
Dabei ist der Geist von Assisi wichtiger denn je. Nachdem der letzte Papst sich bewusst nach dem heiligen Franziskus benannt und damit ein wichtiges Zeichen gesetzt hat, ist auch Leo XIV. ganz in dieser Spur. Es ist bedauerlich, dass er aufgrund seiner Rekonvaleszenz nach seiner Lungenoperation nicht in Assisi dabei sein konnte. Es ist umso erfreulicher, dass alles dafürspricht, dass er in den nächsten Monaten und Jahren dem Anliegen des Weltfriedens, auch im Schulterschluss mit allen anderen Religionen, wieder mit viel Kraft und Entschlossenheit widmen können wird. Er wird gebraucht. So viele andere Stimmen, die mächtigen Staatsführern ins Gewissen reden können und weltweit gehört werden, gibt es nicht.
Dr. Stefan Orth ist Chefredakteur der "Herder Korrespondenz".
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