Ordensmann und Papst-Biograph: "Habe selbst Krebs überlebt"
Papst Leo XIV. ist an Krebs erkrankt. Viele Menschen denken nun an ihn. Auch der Jesuit und Papst-Biograph aus München, Andreas R. Batlogg. Der Ordensmann und Priester ist 2017 an Krebs erkrankt. Er weiß, wie es sich anfühlt, plötzlich eine lebensbedrohliche Diagnose zu erhalten.
Frage: Herr Batlogg, Papst Leo ist an Krebs erkrankt. Können Sie sich vorstellen, wie es ihm nun ergeht nach der Diagnose?
Batlogg: Eine Krebsdiagnose ist immer schlimm. Aber es hat mich beeindruckt, wie gelassen und ruhig der Papst in die Klinik gefahren ist, um sich operieren zu lassen. Er hat sich nicht in der Tiefgarage im Auto versteckt. Er ist zu den Leuten hin, hat sie gegrüßt. Das zeigt seine Haltung. Dennoch, eine Operation ist eine Operation. Es kann dabei immer zu Komplikationen kommen, es ist nicht ohne. Bei jeder Narkose kann etwas schief gehen.
Frage: Hatten Sie selbst Angst, als Sie die Diagnose Krebs erhielten?
Batlogg: Ja, ich hatte große Angst. Ich habe damals 2017 bei schönstem Oktoberwetter in München die Diagnose Darmkrebs erhalten. Als ich erfahren habe, dass ich einen faustgroßen Tumor habe, hatte ich große Angst. Ich bin am nächsten Tag gleich zu einem anderen Arzt in eine andere Klinik gefahren, weil ich dachte: Das war bestimmt eine Fehldiagnose. Aber auch der zweite Arzt hat die Diagnose bestätigt und gesagt, ich soll nun alle Termine für ein Jahr absagen. Damals war ich 55 Jahre alt. Ich wollte eigentlich gerade ein Sabbatjahr beginnen und Ende des Jahres nach Jerusalem gehen. Aber meine Pläne wurden ziemlich durchkreuzt.
Frage: Papst Leo ist 71 Jahre alt, als er nun die Diagnose Krebs erhalten hat, und kommuniziert das öffentlich nach außen. Wie finden Sie das?
Batlogg: Ich finde das sehr gut, denn die Zeit der Geheimniskrämerei ist im Vatikan endgültig vorbei. Der Papst ist ein Mensch, er ist sterblich. Auch ein Papst kann Krebs bekommen. Aber die Haltung, wie er darüber spricht, kann Menschen Mut machen, die Tabuisierung von schweren Erkrankungen aufzulösen. Ich denke, er wird es gut machen. Erst seit einem Jahr ist er Papst und er hat gerade eine wichtige Enzyklika über Künstliche Intelligenz veröffentlicht. Es wäre schade, wenn es jäh zu Ende mit ihm ginge. Ich bin zuversichtlich.
Ja, der Glaube war und ist für mich ein großer Resilienzfaktor. Mir hat das gut getan, wenn Menschen mir gesagt haben: Ich bete für Sie. Ich habe viel Anteilnahme in dieser Zeit gespürt.
Andreas R. Batlogg, Jesuit
Frage: Viele Menschen beten für den Papst. Wurde damals auch für Sie am Krankenbett gebetet, als Sie wegen des Tumors operiert wurden?
Batlogg: Ja, der Glaube war und ist für mich ein großer Resilienzfaktor. Mir hat das gut getan, wenn Menschen mir gesagt haben: Ich bete für Sie. Ich habe viel Anteilnahme in dieser Zeit gespürt. Das ist auch wichtig für die Genesung. Mir haben außerdem viele Menschen Blumen gebracht, als ich einmal isoliert in einem Zimmer war, weil ich die Chemotherapie nicht so gut vertragen hatte. Ich habe dann aber gesagt: Bitte keine Blumen mehr, hier sieht es sonst aus wie in einer Aufbahrungshalle. Aber auf dem OP-Tisch lag ich allein. Da geht einem alles Mögliche durch den Kopf. Ich wurde sechs Stunden lang operiert. Ich bin dann danach mit einem künstlichen Ausgang aufgewacht. Das war nicht so einfach für mich zu akzeptieren. Aber es ging nicht anders. Im Aufwachraum war dann aber ein Mitbruder da, der mir die Hand gehalten hat. Das hat mir gutgetan. Ein befreundeter Arzt hat mich von Anfang an begleitet und mir immer wieder gesagt: Ich bin da für dich. Das hat mir sehr durch diese Zeit geholfen. Trotzdem habe ich damals viel abgenommen, weil die Bestrahlungen und Chemotherapien meinen Körper sehr geschlaucht haben. Manchmal habe ich mir auch gewünscht, dass ich Knochenkrebs habe. Darmkrebs ist mit viel Scham behaftet.
Frage: Sie schreiben in Ihrem Buch "Durchkreuzt" über Ihre Krebserkrankung und beschreiben, wie Sie unterwegs einmal in die Windel machen mussten, sich übergeben haben oder inkontinent wurden …
Batlogg: Ja, für mich war es damals befreiend, darüber offen zu schreiben. Heute wüsste ich nicht mehr, ob ich es noch genauso offen beschreiben würde. Es war teilweise pikant. Ein Leser hat mir später zurückgemeldet, dass er mein Buch nicht fertiglesen konnte, weil es so oft um meine Inkontinenz darin ging. Krebs ist eine Zäsur im Leben. Die Angst ist immer da, dass er weiterwächst.
Frage: Denken Sie, der Papst hat auch Angst?
Batlogg: Ja, warum sollte nicht auch ein Papst Angst haben? Doch er weiß sich sicher getragen. Er ist ein reifer spiritueller Mensch. Er erhält gerade Genesungswünsche aus aller Welt. Das tut ihm als Patient sicher gut. Aber unters Messer musste er sich selbst legen. Die Schmerzen muss er selbst ertragen. Das kann ihm keiner abnehmen. Aber heute ist eine Krebsdiagnose kein Todesurteil mehr. Der Knoten in seiner Lunge wurde zum Glück in einem frühen Stadium entdeckt. Seine OP verlief ohne Komplikationen.
Frage: Es gibt Menschen, die sich bei einer Krebserkrankung fragen, ob Sie selbst daran schuld sind oder sogar zu wenig gebetet hätten? Wie sehen Sie das?
Batlogg: Das ist absoluter Quatsch. Ich begegne solchen Narrativen immer wieder, aber sie sind schlechte Theologie. Als wenn man Unglücke, Krankheiten oder Schicksalsschläge von Gott abbitten könnte. Ich habe eine große Abneigung gegen Plattitüden. Die kommen bei Betroffenen nicht gut an. Ich bin vorsichtiger geworden, wenn ich mich zu jemanden ans Krankenbett setze. Besser ist es zu schweigen und dem anderen die Hand zu halten. So kann man dem anderen signalisieren: Ich bin da für dich.
Frage: Haben Sie sich nach Ihrer Krebs-Diagnose gefragt: Warum ich?
Batlogg: Ja, mehrmals. Ich war 17 Jahre lang bei den "Stimmen der Zeit", die letzten acht Jahre als Chefredakteur. Da war vieles stressig. Ich habe einige Jahre lang parallel dazu auch das Karl-Rahner-Archiv geleitet. Aber dann wurde ich abrupt aus dieser Mühle herausgerissen. Ich musste Termine absagen. Ich kam von 180 auf null herunter. Ich war auf die Hilfe anderer angewiesen. Ich habe mich oft gefragt, ob ich ein Pflegefall werde. Was ist, wenn die OP schief geht? Ich habe als Priester oft die Krankensalbung gespendet und auf einmal habe ich sie das erste Mal selbst empfangen. Da wurde mir klar, es kann mit mir jederzeit zu Ende gehen.
Frage: Haben Sie sich auch die Frage gestellt, ob sie ihren Seelsorgeberuf aufgeben und etwas anderes machen könnten?
Batlogg: Ich bin Ordensmann und ich bleibe das. Stressige Zeiten gehören bei mir dazu. Wenn ich jede Art von Aufregung vermeiden will, dann kann ich es gleich ganz sein lassen. Seelsorger sein heißt, sich beanspruchen lassen. Es gibt stressige Zeiten, das lässt sich nicht vermeiden.
Ich werde wieder nervös sein, wenn ich bald wieder zu meiner jährlichen Vorsorgeuntersuchung fahre. Aber es ist besser, so eine Untersuchung zu machen.
Andreas R. Batlogg, Jesuit
Frage: Wie geht es Ihnen heute?
Batlogg: Ich wurde im April 2018 das letzte Mal operiert und im Frühjahr 2019 habe ich dann mein Sabbatjahr nachgeholt und war drei Monate in Jerusalem. Ich bin jetzt krebsfrei. Aber ich gehe heute in keine Klinik mehr unbefangen. Die Angst vor Metastasen bleibt. Ich werde wieder nervös sein, wenn ich bald wieder zu meiner jährlichen Vorsorgeuntersuchung fahre. Aber es ist besser, so eine Untersuchung zu machen.
Frage: Was haben Sie aus Ihrer Erkrankung gelernt?
Batlogg: Mir ist bewusst geworden, wie kostbar Zeit ist. Jede Stunde kann meine letzte sein. Die Kunst des Sterbens und Loslassen kann ich täglich einüben. Nicht nur dann, wenn ich so eine schlimme Diagnose bekomme. Ich möchte nicht mehr von Termin zu Termin hetzen und bewusster und gesünder lebe. Bewusst und gesund leben: Mehr Pausen machen, viel mehr innehalten, nicht mehr eine Arbeit nach der anderen erledigen. Es ist nicht immer möglich, aber ich versuche es. Ich bin kein neuer Mensch seitdem geworden. Ich bin manchmal immer noch aufbrausend oder ungerecht wie zuvor. Was mich aufregt, ist oberflächlicher Smalltalk. Damit vergeuden wir Zeit. Die Qualität von Freundschaften ist mir wichtiger geworden.Ich habe vor Kurzem meinen 64. Geburtstag gefeiert. Da habe ich mir gedacht: Ich bin schlicht dankbar, dass ich noch lebe. Ich schätze mein Leben anders, weil ich Krebs überlebt habe. Von meinem Abi-Jahrgang sind schon einige verstorben oder im Ruhestand. Ich als Jesuit gebe den Löffel erst mit 80 ab. Es hätte schon mit 55 aus sein können. Ich bin dankbar für die neun Jahr, die ich seither lebe.
Frage: Haben Sie einen Tipp für den Papst?
Batlogg: Mich hat einmal Kardinal Schönborn, der mich zum Priester geweiht hat, gefragt, ob ich einen Tipp für ihn habe, als er kurz vor seiner Krebs-OP war. Ich habe ihm gesagt: „Verabschiede dich von dem Gedanken, dass eine OP eine Reparaturmaßnahme ist. Sie schneiden dich auf, holen was raus und machen wieder zu, dann geht es weiter wie bisher.“ Es geht anders weiter. Jeder hat einen anderen Weg vor sich nach einer Erkrankung. Ich denke, wer eine Krebsdiagnose erhält, macht dann automatisch langsamer. So wird es auch dem Papst ergehen. Er wird sein Pensum vielleicht reduzieren müssen. Aber er ist sportlich und agil. Er wird seinen Weg gut gehen. Ich mag zwar keine Floskeln – aber wir fallen alle in Gottes Hand. Darauf vertraue ich als glaubender Mensch.