Theologe Bauer: Von "irregulären" Lebensformen ist nicht mehr die Rede
Zehn Jahre nach der Veröffentlichung des nachsynodalen Schreibens "Amoris laetitia" hat Papst Leo XIV. die Vorsitzenden aller Bischofskonferenz nach Rom gerufen, um über die Ehe, Familien und die Verkündigung des Evangeliums zu sprechen. Neben Bischof Heiner Wilmer als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz hat auch der Münsteraner Pastoraltheologe Christian Bauer als Experte teilgenommen. Im katholisch.de-Interview schildert er seine Eindrücke.
Frage: Herr Bauer, als Papst Franziskus vor zehn Jahren sein nachsynodales Schreiben "Amoris laetitia" veröffentlich hat, war das in Teilen der Kirche hoch umstritten. Wie war das jetzt in Rom: Gibt es immer noch Tendenzen, die pastoralen Lockerungen von Papst Franziskus zurückzunehmen?
Bauer: Davon war in den letzten Tagen nichts zu hören, allenfalls gab es ein paar vereinzelte Stimmen, die mehr doktrinelle Klarheit anmahnten. Ganz im Gegenteil: Alle, die 2014/15 an den beiden Bischofssynoden vor "Amoris laetitia" teilgenommen haben, sprechen von einem Vibeshift, der ziemlich genau der innerkirchlichen Friedensagenda von Papst Leo XIV. entspricht: Weg von den zugespitzten dogmatischen Polarisierungen vor zehn Jahren, hin zu einer ebenso realistischen wie konsenswilligen Komplexität mit pastoraler Entwicklungsdynamik.
Frage: Wenn Sie es auf einen konkreten Punkt bringen: Was ist das Ergebnis des "Amoris-laetitia"-Treffens?
Bauer: Das wohl wichtigste Ergebnis der Bischofsversammlung ist ein wachsender weltkirchlicher Konsens über Gegenstand und Methode von "Amoris laetitia". Über den Gegenstand: Es geht um Zuhören ("Ascoltare"), Begleiten ("Accompagnare") und Abwägen ("Discernere") – kurz: um einen pastoral sensiblen und nicht mehr doktrinär verurteilenden Ansatz, um eine Verletzungen ernstnehmende und nicht mehr verletzende Sprache. Von sogenannten "irregulären" Lebensformen ist jedenfalls nicht mehr die Rede. Genauso freut mich, dass auch der methodische Paradigmenwechsel des Dokuments nicht mehr infrage steht: Man muss synodal von konkreten Erfahrungen ausgehen, nicht mehr hierarchisch von abstrakten Prinzipien. Mit diesem erfahrungsbasierten Ansatz ist der "pastoral turn" des Zweiten Vatikanischen Konzils nun endlich auch in Rom angekommen.
Frage: Die Positionen zu Ehe und Familie und auch die Herausforderungen, die damit verbunden sind, unterscheiden sich in Teilen der Welt sehr deutlich. Welchen Konsens konnte das Treffen in Rom erzielen?
Bauer: Bei allen konkreten Einzelfragen – von religionsverschiedenen Ehen und arbeitsbedingter Migration über eheliche Gewalt und familiären Missbrauch bis hin zu gleichgeschlechtlichen Paaren und wiederverheirateten Geschiedenen – war im Grundsatz klar: Es braucht diesen pastoralsensiblen und erfahrungsbasierten Ansatz einer solidarisch mitgehenden Kirche, die das "Evangelium der Familie" glaubhaft bezeugt. Familien sind nicht nur passive Objekte, sondern auch aktive Subjekte sozialer Transformation im Geiste Jesu.
Frage: Welche Weiterentwicklungen zu der Lehre, die Papst Franziskus in "Amoris laetitia" vorgelegt hat, konnten Sie erkennen?
Bauer: Das war für mich der am meisten enttäuschende Punkt: Hier ist kein wirklicher Fortschritt zu erkennen. Es geht um pastorale Umkehr – und das ist schon sehr viel –, auch um theologische, aber nicht um doktrinelle im Sinne der lebendigen Tradition der Kirche. "Conversión pastoral" – das muss die gesamte Existenz der Kirche umfassen, also auch ihr Lehramt, das der Konzilseröffnungsrede von Papst Johannes XXIII. zufolge ein "pastorales Wesen" hat.
Frage: Papst Leo XIV. konnte wegen seiner Lungen-OP nicht am letzten Teil der Beratungen teilnehmen. Welche Auswirkungen hatte das auf die Tagung?
Bauer: Es war sehr schade, dass Papst Leo nach seiner starken Eröffnungsrede nicht mehr dabei sein konnte. Anfangs hatte ich auf der Versammlung sogar den Eindruck, dass seine Rede – zusammen mit der einführenden Meditation der Dominikanerin Helen Alford – die theologisch prophetischste Stimme war. Dem Papst ist die weltkirchliche Rezeption von "Amoris laetitia" ein wirkliches Anliegen. Sein Vorgänger Franziskus hat Türen geöffnet, die er weiter offenhalten möchte. Mit der Weltsynode zur Synodalität gesprochen: Franziskus hat die Kirche nach dem Motto "Mach den Raum deines Zeltes weit ..." pastoral geweitet, Leo konsolidiert diese Öffnung nun institutionell nach dem Motto "… und verankere deine Zeltpflöcke fest" (Jes 54,2).
Frage: Zwar wurden einige Paare und theologische Experten zu dem Treffen eingeladen, im Wesentlichen aber die Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen. Das ist ein deutlicher Unterschied zu den Sitzungen der Weltsynode. Wurde das thematisiert, dass hier in erster Linie unverheiratete Kleriker über Themen wie Ehe und Familie diskutieren?
Bauer: Hin und wieder war das tatsächlich Thema, gerade auch seitens der Bischöfe – und zwar aus allen Teilen der Weltkirche. Die starke Betonung von Paaren und Familien als Akteurinnen und Akteure der Pastoral, und nicht nur als deren Adressatinnen und Adressaten, hat auch diesen Hintergrund. Es war mehr als nur reine Symbolik, dass gleich zu Beginn jedes Tages einzelne Paare das Wort hatten. Ihr persönliches Zeugnis hatte im Verlauf der Versammlung durchaus Gewicht. Auch wenn es natürlich immer noch merkwürdig bleibt, wenn ein Saal voller unverheirateter Kleriker über Ehe und Familie spricht.
Frage: Was hat Sie persönlich bei dem Treffen am meisten überrascht?
Bauer: Das weitgehende Ausbleiben extremer Stimmen im Sinne der berühmt-berüchtigten "Dubia" einiger äußerst konservativer Kardinäle nach "Amoris laetitia". Die Bischofsversammlung war weder ein dramatischer Schritt dahinter zurück noch ein gewaltiger Schritt nach vorne – sondern eher ein Vertiefen von bereits Erreichtem, in einem wachsenden weltkirchlichen Konsens. Dieser vergrößerte "common ground" war vorher nicht abzusehen!
Frage: Welche Rückmeldungen haben Sie als deutscher Vertreter von den Teilnehmenden aus aller Welt zur Kirche in Deutschland bekommen?
Bauer: Leider gibt es in manchen Teilen der Weltkirche noch immer erhebliche Vorbehalte, die zum Teil auf Falschinformationen und Fehleinschätzungen basieren – und zwar nicht nur in Bezug auf den Synodalen Weg, sondern auch gegenüber der deutschen Theologie. In den letzten Tagen ist mir in Rom aber nicht nur vorsichtige Skepsis, sondern auch große Offenheit und herzliche Sympathie begegnet. Es braucht in Zukunft deutlich mehr persönliche Kontakte auf allen Ebenen!
Frage: Sie haben am Abschlussdokument des Treffens mitgearbeitet, das noch an Papst Leo XIV. weitergegeben und später veröffentlicht werden soll. Welche Überraschungen enthält das Dokument?
Bauer: Mich hat überrascht, dass es einige prophetische Stimmen aus der Synodenaula in das Dokument geschafft haben, die das enthalten, wovon Karl Rahner einst mit Blick auf das letzte Konzil gesprochen hat: "Haken" zur theologischen Weiterarbeit. Und zwar nicht nur im Sinne einer Weiterentwicklung von Pastoral und Theologie, sondern auch des kirchlichen Lehramts. Es gilt das von Papst Johannes Paul II. etablierte und von Papst Franziskus in "Amoris laetitia" aufgegriffene Prinzip des Graduellen: Die Gnade Christi wirkt nicht nur in sakramentalen Ehen, sondern auf geheimnisvolle Weise auch bereits in "inperfekten" Lebensformen – in der "verwundeten Sehnsucht" vieler Menschen von heute nach der großen Liebe.